Mobility-Strategie: Interview mit Ivo Körner, IBM

MobileFirst als Teil der Mobility-Strategie

Beim Entwurf von Mobility-Strategien spielen viele Aspekte eine Rolle: Sicherheit, Software-Entwicklung, Datenbereitstellung und -analyse. Um alle diese Punkte abdecken und entsprechende Infrastrukturen implementieren zu können, hat IBM sein Portfolio zuletzt stark ausgeweitet. Ivo Körner, Geschäftsführer Vertrieb Branchenkunden bei IBM, gibt einen Ausblick auf neue Geschäftsfelder, die weit über das Consumer-Segment hinausgehen.

„Vor allem Mittelständler brauchen einen Generalunternehmer, der die komplette Umsetzung übernimmt. Häufig sind allerdings mehrere Agenturen involviert, die alle verschiedene Teilabschnitte betreuen“, weiß Ivo Körner zu berichten.

 

Herr Körner, die rasante Entwicklung im Mobility-Bereich verlangt von nahezu jedem, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Seit wann propagiert IBM die Initiative „MobileFirst“?
Ivo Körner:
Eine erste Kampagne zu „MobileFirst“ starteten wir zur Cebit 2012. Dienstleistungen speziell für mobile Endgeräte bieten wir jedoch bereits seit 2006/07 an. Und auch schon zur Jahrtausendwende statteten wir Unternehmen mit Anwendungen und Lösungen auf Basis ähnlicher Technologien wie heute aus – etwa für die Lagererfassung und Logistik. Natürlich hatten die Endgeräte damals einen komplett anderen Formfaktor.

Wo setzen Sie bei IBM die Schwerpunkte?
Körner:
Es wäre ein Fehler, Mobility als reines Softwarethema zu begreifen. Daher werden wir uns stärker auf die einzelnen Fachbereiche der Unternehmen konzentrieren müssen. Das können wir, da wir unser Leistungsspektrum durch verschiedene Investitionen und Akquisitionen von Partnerunternehmen zwischen 2006 und 2013 stark erweitert haben.

Wer sind hinsichtlich Mobilitätsthemen Ihre Ansprechpartner in den Anwenderunternehmen?
Körner:
Eine aktuelle IBM-Studie zeigt, dass ca. die Hälfte der Unternehmen in absehbarer Zeit Mobil-Strategien definieren wollen, die allerdings noch sehr von der IT geprägt sind. In diesen Fällen sprechen wir hauptsächlich mit den IT-Verantwortlichen. Lediglich 35 Prozent der Firmen haben bislang Strategien verfasst, die abteilungsübergreifende Teams zusammenbringen. Hier steht die IT nicht mehr allein im Fokus. Vielmehr werden Entscheidungen je nach Geschäftsbereich gemeinsam mit dem Marketing, der Finanzabteilung oder dem Risikomanagement getroffen. Letztere Unternehmen sind bei der Umsetzung mobiler Strategien meist schneller und erfolgreicher.

Wie kommen Sie mit diesen Unternehmen ins Gespräch, die zunächst ihre internen Puzzleteile zusammenführen müssen?
Körner:
Jedes Kundengespräch beginnt mit der Frage nach dem Status quo und den Zielen, die mit Mobilität erreicht werden sollen. Dabei muss den Verantwortlichen bewusst werden, dass es nicht möglich ist, sämtliche Geschäftsprozesse zugleich umzustellen. Vielmehr gilt es, einen geeigneten Startpunkt zu finden.
Unsere Aufgabe besteht nicht darin, Unternehmen ohne erkennbaren Nutzen auf mobile Prozesse umzustellen. Ziel sollte es vielmehr sein, entweder mehr Geschäft zu generieren oder aktuelle Abläufe effizienter zu gestalten.

