06.11.2015 Entwickler entdecken Mobile Health

Medizinische Apps haben großes Potential

Von: Robert Schindler

Eine fast endlose Auswahl an Fitness- und Ernährungs-Apps bietet sich interessierten Smartphone-Nutzern an. Doch nur wenige Apps aus der Sparte „Gesundheit“ der App-Stores sind wirklich medizinische Apps, die Patienten und Ärzten helfen können. Dass diese durchaus lukrative Nische bisher von den App-Entwickler eher vernachlässigt wurde, hat unterschiedliche Gründe. Doch mittlerweile gibt es eine Vielzahl guter Ideen und Beispiele.

  • Das österreichische Start-up „mySugr“ ist ein Diabetes-Tagebuch, das Überblick über die eigenen Daten verschafft. Spielerische Elemente sprechen gerade jüngere Zielgruppen an.

  • Die Gründer Alexander Puschilov, Tim Seithe, Stefan Nietert (v.l.n.r) von Viomedo sind als einzige Vertreter aus Deutschland Teil des Bayer-Accelerator Grant4Apps.

  • Die App Tinnitracks von Sonormed filtert Musik und will so gegen Tinnitus helfen. Kopfhörerhersteller Sennheiser kooperiert mit dem Hamburger Start-up.

Medizinische Apps stehen einer komplexeren regulatorischen Situation gegenüber“, erklärt Dr. Stefan Becker vom Universitätsklinikum Essen. Er befasst sich intensiv mit Chancen und Hemmnissen des Einsatzes digitaler Technologien in der Patientenversorgung und fährt fort: „Unterliegt eine App den Richtlinien für Medizinprodukte, steht zwischen Entwicklung und Markteintritt ein langwieriger, kostenintensiver Prozess.“ Ein solcher Prozess hemmt Innovationen im schnelllebigen App-Geschäft und führt dazu, dass medizinische Apps im Vergleich zu Wellness- und Fitness-Apps deutlich langsamer auf den Markt kommen.

Diesen ersten Grund, warum M-Health nur langsam Fahrt aufnimmt, bestätigt Sabine Zenner, Juristin von Fraunhofer Venture, unter Bezugnahme auf die Investition ihres Hauses in das smarte Gesundheits-Shirt „Ambiotex“: „Damit in diesem Segment Produkte angeboten werden können, müssen viele klinische und technische Tests absolviert und zahlreiche Vorschriften eingehalten werden.“

Der zweite Grund neben diesen komplexen Rahmenbedingungen ist nah am Klischee, aber nicht unwahr: M-Health hatte leider den Nachteil, das die Kernthemen wie Krankheit, Therapie und medizinische Versorgung von den urbanen, meist jungen Lebenswelten der App-Entwickler weit entfernt sind. Lieber wurde der x-te Selfie-Messenger entwickelt, anstatt nach interessanten Ansätzen im medizinischen Bereich zu suchen. Doch dies ändert sich gerade.

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Der dritte Grund: Die medizinische App-Nische hat erst jetzt technologischen Rückenwind, da aktuell die ersten Wearables wirklich im Massenmarkt ankommen. Sie sind eine wesentliche Voraussetzung zur Erfassung von Gesundheitsdaten.

Apple mit „ResearchKit

Das medizinische Potential von Smartphones und Wearables haben nun auch die Hersteller eben dieser Geräte erkannt. So zum Beispiel Apple mit „ResearchKit“: Dieses Open-Source-Software-Framework soll es Forschern und Entwicklern ermöglichen, Apps zu erstellen, die medizinische Studien mithilfe des iPhones durchführen. Grundlage ist die mit iOS 8 eingeführte Software-Umgebung HealthKit. Das aktuelle iPhone und die hauseigene Smartwatch werden von Apple als „leistungsstarkes Forschungsinstrument“ beworben, das Millionen Menschen in der Tasche haben. Mithilfe der verbauten Prozessoren und Sensoren, die Bewegungen verfolgen, Messwerte ermitteln und aufzeichnen, können viele Daten über die Nutzer gesammelt werden. Falls diese einverstanden sind, können sie ihre Daten anonymisiert medizinischen Studien zur Verfügung stellen, so Apples Plan. Vorteilhaft sind die potentiell große Gruppe von Studienteilnehmern und die stete Datenerfassung. Dies eröffnet Medizinern eine breite und bessere Datenbasis. Allerdings sollten sie nicht vergessen, welche Menschen die Daten liefern: Ausschließlich jene, die sich Apples aktuelle Top-Modelle leisten können.

