13.09.2017 Prunktechnologie

Mein Tesla, mein iPhone, meine Breitling

Von: Ingo Steinhaus

Sind Apple-Telefone inzwischen nur noch Gadgets zum Vorzeigen und Beeindrucken?

Gesichtserkennung

Gesichtserkennung

Ein Smartphone für 1150 Euro? Die Hochpreisstrategie von Apple zielt auf ein Marktsegment, in dem es in erster Linie um Prunktechnologie geht. Wer Tesla fährt, rechts eine Apple Watch, links eine Breitling Super Avenger trägt und jetzt auch noch ein iPhone X in der Hemdtasche mit sich führt, hat es einfach geschafft. Er hätte sogar das Geld für eine Yacht, verzichtet aber darauf, weil die so unpraktisch beim Vorzeigen ist.

Gründe zum Kauf dieser schönen Geräte gibt es jede Menge. Die neue Apple Watch kann nun Mobilfunk und arbeitet als Navi. Das neue Apple-Telefon mit dem formatfüllenden Bildschirm verzichtet auf diesen doofen Home-Button, der schon seit langem so 2007 ist. Und das Schönste: Die hoffentlich nicht so leicht wie bei Samsung zu knackende Gesichtserkennung bringt endlich auch eine Nutzanwendung für das frisch beim Dentisten restaurierte Gewinnerlächeln.

Overdesigned, underdeveloped

OK, zwei Absätze Spott müssen fürs erste reichen. Apple ist eigentlich ein zu leichtes Opfer, quasi die Birne unter den Technologiekonzernen. Leider wirken viele Apple-Produkte overdesigned und underdeveloped. So funktionierte die erste Generation der Apple Watch nur als Beiboot des iPhone, anders als die technisch-funktionalen Android-Uhren. Am Verkaufserfolg hat das aber nichts geändert - wie eigentlich immer und bei praktisch jedem neuen Apple-Produkt.

Denn Apple läuft im Automatikmodus. Einmal im Jahr erscheinen neue iOS-Versionen und neue Geräte, einmal im Jahr gibt es in den Technologiemedien das übliche Kritikritual, dass in der Frage gipfelt: Und wo bleiben die Innovationen? Die gab es im Grunde auch dieses Jahr nicht, denn randlose Smartphones sowie Gesichtserkennung für den Zugriff auf's Gerät sind auch schon wieder alte Hüte.

Produziert Apple also nur noch inkrementelle Verbesserungen? Es sieht so aus, denn FaceID soll zwar besser als die Gesichtserkennung der südkoreanischen Konkurrenz sein, aber es ist eben nur ein kleiner Schritt. Im Übrigen ist nicht einmal klar, ob diese biometrische Technologie wirklich ein Fortschritt ist.

Klar ist die neue Funktion mit ihrer Kombination aus Infrarotlicht, Infrarotkamera, Biometrie-Chip und Maschine Learning cool, aber ist sie auch wirklich nutzerfreundlich? Denn Gesichtserkennung ist umständlich, wenn die entsprechenden Scanner nicht in Blickhöhe an der Wand montiert sind. Die Besitzer des iPhones müssen das Gerät nun zum Entsperren immer erst möglichst gerade vor das Gesicht halten.

Welche biometrische Technologie bleibt?

Der Fingerabdrucksensor dagegen erledigt seine Arbeit bereits, wenn der Nutzer das Smartphone in die Hand nimmt und dabei darauf achtet, den Home-Button zu berühren. Auch im Auto muss nun wieder auf das Display geschaut werden - unfallträchtig und verboten. Die Kombination aus Fingerabdruck und Siri dagegen hat den Umgang mit dem iPhone im Auto deutlich erleichtert. Ob sich die Gesichtserkennung wirklich auf breiter Front durchsetzt, ist noch offen.

Außerdem wirkt der Ersatz der gerade erst eingeführten (und von allen Konkurrenten nachgeahmten) Biometriefunktion mit Fingerabdrücken etwas verwirrend. Sollen die Fingersensoren langfristig abgeschafft werden, sollen beide Technologie-Linien parallel in unterschiedlichen Modellen weitergeführt werden oder sollen sie gar in einem iPhone X2 zusammengeführt werden?

Aber vielleicht erklärt sich die neue Funktion auch ganz einfach: Apple brauchte dringend mal wieder eine Hardware, die einen gewissen Coolness-Faktor hat und sich wie beim ersten iPhone sofort Menschentrauben um den Besitzer des Geräts bilden. "Guck mal, was ich hier Krasses hab: Das Ding erkennt mein Gesicht und dann kann ich telefonieren."

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