Welche Hürden gilt es bei der Umsetzung zu überwinden?
Körner:
Wenn Mobility nicht bloß ein Randaspekt bleiben soll, müssen die Verantwortlichen viele Fragen beantworten, etwa hinsichtlich Finanzierung, Wartung oder Entwicklung. Es muss eine Entscheidung gefällt werden, welche Plattformen eingebunden werden sollen und welche Sicherheitsmaßnahmen notwendig sind. Daher gehen viele Unternehmen dazu über, die gesamte Infrastruktur außer Haus zu geben.

Vor allem Mittelständler brauchen einen Generalunternehmer, der die komplette Umsetzung übernimmt. Häufig ist allerdings eine Reihe von Agenturen involviert, die alle verschiedene Teilabschnitte betreuen: beispielsweise die App-Entwicklung, die Gestaltung der Schnittschnellen oder die Anbindung an das Backend-System. Zusätzlich widmen sich weitere Parteien den Themen Sicherheit, Wartung und Weiterentwicklung. Deshalb ist es ratsam, einen Partner zu finden, der den Überblick behält.

Warum werden mobile Anwendungen häufig auf gut Glück ausprobiert, ohne den zu erwartenden Nutzen im Vorfeld zu prüfen?
Körner:
Der Internet-Hype um die Jahrtausendwende verleitete viele Unternehmen dazu, um jeden Preis schnellstmöglich einen Internetauftritt aufzubauen. Das Problem: Agenturen gestalteten Webseiten, die nie mit den eigentlichen Geschäftsabläufen verbunden wurden. Dies ist heute anders: Es geht nicht darum, jede Geschäftsanwendung auf eine mobile Plattform zu bringen oder aus Selbstzweck Apps zu entwickeln, sondern zu eruieren, wo neuer Geschäftsnutzen generiert werden kann. Ein gutes Beispiel für eine funktionierende Mobile-Maßnahme ist die App der Deutschen Bahn: Das Bahnpersonal selbst nutzt die unternehmenseigene App, weil die Informationen über Verspätungen oder Ausfälle genauer angezeigt werden als sie von der Zentrale durchgegeben werden.

Liegt die vorschnelle Entwicklung mobiler Anwendungen an dem generell hohen Tempo in dem Segment?
Körner:
Apple hat mit der Verbreitung seiner Geräte ein hohes Tempo vorgelegt und auch weiterhin gewinnt das Thema an Fahrt. Aktuell dominieren Smartphones und Tablets den Markt, diese werden vermutlich auch nicht an Bedeutung verlieren, sie ebnen aber zudem den Weg für die nächste Generation von Wearable Devices in Form von Uhren, Armbändern oder Brillen. Und auch Automobile werden sich zu mobilen Devices entwickeln. Irgendwann wird der Punkt erreicht sein, an dem es hauptsächlich darum geht, anhand von aktuellen Daten sofort Entscheidungen treffen zu können. Die Form des Endgerätes besitzt dann keine Priorität mehr.

Lässt sich damit das immer wieder aufgebrachte Thema „Bring your own Device (BYOD)“ endlich ad acta legen – oder eher nicht?
Körner:
Für uns stellt sich die Frage nach BYOD gar nicht, sondern vielmehr, wie sich das jeweilige Endgerät, das Netzwerk und die Unternehmensdaten schützen lassen. Wir propagieren dieses Konzept nicht nur bei unseren Kunden, sondern leben BYOD täglich, wenn tausende Kollegen ihr Privatgerät mit dem Firmennetzwerk verbinden.

Sie glauben also, dass sich BYOD in Unternehmen festigen wird, obwohl dies die Compliance in vielen Unternehmen gar nicht zulässt?
Körner:
Um eine Device-Strategie werden Unternehmen nicht herumkommen. In meinen Augen gibt es zwei Extreme: Entweder geht es um maximale Kontrolle über Daten und die Arbeitsweise der Mitarbeiter, dann darf BYOD nicht zur Debatte stehen. Oder es geht darum, den Mitarbeitern genau das Handwerkszeug zu gestatten, mit dem sie sich wohl fühlen und mit dem sie am produktivsten sind.

