Der Kampf im Mobility-Markt

Mit harten Bandagen

Der Kampf um die Vorherrschaft im mobilen Hard- und Softwaremarkt ist in vollem Gange und wird teilweise mit harten Bandagen ausgefochten. Ganz martialisch werden Patentstreitigkeiten gar zu Patentkriegen stilisiert.

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Aber es geht ja auch um viel: Um Apple vom Thron zu stoßen, werden neue Allianzen geschmiedet und Strategien nachjustiert. Und weil nicht alle diese Strategien auf den ersten Blick Sinn ergeben, ist der Spekulation Tür und Tor geöffnet.

Bündnisse wie das von Nokia mit Microsoft sind nach Ansicht von Dirk Schäfer, Geschäftsführer der im Mobility-Umfeld aktiven Seven Principles AG, für viele Unternehmen die einzige Möglichkeit, im mobilen Markt zu überleben. Schuld daran sei die Fixierung eines Großteils der Kunden auf den Platzhirsch Apple, der die Riesen vergangener Tage wie Nokia hinterherhinken lässt. „Ein Zusammenschluss ist demnach die einzig sinnvolle Lösung, gegen die heutigen Marktführer anzukommen“, meint Schäfer und ergänzt, dass dies in Teilen sicher auch gelingen werde.

Gerade, was die künftige Rolle Nokias anbelangt, sind die Meinungen jedoch zweigeteilt. Florian Rang, der bei Telegate das B2C-Produktmanagement und Development verantwortet und die Marktsituation als Entwickler von Lokale-Suche-Apps aus Anwendersicht betrachtet, glaubt zwar, dass die Hardwarehersteller generell spät dran seien. Aber er erachtet das Rennen noch nicht endgültig für gelaufen. Aufgrund seines nach wie vor hohen Marktanteils und seiner Stärke vor allem in den Schwellenländern, besitze das finnische Unternehmen das Potential, sich auf den letzten Drücker im Servicebereich zu etablieren.

Kritisch betrachtet hingegen Christian Klöppel die Entwicklung in Skandinavien. Der Leiter des Mobile Business Center of Excellence beim IT-Beratungshaus CSC glaubt, Nokia werde nach der freiwilligen Aufgabe seines Smartphone-Betriebssystems Symbian unter der Produktausrichtung von Microsoft leiden. Denn Microsoft definiere sein mobiles Betriebssystem Windows Phone 7 aktuell als reines Consumer-Produkt und sei schon allein aufgrund der mangelnden Device-Management-Funktionalitäten im Unternehmensmarkt außen vor. Vielleicht auch vor diesem Hintergrund betrachtet Mark Wächter, einer der konzeptionellen Vordenker im Mobility-Umfeld, Nokia als angezählt. Das Unternehmen müsse schnell raus aus seiner Marktbeobachtungshaltung und wieder in eine aktiv treibende Rolle zurückfinden. Wie dies allerdings gelingen soll, angesichts der Ankündigung, weitere 3.500 Mitarbeiter entlassen zu wollen, bleibt schleierhaft. Nokia scheint mit erfolgsversprechenden Smartphone-Modellen nicht in die Gänge zu kommen – ein Umstand, auf den Microsoft allerdings keine Rücksicht nehmen kann.   

Google das zweite Apple?

Aktiv treibend ist genau die Rolle, die Google in der Wahrnehmung vieler Experten geradezu beispielhaft einnimmt. Aus diesem Grunde werden auch Bündnisse mit dem Android-Schöpfer im Allgemeinen positiv bewertet, auch wenn die dadurch zunehmende Gerätevielfalt zu einer weiteren Fragmentierung des Betriebssystems führen könnte. Nun hat aber Google mit dem Kauf von Motorola Mobility den Weg zum Vollsortimenter – Betriebssystem und Hardware aus einer Hand – eingeschlagen, so dass Anbieter wie HTC ihre Zusammenarbeit mit dem Online-Giganten mittelfristig vielleicht überdenken werden, bzw. müssen. Samsung hat mit seinem Betriebssystem Bada noch mindestens eine Alternative im Köcher, die allerdings in Deutschland bislang kaum ein Rolle spielt. Dass Samsung jedoch eine klare Multi-OS-Strategie verfolgt (siehe Interview mit Martin Börner, Seite 20), und diese, um nicht in absolute Abhängigkeiten zu geraten, zusätzlich weiter ausbaut, lässt sich an einer Partnerschaft mit Intel in Sachen Entwicklung eines neuen mobilen Betriebssystems namens Tizen ablesen. Ein klares Urteil fällt in diesem Kontext Klaus Düll, Geschäftsführer des Software-Anbieters Pretioso: „Außer Samsung müssen alle anderen beten und hoffen, dass Google den Open-Source-Gedanken aufrechterhält – was durch die proprietären Ansätze der Hersteller konterkariert wird.“

