19.04.2017 Die Crowd als billige Arbeitskraft?

Mikro-Job-Apps: Zwischendurch Geld verdienen

Von: Kathrin Zieblo

Wo früher eine Vielzahl an Außendienstlern unterwegs war, um beispielsweise vor Ort Kontrollen im Qualitätsmanagement durchzuführen, finden sich heute vermehrt Mikro-Jobber. Ausgerüstet mit dem Smartphone und einer App erledigen sie kleine Aufträge für wenig Geld.

Geld verdienen mit dem Smartphone

Lässt sich mit Mikro-Job-Apps schnell Geld verdienen?

In öffentlichen Verkehrsmitteln, an Haltestellen und sogar in Restaurants schauen Menschen auf ihr Smartphone. Zu den wohl beliebtesten Zeitvertreibern dürften das Zeitung lesen, Musik hören und Surfen in sozialen Netzwerken zählen. Zu den cleveren Smartphone-Nutzern gehören allerdings diejenigen, die in ihrer freien Zeit unterwegs über sogenannte Mikro-Job-Apps schnell und vermeintlich einfach mit kleinen Nebenjobs Geld verdienen.

Das Arbeitsmodell der Mikro-Jobs funktioniert nach dem Crowdsourcing-Prinzip, bei dem es darum geht, eine Aufgabe auszulagern und gleichzeitig in viele kleine Teilaufgaben zu splitten. Auftraggeber sind in der Regel Unternehmen, die konkrete Anfragen an externe Dienstleister vergeben. Diese wiederum veröffentlichen die Kleinstaufgaben über spezielle Online-Plattformen oder Apps.

Für den Auftraggeber ist dieses Vorgehen ein unkomplizierter und zumeist schneller Weg, um an validierte Informationen zu gelangen. Anstatt einen Außendienstmitarbeiter mit Arbeiten oder Projekten zu betrauen, setzen vor allem Großunternehmen und Konzerne auf die Macht und Schnelligkeit der Masse – also der Crowd. Und sparen damit die Kosten für den eigenen Mitarbeiter, die meistens um ein Vielfaches höher sein dürften. Neudeutsch werden solche Arbeiter abhängig von der jeweiligen Tätigkeit als Click- oder Crowdworker bezeichnet.

Schnelles Geld per App?

Es gibt bereits eine ganze Menge solcher Mikro-Job-Apps. Das Konzept ist bei allen sehr ähnlich. Zunächst ist eine Registrierung nötig, vereinzelt müssen dabei Informationen über Spezialgebiete und das eigene Wissen angegeben werden. Danach kann es auch schon direkt losgehen. Der Standort des Nutzers wird per GPS lokalisiert und auf einer Karte werden sämtliche in der Nähe verfügbaren Jobs angezeigt. Nach einem Klick auf den entsprechenden Job erscheinen erste Informationen – dazu zählen beispielsweise eine Kurzfassung der Aufgabe, der mögliche Verdienst und die benötigte Arbeitszeit. Sind das Interesse geweckt und der Auftrag angenommen, müssen die Aufgaben in einer vorgegebenen Zeit erledigt werden. Die meisten Aufträge werden mittels Bilddokumentation und Beantwortung von Fragen erledigt. Im Anschluss werden die gesammelten Daten digital übermittelt. Es erfolgt eine Qualitätsprüfung der Angaben und schließlich wird der zuvor angegebene Betrag im Nutzerkonto gutgeschrieben. Die Auszahlungsmöglichkeiten variieren von Anbieter zu Anbieter. Mal wird monatlich auf ein Paypal- oder gleich auf ein Bankkonto überwiesen, mal kann der Jobber sein Guthaben ansammeln und die Auszahlung selbst in die Wege leiten. Und manchmal wird auch „nur“ eine imaginäre Währung gesammelt – Punkte oder Coins, – die sich ab einer bestimmten Menge in Bargeld, Prämien oder Rabattgutscheine umwandeln lassen.