Die Hardware ist von der Grundsatzentscheidung entkoppelt. Ähnlich wie die Anzahl der Desktop-Betriebssysteme, die sich etablieren konnten, wird sich auch die Menge der Smartphone-Modelle einpendeln. BYOD ist nicht abhängig von den ausgewählten Plattformen: iOS, Android und auch Windows Phone können mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen parallel in jede Policy aufgenommen werden. Dazu gehört auch, dass unternehmenseigene Apps angeboten werden, um das Risiko durch nichtautorisierte Applikationen zu schmälern.

Wie lässt sich denn einigermaßen sicherstellen, dass eine Strategie auch in zwei Jahren noch gültig ist? Stichwort Rasanz der Hardware-Weiterentwicklung.
Körner:
Dieser Aspekt spricht erst recht für BYOD – immer die neuesten Geräte zur Auswahl zu haben, ist nicht nur aus Kostengründen kaum möglich. IBM hat deshalb ein Programm aufgesetzt, in dessen Rahmen die Mitarbeiter Zuschüsse bekommen, wenn sie ein bestimmtes Gerät kaufen, auf dem sie jedoch nutzen dürfen, was sie wollen.

Welche Branchen sind besonders mobile-affin?
Körner:
Als Schnellstarter gilt das gesamte Consumer-Geschäft, aber auch für den Handel sowie die Versicherungs- und die Bankenbranche werden sich neue Geschäftsfelder eröffnen. Ein gutes Beispiel für den Aufschwung der Wearable Devices liefern diverse Sportartikelhersteller, die Uhren oder Fitnessarmbänder entwickeln und die Weitergabe gesundheitlicher Parameter ermöglichen. Daten zum Schlafrhythmus oder zum Blutsauerstoffgehalt sowie Puls- und Schrittzähler verschaffen diesen Anbietern mehr Wissen über die Nutzer als die Gesundheitskassen über die Nutzer wissen.

Bieten Sie spezielle Healthcare-Lösungen?
Körner:
Da wir kein reiner Mobile-Anbieter sind, bieten wir keine fertigen Lösungen, sondern stellen die Plattform, die Entwicklungswerkzeuge und Sicherheitsfunktionalitäten bereit. Grundsätzlich bietet die Gesundheitsbranche noch viel Potential: Tablet-PCs werden vereinzelt bereits als mobile Krankenakte eingesetzt. Zudem gibt es erste Systeme, die anhand der Patientensymptome Untersuchungen und Diagnosevorschläge machen. Der Gesundheitsmarkt wird künftig konvergieren, so dass sich etwaige Erkrankungen vorhersehen lassen, um die Versicherungsprämie anzupassen.

Hier muss der Datenschutz angesprochen werden!
Körner:
Natürlich erwarten uns noch viele organisatorische und rechtliche Überlegungen. Derzeit stehen etwa die Patientendaten der Hausärzte nicht für Klinikärzte zur Verfügung. Ein gesetzlicher Rahmen für den Umgang mit Patientendaten und eine Antwort auf die Frage, wer künftig auf diese Daten zugreifen darf, wäre sicherlich hilfreich.

Es muss das Bewusstsein darüber geschärft werden, was man preisgeben möchte. Deutschland tendiert in vielerlei Hinsicht zur Überreglementierung – in der Vergangenheit ließ sich allerdings beobachten, dass Konzepte, die bei uns Anwendung finden, auch in anderen Ländern zugelassen werden, weil sie als ausreichend gesichert und getestet gelten.  