Google also auf dem Weg zu einem zweiten Apple? Hoffentlich nicht, werden wohl viele denken, egal ob sie als Apple-Jünger einen starken Konkurrenten fürchten oder als Android-Zöglinge um die Offenheit ihres Systems. Aber die Richtung scheint doch vorgezeichnet: Mal abgesehen davon, dass Google dank des Motorola-Deals – so er denn wie erwartet über die Bühne geht – einer ganzen Reihe von Patent- und Rechtsstreitigkeiten aus dem Weg gehen wird, kann das Unternehmen nun die komplette Hardware- und Software-Wertschöpfungskette abdecken, wie Florian Rang kommentiert. Dadurch lasse sich der komplette Markt naturgemäß besser kontrollieren. Dirk Schäfer vermutet folglich die klare Absicht, mit der eigenen Handymarke ein „reines Google-Android“ anzustreben. „Die Kooperation mit anderen Herstellern hat in der Vergangenheit immer wieder zu Kompromissen in der Weiterentwicklung geführt.“* Dies ist nun nicht mehr unbedingt nötig. Doch kein Vorteil ohne Nachteil: Zieht Google diesen Ansatz tatsächlich durch, könnten aus bislang vereinten Android-Betriebssystem-Partnern Wettbewerber werden, wie Florian Rang es formuliert. Die Frage wird dann sein, inwieweit HTC und andere die Weiterentwicklung von Android oder die Roadmap mitbestimmen können. „Sofern Google Motorola als Referenzhardware für Android-Implementierungen nutzt und das OS für alle möglichst einfach und stabil zur Verfügung stellt, bleibt es dennoch für Hardware-Hersteller eine interessante Alternative.“

Die Anwender könnten von allen möglichen Szenarien profitieren: Zum einen stärkt mehr Wettbewerb immer die Position des Verbrauchers, zum anderen könnte ein reines Google-Android zu einer höheren Business-Tauglichkeit  des Systems führen. Was hingegen nicht im Sinnes des Anwenders sein kann, ist der Umstand, dass sich die Hardwarehersteller gegenseitig mit Klagen und einstweiligen Verfügungen wegen (angeblicher) Patentverletzungen überschütten. Das Ganze gipfelte darin, dass Samsung während der IFA recht öffentlichkeitswirksam seine brandneuen Galaxy Tabs vom Messestand entfernen musste. Die Frage ist, wem eine solche Aktion mehr schadet? Samsung kurzfristig in jedem Falle, wenn es in Schlüsselmärkten wie Deutschland derart ausgebremst wird. Und auch wenn diese Praxis wie gesagt kein Apple-spezifisches Phänomen darstellt, steht gerade in einem solch prominenten Fall die Frage im Raum, wie es um das Image des siegreichen Klägers bestellt ist?

Der Pionier und seine „Nachahmer“

„Apple zeigt damit deutlich, dass sie die Pioniere sind und die anderen die Nachahmer – Apple-Anhänger wir dies nicht stören, andere Hersteller werden eher belächelt, und dem Ansehen von Apple wird es eher keinen Schaden bringen“, glaubt Dirk Schäfer. Nicht ganz so sicher ist sich an dieser Stelle CSC-Mann Christian Klöppel. Seiner Meinung nach ist der Kampf um das geistige Eigentum gerade erst richtig entflammt. Wie sich diese Konflikte konkret auswirken werden, sei derzeit noch schwer absehbar. Allerdings habe der Konsument bereits erste Nachteile. „Apple hat erreicht, dass dem Nutzer ein direktes Wettbewerbs- und Alternativprodukt vorenthalten wird. Dies werden nicht alle Kunden mit Begeisterung aufgenommen haben.“ Mark Wächter bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, dass immer der Verbraucher über den Erfolg oder Nichterfolg von Produkten entscheiden sollten, nicht Juristen. Aufgrund der derzeitigen Gemengelage ein hehres Ziel.