Pharmaunternehmen

Auch die Pharmaunternehmen schlafen nicht und wissen, dass die digitale Revolution auch ihre Branchen erfassen wird. So befasst sich der Pharmariese Bayer mit mobilen Innovationen und Ideen mithilfe seines Accelerator-Programms „Grant4Apps“ Dort werden internationale Start-ups gefördert, deren Software, Technologien und Apps einen Nutzen für Ärzte und Patienten schaffen können. Bereits teilgenommen haben diese Start-ups:

  • „Cortrium“ ist ein in Kopenhagen ansässiges Unternehmen, das an tragbaren Gesundheitssensoren arbeitet. Die bluetooth-fähigen Geräte werden auf der Brust getragen und sollen EKG messen, sowie Herzfrequenz, Atemfrequenz, Hautoberflächentemperatur, Herzfrequenz Recovery, Schlafanalyse, Herzfrequenzvariabilität, körperliche Aktivität, Körperhaltung und Bewegung erfassen. Die Daten können dann auf mobilen Geräten visualisiert werden.
  • Aus Lissabon stammt „PharmAssistant“ – das Projekt verfolgt die Idee einer intelligenten Pillendose mit angeschlossener App. Diese soll optisch und akkustisch Alarm geben, um vergessliche oder ältere Menschen an die Einnahme von Medikamenten zu erinnern. Verbunden ist die schlaue Dose mit einer Smartphone-App, über die sich auch eine Fernüberwachung für Betreuer und Verwandte einrichten lässt.
  • „FabUlyzer“ ist ein Aktivitäts-Tracker, der seine Daten aus der Atemluft des Nutzers zieht. Der Nutzer bläst in ein kleines Gerät und Sensoren erfassen Messwerte z.B. zum Kalorienverbrauch. Die Werte können auf Smartphones und -watches angezeigt werden.
  • „Parica“ arbeitet an einer Assistenzhardware, die Apotheker mit Patienteninformationen unterstützt und das belgische Start-up „Qompium“ will Herzrhythmusstörungen mithilfe der Smartphone-Kamera erfassen.

Aktuell im Grant4Apps-Programm dabei sind folgende Start-ups:

  • „MediKeep“ verfolgt die Idee, die Hausapotheke per App zu managen und will sich um den Medikamentenvorrat kümmern. Nutzer sollen Medikamente abscannen, Mindesthaltbarkeitsdatum und Menge eingeben und dann der App vertrauen, die sich meldet wenn sie auf ihre Hausapotheke achten müssen.
  • „Sendinaden“ befasst sich mit 3D-gedruckten Wearables. Aktuell geplant ist eine smarte Atemmaske für die häufig von Luftverschmutzung geplagten Stadtbewohner Asiens.
  • Das „Serona“ Test-Kit kommt per Post. Darin finden Nutzer Speicheltests, die sie zurückschicken können und dann per App ihre Gesundheitswerte im Blick haben.
  • „Vitameter“ will Nutzern helfen, mit einem kleine Gerät ihre aktuelle Versorgung mit Vitaminen nachzuverfolgen und zu optimieren.
  • „Viomedo“, als einziges deutsches Start-up in der aktuellen Runde des Bayer-Accelerators dabei, verspricht ein­fachen Zugang zu klinischen Studien und neuen Behandlungs­methoden. Mittlerweile finden Betroffene, Angehörige und Ärzte auf www.viomedo.de Hintergründe und Zugang zu 2.000 klinischen Studien in Deutschland, die Betroffenen durch ihre Teilnahme neue Hoffnung bieten will.

