Carrier IQ

Malware ab Werk vorinstalliert

Weltweit 140 Millionen Smartphones sind mit einer “Diagnose”-Software ausgestattet, die auch SMS und sichere Webzugriffe aufzeichnet. Müssen wir jetzt alle paranoid werden?

Dein Telefonanbieter sieht auch dich

Eines Tages kaufte der Sicherheitsexperte Trevor Eckhart aus Connecticut in den USA über den Mobilfunkprovider Sprint ein HTC-Smartphone mit Android. Wie üblich war die Standardausstattung auch dieses Geräts von der Telefonfirma mit eigener Software ergänzt worden.

Dieses Vorgehen wird "Branding" (an die eigene Marke anpassen) genannt und ist weltweit üblich. Es sorgt für ein Logo der Telefonfirma auf dem Homescreen und bietet andere mehr oder weniger nützliche Zugaben. Das die Provider auch vollkommen schädliche Zugaben mitliefern, ist neu.

Spionagesoftware, gut getarnt

Bei Sicherheitstests mit seinem neuen HTC stieß Eckhart auf nicht dokumentierte und auch nicht mit normalen Mitteln erkennbare Software-Module zum Protokollieren diverser Daten. Eine nähere Analyse ergab: Im Hintergrund läuft eine Art Diagnoseprogramm mit dem Namen "Carrier IQ". Praktisch jeder Telefonanbieter nutzt so etwas, um Daten zur Netzqualität zu erheben und eventuell reagieren zu können.

Doch spezifische Benutzerdaten sind für so eine Aufgabe nicht notwendig. "Carrier IQ", das Tool vom Hersteller desselben Namens, ist laut der Aussagen von Trevor Eckhart mehr. So wie es aussieht, handelt es sich bei der "Diagnosesoftware" in Wirklichkeit um eine Art Spionagesoftware.

Laut Trevor Eckhart registriert "Carrier IQ" jede Eingabe (Keystroke Sniffing), speichert alle Daten, die über das Web ausgetauscht werden und bunkert außerdem noch die Ortsdaten, die das Smartphone laufend erzeugt. Da es sich um eine ab Werk installierte Hintergrund-Software handelt, kann sie der Smartphone-Besitzer nicht so einfach entfernen.

Bisher ist unklar, ob Daten übertragen werden. Auch die Art der Datenübertragung ist ungeklärt und es ist nicht bekannt, ob und wie die Daten gespeichert werden. Allerdings ist eines klar: Die Protokollierung der Daten geschieht ohne Einverständnis der Nutzer, was in den meisten Staaten der Welt - eingeschlossen die USA - ein Verstoß gegen geltende Datenschutzgesetze ist.

Die Vorwürfe sind brisant. Ganz offensichtlich handelt es sich bei der "Diagnose"-Software um ein Programm, dass prinzipiell in der Lage ist, jede Menge sensible Daten an den Telefonanbieter zu verschicken. Es protokolliert alle SMS-Inhalte und selbst Eingaben auf verschlüsselten Webseiten.

140 Millionen überwachte Telefone?

Der Hersteller hat in einer ebenso langen wie letztlich nichtssagenden Pressemitteilung den Vorwurf des Keystroke Sniffing zurückgewiesen. Es handele sich um eine Analysesoftware, die dem Kunden (also dem Netzbetreiber) nur verschlüsselte und verallgemeinerte Daten für die Analyse des Netzwerkverkehrs und der Leistung des Handys sende. Carrier IQ stellt dies als normalen Service dar, der zur Wartung von Geräten und Mobilfunknetzen nötig sei.

Laut der Firmen-Website werden weltweit über 140 Millionen Geräte von der Softwarefirma Carrier IQ überwacht. Nach jetzigem Erkenntnisstand ist die Software allerdings nicht bei Mobilfunkbetreibern in Europa im Einsatz, allerdings hat die Computerzeitschrift Chip Carrier IQ-Dateien auf einem Samsung-Tablet gefunden. Auf nicht "gebrandeten" Geräten sowie auf Googles Nexus-Varianten fehlt sie offensichtlich. Auf dem iPhone ist sie aber interessanterweise installiert - im normalerweise ausgeschalteten Diagnosemodus.

Was steckt also dahinter? Möglichkeit Eins: Es ist eine Spionagesoftware für eine US-Behörde, die aber vom Hersteller als "Diagnose"-Tool zweitverwertet wird. Möglichkeit Zwei: Die Homeland Security (oder eine andere US-Behörde) hat die Telefonanbieter dazu verdonnert, ein jederzeit zu öffnendes Hintertürchen in ihre Geräte einzubauen.

Möglichkeit Drei: Die Keylogger-Funktion ist das U-Boot eines Carrier IQ-Programmierers - entweder um seiner Firma zu schaden oder sich über ausgelesene Daten zu bereichern. (Wie auch immer das funktionieren könnte.) Möglichkeit Vier: Trevor Eckhart will seine eigene Security-App promoten und kocht das Thema extrem hoch - die Pro-Version mit einer Möglichkeit, den Keylogger zu entfernen, kostet nämlich 99 Cent.

War das alles? Ach ja, es fehlt noch Möglichkeit Fünf: Der Large Hadron Collider hat uns in ein Paralleluniversum gebeamt, in dem komplett durchgeknallte ITK-Firmen völlig normal sind. Die nicht zu beantwortetende Frage bei diesem Datenschutzskandal ist nämlich: Wer um alles in der Welt will was mit den Daten von 140 Millionen Smartphone-Nutzern anfangen und riskiert dafür Milliardenklagen von US-Rechtsanwälten?

Bildquelle: Rike / pixelio.de

 

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