Zumindest beweist Apple mit dieser Aktion, dass sie Samsung als einen Gegner auf Augenhöhe betrachten, wie Klaus Düll meint. War man sich im Hause Apple bisher in den vergangenen drei Jahren sehr sicher ob seiner marktbeherrschenden Position, kommen nach dem großen Tam-Tam um den gesundheitsbedingten Abtritt des Unternehmenslenkers Steve Jobs nun erste Diskussionen auf, wie es mit dem Konzern weitergeht. Geschlossene Systeme können – außer in puncto Sicherheit und Durchgängigkeit – aufgrund der zwangsläufigen Abhängigkeit vom Anbieter nur bedingt im Interesse der Anwender sein. Eine Öffnung hin zu mehr Transparenz ist laut Florian Rang von Telegate allerdings nicht zu erwarten. „Die ‚Geschlossene-Welt-Philosophie hat sich als Erfolgsrezept herausgestellt. Und Jobs’ Nachfolger Tim Cook hat sie mitgelebt und mitgetragen. Erst wenn der Erfolg ausbliebe, würde Apple wohl reflektierter nachdenken und sich öffnen.“ Dieser letzte Satz macht bereits deutlich, dass das Image des iUnternehmens eventuell erste Kratzer abbekommen hat. Mark Wächter vielsagend: „Ich bin einer der wenigen, der sich keine Sorgen um die  Zukunft von Apple macht.“ Aber eines wird seiner Ansicht nach mit Sicherheit nicht passieren: Nämlich, dass Apple sich von seinem äußerst erfolgreichen Geschäftsmodell verabschiedet. Vielleicht ist genau dies der Grund, warum Klaus Düll den Zenit des Unternehmens in 18 bis 24 Monaten erreicht sieht.

Undenkbar? – Warum eigentlich nicht? Nokia hätte vor wenigen Jahren auch niemand auf dem absteigenden Ast gesehen. Und wenn Apples Erfolgsgeschichte doch weitergeht, dann stehen mit Google/Motorola und voraussichtlich Samsung – samt eigenem Betriebssystem oder in einer starken Partnerschaft – zumindest zwei konkurrenzfähige Gegenspieler mit Zukunftsperspektive als Alternativen bereit. Florian Rang sieht es ganz pragmatisch, wenn er sagt, man müsse als Anwender bzw. App-Entwickler möglichst strategischen Weitblick entwickeln, um nicht so schnell in Zugzwang zu geraten. Aber trotzdem habe die Entscheidung von Nokia pro Microsoft Telegates Entscheidungsrahmen de facto beeinflusst: „Als kluger Anwender springt man nicht um jeden Preis auf jeden Zug sofort aus, sondern beobachtet erst einmal, seine Ressourcen optimal einzusetzen.“ Wenn ein Markt sich entwickelt habe, helfe eine konsequente Fokussierung auf die innovativsten und reichweitenstärksten Lösungen.

Abschiede und weite Wege

Sehr abrupt verabschiedete sich HP kürzlich von seinem gerade erst gestarteten mobilen Projekt, in dessen Mittelpunkt das Betriebssystem WebOS und ein eigens entwickelter Tablet-PC standen. Wenn man hinter diesem Schritt eine Strategie vermuten darf, kann es im Grunde nur die sein, dass der Markt als bereits gesättigt angesehen wurde. Und wenn dem so sein sollte, welche Rolle können dann solche Marktgrößen wie Blackberry künftig noch spielen? Und: Was wird aus den Carriern?

Im Falle von HP ist das nun zu verteilende Stück vom Kuchen nicht sonderlich groß. Selbst wenn es bereits wieder Gerüchte gibt, nach denen es mit WebOS und der Tablet-Produktion weitergehen soll, scheinen große Erfolge von HP im mobilen Segment kaum mehr möglich. Das Beispiel HP zeigt deutlich, dass man nicht innerhalb weniger Monate erreichen kann, wofür Apple mehrere Jahre konsequent gearbeitet hat. Erst jetzt, da alle Rädchen ineinandergreifen, ist der Erfolg da. „Ähnliches könnte auch Microsoft schaffen, da sie die Grundsteine in der Business-Welt gelegt haben. Hier kommt keiner an Office und Outlook vorbei“, so dass es laut Dirk Schäfer von Seven Principles für die Redmonder nun darauf ankomme, mit diesen Business-Werkzeugen auf die nächste mobile Ebene zu kommen und diese auszubauen.“ Dabei behilflich könnten die WebOS-Entwickler sein, die sich laut Mark Wächter in der Windows-Welt wohler zu fühlen scheinen als in der Android-Welt. „Die Anzahl an Developern, die einer OS-Richtung folgen, ist ein wesentliches Asset für die Penetration eines Betriebssystems.“ Ob es Microsoft allerdings gelingt, seine bisher bescheidenen Erfolge im mobilen Segment zu steigern, hängt laut Wächter maßgeblich davon ab, Nokia zu alter Stärke zu verhelfen.