Über Datensicherheit wird nicht nur aufgrund der Spionage ausländischer Geheimdienste diskutiert, auch die „Deutsche Wolke“ ist ein beliebter Streitpunkt?
Körner:
Meiner Meinung nach wird das Thema Cloud sowie der Abhörskandal der NSA recht polemisch und emotional diskutiert. Eine rein deutsche Cloud ist aus meiner Sicht in den nächsten zehn Jahren ohnehin kaum denkbar, denn dazu müssten sämtliche Komponenten von deutschen Herstellern geliefert werden. Hier fehlt die Expertise.

Die Diskussion darüber, wie mit persönlichen Daten zu verfahren ist, wird von den Themen Cloud und Mobility gleichermaßen befeuert. Es ist eine Einigung darüber notwendig, wo die Grenze zwischen erwünschter Dienstleistung und Belästigung bzw. Überwachung verläuft.

Sie sprachen das Automobil als Smart Device an: Wie genau muss man sich das in Zukunft vorstellen?
Körner:
Machine-to-Machine-Kommunikation (M2M) ist nicht nur für Industriefirmen ein aktuelles Stichwort. Automobilhersteller verbauen immer häufiger SIM-Karten – unabhängig vom Mobilfunkbetreiber – um Funktionen wie E-Call (Emergency Call) zu ermöglichen. Sämtliche Mobilitäts- und Entertainmentkomponenten sind dann Erweiterungen der Mobilgeräte. Ich gehe davon aus, dass sich die Wahl des Fahrzeugs künftig immer weniger an Karosserie oder Motor orientiert, sondern an Funktionalitäten.

„Predictive Maintenance“, die intelligente Instandhaltung und Wartung, wie sie Industrieunternehmen einsetzen, ist ein Ansatz, der sich auf andere Bereiche ausweiten lässt. Eine entsprechende Software kann exakte Vorhersagen über künftige Ausfälle treffen. Die Maschinen sind dazu mit GSM-Karten ausgestattet und schicken Unmengen an Daten über die Nutzung, woraus sich der genaue Wartungsaufwand errechnen lässt.

Was ist in diesem Zusammenhang noch zu erwarten?
Körner:
Prognosen besagen, dass 2025 in Deutschland die ersten Fahrzeuge vollautonom fahren werden. Das erste Etappenziel, das teilautonome Fahren, soll bereits 2018 erreicht sein. Mit dieser Entwicklung wird sich nicht nur die Politik etwa in Bezug auf Alkohol am Steuer beschäftigen müssen. Das selbstständig fahrende Auto gilt in Bezug auf Unfallrisiken als besserer Fahrer. Über Sensoren am Gaspedal werden die Aktivitäten des menschlichen Fahrers genau aufgezeichnet. Außerdem müssen Stillstandzeiten berücksichtigt werden: in Zeiten, in denen das Auto nicht bewegt wird, z.B. während eines längeren Urlaubs, kann die Versicherungsprämie verringert werden. Schon heute sind vereinzelt Black Boxes verbaut, die das Fahrverhalten analysieren und danach den Versicherungsbeitrag bemessen.

Vieles, was künftig möglich ist, klingt noch futuristisch. Doch wir erleben, welchen Einfluss der Mobile-Bereich auf unseren Alltag hat. Davor sollten wir die Augen nicht verschließen.

 

Ivo Körner ...
...verantwortet seit Juli 2013 als Vice President den Bereich Vertrieb Branchenkunden der IBM in Deutschland, Österreich und der Schweiz und ist seit August 2013 Mitglied der Geschäftsführung der IBM Deutschland. Zuvor war Körner in verschiedenen lokalen und europaweiten Managementpositionen innerhalb der Software Group tätig. Unter anderem verantwortete er als Direktor den Geschäftsbereich Public & Distribution in Deutschland und als Business Unit Executive den Bereich Information Management für Deutschland, Österreich und Schweiz. Als Sales Integration Executive trug er die europaweite Verantwortung für die reibungslose Integration des Softwareherstellers Candle. Zuletzt leitete er als Vice President das Softwaregeschäft der IBM in Deutschland, Österreich und der Schweiz.


 

 

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