Es gibt weitere interessante Projekte aus der noch jungen Digital-Health-Nische: Gerade Diabetiker schätzen digitale Unterstützung beim Überwachen ihrer Werte. Das österreichische Start-up „mySugr“ ist hier erfolgreich: Das Diabetes-Tagebuch unterstützt Patienten dabei, bei der Therapie motiviert zu bleiben und verschafft Überblick über die eigenen Daten. „Spielerische Elemente wie Challenges und Social-Sharing-Funktionen sprechen dabei gerade jüngere Zielgruppen an“, erklärt Dr. Becker. Im März 2015 gewann mySugr mit Roche Venture Fund und iSeed Ventures zwei neue Investoren, die das Unternehmen dabei unterstützen sollen, das internationale Wachstum zu forcieren. „Roche Venture Fund bringt über Jahrzehnte gewachsenes Diabetes-Industrie-Know-how ein und iSeed Ventures neben der Expertise im Digital-Health-Markt den Zugang nach China und den USA, den beiden global wichtigsten Diabetes-Märkten”, so Frank Westermann, CEO von mySugr.  

  • Auch „Emperra“ aus Potsdam will Diabetikern – unter anderem mit einem bluetooth-basierten Insulin-Stift – helfen, Blutzuckerspiegel und verabreichte Insulindosis an ein Online-Portal zu übertragen. Die übertragenen Daten werden in einer App visualisiert und sind, falls gewünscht, auch vom Arzt oder Verwandten einsehbar.

Ähnlich wie Diabetes ist auch das Leiden Tinnitus weit verbreitet – gegen penetrante Geräusche im Ohr gibt es nun Abhilfe per App. Die deutschen Entwickler von Sonormed wollen mit der App „Tinnitracks“ das Ohrensausen mithilfe von gefilterter Musik per Smartphone lindern. Der Nutzer kann seine Lieblingsmusik hören, aus der die App bestimmte Frequenzen herausfiltert. Das Start-up aus Hamburg bietet die App als kostenfreie Testversion, die Kosten für die Therapie-Version (19 Euro pro Monat) werden seit kurzem sogar von einer Krankenkassen übernommen, da Studien den Nutzen belegt haben. Die Erstattung sei ein Meilenstein und spreche für die Qualität der geleisteten Entwicklungsarbeit so die Macher der App; „...und für die Innovationsstärke der digitalen Medizin.“

Weitere erfolgreiche Beispiele in der sinnvollen und lukrativen Nische M-Health wird es ohne Zweifel in Kürze geben. Denn Messenger gibt es genug. Und die Voraussetzungen durch marktreife Wearables und mehr Aufmerksamkeit seitens der großen Pharmaunternehmen werden besser. Äußerst umsichtig und möglichst sparsam sollten alle Beteiligten jedoch mit den sensiblen (Gesundheits-)Daten der Nutzer umgehen. Sonst ist schnell jeglicher Kredit in der Zielgruppe verspielt. 



Das Vitabook der Ordermed GmbH …

 ist ein Patienten-moderiertes Gesundheitskonto, das sich mit Ärzten,  Apotheke und der eigenen Gesundheitskarte verbinden lässt – wenn der Nutzer es will, wie die Macher betonen.
Die Vernetzung ermöglicht die Abstimmung der Medikamente zwischen Patient, Ärzten und Apotheke, inklusive Wechsel­wirkungs-Check der Medikamente. Die Plattform soll helfen Röntgenaufnahmen, Untersuchungen und das Ausfüllen von Formularen zu vermeiden. Rezepte und Medikamente können online vorbestellt werden.
Der Patienten-fokusierte Ansatz soll garantieren, dass alle oder Teile der ­Patientendaten nur für denjenigen zur Verfügung stehen, dem der Nutzer den Zugang erteilt hat. Einer ­Klinik zum Beispiel. Oder einem Familienmitglied. Mit dem blauen Vitabook Aufkleber auf der Gesundheitskarte signalisiert der Nutzer beim Arztbesuch und für jeden Notfall, dass alle lebenswichtigen Daten in seinem Konto hinterlegt sind.
www.vitabook.de


 
Bildquelle: mySugar, Viomedo, Sonormed

 

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