Der Verdienst – sofern sich Kleinstbeträge so bezeichnen lassen – ist abhängig vom Umfang und der Qualität der Umsetzung. Los geht es meist im zweistelligen Cent-Bereich. Der Durchschnittswert liegt bei etwa zwei bis vier Euro, vereinzelt sind auch mal zehn oder sogar mehr Euro geboten. Liefert ein Nutzer konstant gute Arbeit, steigt er in der internen App-Hierarchie auf. Parallel dazu werden die Aufträge attraktiver und die Bezahlung besser.

Unternehmen setzen auf die Crowd

Die Bandbreite der Aufgaben ist nahezu unbegrenzt: Im Bereich Straßenverkehr und Infrastruktur werden beispielsweise Tempolimits, geänderte Fahrbahnrichtungen oder Fortschritte von Baustellen abgefragt. Auch die Standortübermittlung von z.B. neu eröffneten Kinos, Wettbüros, Parkhäusern, Neubauprojekten oder defekter Leuchtreklamen kann ein paar Euros in die Kasse spülen. Um ganze Datenbestände aktualisieren zu können, werden Clickworker dazu aufgefordert, Geschäftsadressen und Öffnungszeiten zu überprüfen, Visitenkarten einzusammeln oder Speisekarten abzufotografieren. Darüber hinaus lässt sich in Form von Mystery-Shopping die Qualität einer Fachberatung z.B. in Apotheken oder beim Elektronikhändler testen.

Die wohl häufigsten Aufträge sind jedoch im Bereich Einzelhandel und in der Konsumgüterindustrie angesiedelt. Angefangen bei der Kontrolle von angebrachten Preisschildern, über die Dokumentation von Produktplatzierungen, bis hin zur Umsetzung von bestimmten Werbe- und Promotion-Aktionen, ist alles mit dabei. Führen mehrere App-Jobber die Aufgaben parallel, aber unabhängig voneinander durch, entsteht eine Art Marktanalyse, auf die Unternehmen entsprechend reagieren können.

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Diese Art von Aufträgen birgt allerdings auch seine Tücken, denn in den meisten Fällen verstößt das Fotografieren in den Geschäftsräumen von Supermärkten gegen das Hausrecht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Aufträge stets unbemerkt und anonym – also undercover – erledigt werden sollen. Sprich, der Jobber soll sich dem Verkaufspersonal nicht zu erkennen geben. Ebenso gilt es, den Namen des Dienstleisters, für den die Recherche erfolgt, nach Möglichkeit nicht preiszugegeben. Wird man doch einmal auf das Fotografieren angesprochen, rät eine der Apps dazu, auf Ausreden wie „Mein Freund entscheidet mit, welchen Wein es gibt“ zurückzugreifen. In einer anderen App werden die Nutzer dazu aufgefordert, sich zunächst die Erlaubnis für Bildaufnahmen einzuholen.

Rechtlich betrachtet befinden sich die Clickworker somit in einer Grauzone. Zumindest was das Fotografieren angeht, scheinen die App-Entwickler für den Fall der Fälle vorgebeugt zu haben. Bilder werden meist direkt aus dem jeweiligen Auftrag heraus aufgenommen und hochgeladen. Im Bilderordner des Handys sind diese jedoch nicht zu finden. Dies dient sicherlich dazu, dass die Bilder untereinander nicht ausgetauscht werden. Sollte man jedoch mal „enttarnt“ werden, befinden sich zumindest keine belastenden Fotos auf dem Gerät. Der jeweilige Auftrag wird nach einem solchen Vorfall bei nahezu allen Anbietern abgelehnt bzw. nicht vergütet.

Billige Arbeitskräfte?

