Jeder kennt sie, die kleinen, lästigen Zeitfresser: das überfüllte Wartezimmer einer Arztpraxis oder einer Behörde, die tägliche Fahrt mit Auto, Zug oder Bus zum Arbeitsplatz oder die Warterei in der Schlange vor der Supermarkt-Kasse. Doch solche kleinen Zeitfenster lassen sich durchaus sinnvoll nutzen. Der Schlüssel dazu sind sogenannte Microcycles. Dies sind kurze Phasen, in denen Nutzer über ein Mobilgerät wie ein Smartphone auf die Services eines Anbieters zugreifen oder mithilfe einer App Dinge erledigen.
Damit sich solche Microcycles effizient nutzen lassen, müssen Mobilanwendungen (kurz: Apps) auf diese schmalen Zeitfenster und den Zugriff über Mobilgeräte abgestimmt sein. Die Entwickler von Apps sollten daher berücksichtigen, nach welchen Prinzipien Microcycles "funktionieren". Es gibt zwei Optionen:
Microcycles umfassen nur wenige Sekunden oder Minuten. Aber das heißt nicht, dass es sich dabei um einfache Prozesse handeln muss. Auch die Arbeit an größeren Projekten oder komplexen Transaktionen lässt sich voranbringen, wenn sie in kleine Einzelschritte heruntergebrochen werden. Die gleichen Resultate sind möglich, wenn ein Nutzer eine inkrementelle Vorgehensweise wählt. Ein Beispiel für Microcycles ist eine Fitness-App: Jedes Mal, wenn der User die Treppen statt des Aufzugs benutzt oder eine Strecke zu Fuß geht, teilt er das der App mit. Das bedeutet, er kommt Schritt für Schritt dem Ziel näher, seinen Fitness-Zustand zu verbessern.
Viele Besitzer von Mobilsystemen nutzen Microcycles häufig, um ihre E-Mails zu checken oder nachzusehen, was sich bei Facebook oder Twitter getan hat. Laut der Mobile-Metrix-Rangliste der Web-Analysefirma ComScore zählen die Apps von Facebook, Google Mail und Yahoo Messenger zu den zehn beliebtesten Anwendungen. Daran wird deutlich, dass Microcycles auf unterschiedliche Weise genutzt werden: Um sich zu unterhalten (Facebook) oder für berufliche Zwecke (E-Mail).
Ein Faktor, der die berufliche Nutzung von Microcycles forciert, ist Bring Your Own Device (BYOD), also der Einsatz privater mobiler Endgeräte für geschäftliche Belange. Das heißt natürlich nicht, dass ein Mitarbeiter komplexe Excel-Tabellen erstellt oder Berichte schreibt, wenn er auf den Bus wartet oder im Stau steht. Für kurze Zeitintervalle bieten sich vielmehr einfache Aufgaben an, die sich schnell erledigen lassen.
Ein Beispiel ist das Sammeln von Ideen: Oft kommen einem die besten Einfälle an den ungewöhnlichsten Orten, etwa beim Schwatz mit Kollegen oder am Abend auf der Couch. Dank Enterprise-Social-Network-Plattformen wie Salesforce Chatter oder Microsoft Yammer haben Mitarbeiter die Möglichkeit, ihre Ideen umgehend Kollegen mitzuteilen.
Ein zweites Gebiet, auf dem sich Microcycles nutzbringend einsetzen lassen, ist die Weiterbildung. Statt ganze Arbeitstage in Kursen zuzubringen, können Mitarbeiter auf ihrem Smartphone oder Tablet kleine Übungs-Häppchen aufrufen. Auf diese Weise ist es beispielweise möglich, Übungsinhalte zu wiederholen – im Bus, im Wartzimmer oder beim Warten auf die Straßenbahn.
Eine Besonderheit ist bei der Nutzung von Microcycles zu beachten: ein komplexer Vorgang lässt sich nur selten in den wenigen Sekunden abschließen. Daher ist es notwendig, den gesamten Prozess in kleinere Vorgänge aufzuteilen, die ein Nutzer auch mittels unterschiedlicher Endgeräte aus bearbeiteten kann.
Ein Beispiel: Ein Interessent nutzt sein Smartphone, um Informationen über ein neues Produkt zu suchen, das er gerade in einem Ladengeschäft oder im Internet gesehen hat oder von dem ihm Freunde berichtet haben. Später nutzt der User ein Tablet, um zu Hause die Suche zu vertiefen und Preise zu vergleichen. Den Kauf tätigt er schließlich von seinem Notebook aus. Ein Microcycle dient hier gewissermaßen als erster Einstiegspunkt für den Interessenten, der es ihm ermöglicht, den Kaufvorgang später mithilfe anderer Endgeräte abzuschließen.
Wenn Anwender nur wenig Zeit haben, um eine App zu bedienen, stellt das die Entwickler vor besondere Herausforderungen. Anwendungen, die optimal auf Microcycles zugeschnitten sind, sollten daher folgende Kriterien erfüllen:
Microcycles dauern oft nur wenige Sekunden. Daher ist es schwer, solche Aktivitäten zu erfassen und zu ermitteln, ob sie zu Transkationen führen. Die Werte für die Nutzungsdauer von Apps, Bouncing-Raten und Page Views fallen meist niedrig aus. Und das ist keineswegs negativ. Im Gegenteil, es sollte das Ziel sein, diese Werte möglichst niedrig zu halten. Verlässlicher sind Daten wie etwa das Aktivitätsniveau des Nutzers und die Zahl der Vorgänge, die er erfolgreich abgeschlossen hat.
Wichtig ist, dass Performance-Daten auf den Geschäftsnutzen ausgerichtet sind, den das Unternehmen mithilfe von Microcycles erzielen will. Somit muss ein Unternehmen im Vorfeld die Ziele definieren, die es mithilfe von entsprechenden Anwendungen erreichen möchte.
Künftig werden Microcycles noch stärker an Bedeutung gewinnen. Ein Grund dafür sind "Wearable Devices" wie die Google-Brille (Google Glass) oder Smart Watches von Apple, Samsung und anderen Anbietern. Sie ermöglichen es dem Nutzer, Informationen abzurufen und zu verarbeiten, ohne dass er das Endgerät im Auge haben muss. Somit können User solcher Systeme produktiv sein, während sie Auto fahren oder Sport treiben. Dadurch steigt die Zahl der verfügbaren Microcycles erheblich an.
Vergleichbare Optionen bieten Spracherkennungsprogramme und digitale Assistenten wie Siri von Apple und Google Now. Auch sie ermöglichen es, mit anderen zu kommunizieren oder "zwischendurch" Aufgaben zu erledigen, ohne dazu eine Tastatur zu benutzen. Je präziser solche Programme arbeiten, desto stärker werden Nutzer darauf zugreifen, um Aufgaben während eines Microcycles zu erledigen.
*Dr. Kay Müller-Jones ist Head of Global Consulting Practices, TCS
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