Zu lange ausgeruht?

Wenn es ein Unternehmen gibt, welches den Einsatz mobiler Geräte im Business-Umfeld in Vor-iPhone-Zeiten entscheidend geprägt hat, dann ist es Research in Motion (RIM) mit seinen Blackberrys. Dort habe man sich jedoch allzu sehr auf den erfolgen der Vergangenheit ausgeruht und sich nicht weiterentwickelt. Dies räche sich nun. „Es gibt keine wirklichen Neuerungen und auch der Versuch eines Tablets ist ein Flop“, kritisiert Dirk Schäfer. Christian Klöppel von CSC pflichtet ihm bei, wenn er stagnierende bzw. fallende Marktanteile bei Blackberry beobachtet. Zwar werde mit Hochdruck an entsprechenden Weiterentwicklungen des eigenen Betriebssystems und des Geräteportfolios gearbeitet. „Allerdings lassen jüngste Veröffentlichungen wie das Playbook (ein Tablet-PC, Anm. d. Red.) erkennen, dass RIM noch einen weiten Weg zu gehen hat.“ Man profitiere zur Zeit noch von der enormen, weltweiten Nutzerbasis in nahezu jedem Unternehmen – allerdings sähen immer mehr Firmen Hersteller wie Apple als ernstzunehmende Alternative an, auch wenn dies gewisse Investitionen und Änderungen in der Unternehmens-IT-Landschaft mit sich brächte.

Einig sind sich alle Experten hinsichtlich der Rolle der Carrier. Ihnen wird durchweg eine nicht allzu rosige Zukunft vorhergesagt. „Die Carrier stehen vor der Herausforderung, einerseits ihre Netze kostenseitig an die geringen Margen eines Provider-Marktes anzupassen, um dort überleben zu können, und andererseits die Netzfunktionen in die Mehrwertdienste auf der Endgeräteseite so integrieren, dass sie möglichst an den dortigen Gewinnen partizipieren können“, sagt der TK-Experte Bernd Klusmann vom Branchenverband Bitkom. Nur: welche Mehrwerte eigentlich? Mark Wächter sieht die Carrier in einer zunehmend schwierigen Position. „Nicht nur, dass Cash Cows der letzten Jahre (z.B. SMS) erodieren – bis dato sind auch alle Versuche gescheitert, neue Erlösmodelle und Wertschöpfungsquellen jenseits des Voice- und Data-Verkaufs aufzubauen.“ Die Carrier gerieten somit immer mehr auch in eine Wahrnehmungsfalle.

Die Wahrnehmungsfalle

Natürlich sind sie darin interessiert, über die reine Bereitstellung der Infrastruktur hinaus komplette Produkt-Suiten anzubieten, doch dazu fehlt ihnen anscheinend schlichtweg das Know-how. Und wenn selbst solche Services wie mobiles TV und Video Streaming gescheitert sind, wie Florian Rang anmerkt, dann kann der Vorwurf des fehlenden Wissens nicht ganz falsch sein. „Die Carrier werden auf das Bedeutungsniveau der Energieversorger absteigen. Die Kunden interessiert der Preis – wie bei Strom und Gas. Die Mehrwerte der Carrier sind aus Sicht der Kunden einfach nicht mehr wert“, formuliert es Klaus Düll gewohnt prägnant. Immerhin hat die „Preisgestaltung“ der vier großen Energieversorger bis dato immer Milliarden in deren Taschen gespült. Im Markt der Mobilfunkanbieter ist es hingegen eine Preis- und Rabattschlacht – eigentlich zum Wohle der Verbraucher, solange die Qualität der Netze stimmt. Hinsichtlich der Qualität der Netze sollte man sich nicht die Energieversorger zum Vorbild nehmen, sondern sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren – die Bereitstellung der Infrastruktur für performante Services, die allerdings von anderen – von Apple, Google und wem auch immer – erbracht werden.

Bildquelle: © himbeertoni/iStockphoto.com

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