Doch nicht nur die rechtlichen Bedingungen – darunter fallen auch Themen wie der Arbeitsschutz – werden immer wieder bemängelt. Auch in Sachen faire Bezahlung herrscht viel Kritik. Von „digitaler Ausbeute“ oder „Tagelöhnern“ ist die Rede. Gemeint ist damit, dass die erbrachte Leistung in keinem Verhältnis zum Verdienst steht. Hochgerechnet liegt die Bezahlung oftmals jenseits der Mindestlohngrenze. Eine Vielzahl der ausgeschriebenen Jobs nehmen zwar nur wenige Minuten in Anspruch, dabei werden aber z.B. Hin- und Rückweg nicht mit einkalkuliert. Ebenso wenig wie das verbrauchte Datenvolumen und die Akkuleistung, die für das Hochladen der Aufträge verbraucht werden. Aus diesen Gründen forderte die IG-Metall im vergangenen Jahr einen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro für Clickworker. Befürchtet wird, dass nationale Arbeitsgesetze, Tarifverträge und Lohnregelungen dadurch unterlaufen werden. Um dies zu verhindern, hat die Gewerkschaft eine Internet-Plattform für Clickworker gestartet. Auf www.faircrowdwork.org besteht die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen und den jeweiligen Dienstleister zu bewerten.

Um dem schlechten Ruf entgegenzuwirken, haben einige der führenden Crowd- und Clickworking-Anbieter – darunter Clickworker, Crowdguru, Streetspotr, Appjobber u.a. – mit einem „Code of Conduct“ ein selbstauferlegtes Regelwerk verfasst, das auf die Initiative des Crowdtesting-Dienstleisters Testbirds hin entstanden ist. Ziel ist es, allgemeingültige Leitlinien für das eigene Handeln im Rahmen von bezahlter Crowd-Arbeit zu etablieren und so eine Basis für ein vertrauensvolles und faires Miteinander zwischen Plattformbetreibern und Arbeitern zu schaffen.

Spieltrieb wecken statt Großverdienst

So verlockend Mikro-Jobs als Einnahmequelle auf den ersten Blick auch scheinen mögen, sollte jedem bewusst sein, dass ein üppiger Nebenverdienst damit nur in seltenen Fällen zustande kommt und sich kaum kalkulieren lässt. Was nicht heißen soll, dass es für den einen oder anderen Nutzer nicht lohnenswert sein kann, ein paar dieser Jobs mal auszuprobieren und vielleicht als eine Art Hobby in den Alltag einzubinden, wenn man sowieso häufig in der (Groß-)Stadt unterwegs ist.

Für die Auftraggeber und die vermittelnden Dienstleister scheint diese Art der Jobvermittlung hingegen ganz lukrativ zu sein. Zum einen müssen sie keine Arbeitsverträge abschließen, da alles auf Selbständigen bzw. Freelancer-Basis abgewickelt wird. Zum anderen entfallen natürlich auch Ausgaben für Sozialabgaben oder Versicherungen. Welcher Art Arbeitsvertrag die Jobber in den Clickworker-Apps per Klick zustimmen, dürfte der Mehrheit eher unbekannt sein – denn wer macht sich schon die Mühe, die vollständigen AGBs zu lesen?

Zu erwarten ist, dass einige Branchen die Möglichkeiten der Mikro-Jobs und die entsprechenden Plattformen künftig verstärkt in Anspruch nehmen werden. Derzeit handelt es sich hierzulande eher noch um ein Randphänomen. Mainstream-Status wird dieses Konzept nur erreichen, wenn genügend Nutzer die Apps auf ihren Smartphones installieren und die Jobs innerhalb der vorgegebenen Zeit abarbeiten. Umgekehrt müssen aber auch ausreichend interessante Jobs ausgeschrieben werden, um entsprechende Download-Zahlen zu ermöglich. Inwiefern ernstzunehmende Arbeitsstellen auf lange Sicht wegfallen, wenn die Arbeitskraft und die Bereitschaft der Crowd, solche Tätigkeiten auszuüben, steigen, bleibt fraglich.


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