Bald wieder mit Startmenü: Windows 8.1
Im Moment überflutet Microsoft die IT-Öffentlichkeit mit einem steten Strom aus Neuerungen, Updates, Upgrades, Feinjustierungen, strategischen Neuausrichtungen und verblüffenden (aber noch tastenden) Ausflügen in die Welt der Open Source Software.
Gleichzeitig redet alle Welt über das 13 Jahre alte Windows XP, dessen offizieller „Support Lifecycle“ heute endet. Das System wird zwar noch auf einer Vielzahl von Computern genutzt, doch es ist jetzt lediglich ein Untoter. Unter anderem dient es Experimenten: Microsoft schnippelt kräftig am Systemkonzept von XP herum und implantiert bewährte Teile in das neueste Windows.
Es geht natürlich um das Startmenü. Dessen Fehlen ist zu einem der meistgenannten Kritikpunkte an Windows 8 geworden. Alle lieben das Startmenü? Alle nutzen es? Alle wollen es wiederhaben? Nein, denn über das Startmenü werden Märchen erzählt - es sind drei an der Zahl:
Bis zur Version 3.11 hatte Windows zum Starten von Programmes den so genannten Programmmanager: Eine relativ simple Anwendung, die Programmsymbole in unterschiedlichen Gruppen einteilte, von denen jede ein Minifenster im Hauptfenster der Anwendung belegte. Da Windows sich mit den 3.x-Versionen erstmals auf breiter Front durchsetzen konnte, waren alle Nutzer an diese Art des Programmstarts gewohnt.
Dann brachte Microsoft die überarbeitete Version Windows 95 auf den Markt und führte das Startmenü ein. Neuerungen in Software sind immer unbeliebt, da sie erneuten Lernaufwand bedeuten und eine Gewöhnungsphase erfordern. Neuerungen in dem von so gut wie jedem PC-Besitzer genutzten Betriebssystem sind ganz besonders unbeliebt.
Alle Anwender und die Vertreter der Fachpresse waren sich einig: „Einen derartigen Blödsinn haben wir ja noch nie gesehen.“ Beweis für diese Aussage war die Tatsache, dass man zum Beenden der Arbeit mit dem Computer auf eine Schaltfläche mit der Aufschrift "Start" klicken musste.
Doch wie das so ist, nach einiger Zeit haben sich alle an das neue Startmenü gewohnt. Niemand trauerte dem eher unübersichtlichen Programmmanager nach. Und mit dem Dauerbrenner-OS Windows XP verzichtete Microsoft auf die belächelte Schaltfläche und ersetzte sie durch ein unauffälliges Symbol.
Spätestens bei Erscheinen von Windows 98 war der größte Teil des Gemeckers aus den einschlägigen Foren verschwunden. Allerdings: Ein guter Teil des Gewöhnungseffekts an das Startmenü bestand darin, dass die meisten Leute es ignoriert haben.
Diese Erkenntnis lässt sich leicht treffen, ein Blick auf den Firmen-PC oder Privatrechner eines nicht besonders technikaffinen Menschen reicht. Zwar ist das Startmenü randvoll mit allen möglichen Einträgen zu sämtlichen installierten Anwendungen, doch der eigentliche Programmstarter ist bei den meisten Leuten der Desktop.
Vorkonfigurierte Client-Installationen von größeren Unternehmen sind von den Admins bereits so eingerichtet, dass sich Symbole zu den üblicherweise genutzten Office- und Business-Anwendungen direkt auf dem Desktop befinden. Das ist bequemer, vor allen Dingen für die Mitarbeiter vom Helpdesk, die nun ein paar Fragen weniger beantworten müssen.
Kurz und gut: Das Startmenü wurde von der Masse der Anwender nicht in der Form genutzt, die Microsoft vorgesehen hatte. Lediglich konfigurationswütige Poweruser haben sich eine optimal auf die eigenen Bedürfnisse angelegte Menüstruktur ausgedacht und dann penibel gepflegt.
Doch ein Unternehmen wie Microsoft verdient mit den wenigen Powerusern eines Client-Betriebssystems nicht das große Geld. Der Wald-und-Wiesen-Nutzer ist entscheidend und der hat durch die Abstimmung mit der Maus entschieden: Das Startmenü ist überflüssig.
Also wurde dieses Relikt aus alten Tagen bei der Grundsanierung des Betriebssystems gar nicht mehr berücksichtigt. Der touch-optimierte Startbildschirm reicht ja vollkommen aus - dachte Microsoft. Eine ziemlich radikale Neuerung. Wir erinnern uns: Neuerungen sind unbeliebt. Deshalb führte dies zu ähnlich radikalen Reaktionen: "Wo ist mein Startmenü <Aufstampf>?"
Am Rande bemerkt: Lustig ist es, wenn ausgerechnet Poweruser das Startmenü vermissen. Denn Hauptmerkmal dieses Anwendertypus ist die Tatsache, dass er niemals ein nacktes Windows benutzen würde. Stattdessen rüstet er sein System mit aberdutzenden Tools für alle möglichen Zwecke auf. Und natürlich brachte der ultradynamische Hilfsprogramm-Markt sofort eine Vielzahl an unterschiedlichen Startmenü-Alternativen hervor, die teils deutlich besser als das Original sind.
Wegen der lauten Kritik macht Microsoft im Moment die Rolle rückwärts. Bei einem der nächsten Updates wird eine aktualisierte und an die Benutzeroberfläche von Windows 8 angepasste Version des Startmenüs eingeführt. Nun sind alle glücklich: Der Durchschnittsanwender hat ein Startmenü, dass er ignorieren kann und der Poweruser hat eine Funktion, die er durch ein besseres Tool ersetzen kann.
Brausender, nicht endenwollender Applaus in den Rängen? Nein: Zurzeit wird Microsoft wieder angeklagt, diesmal von den Fans der touch-optimierten Oberfläche. Für sie ist das ein Rückschritt, ein Einknicken vor den Nörglern, ein Abwenden von der reinen UI-Lehre, sogar der Anfang vom Ende von Microsoft Windows als Client-Betriebssystem.
Daraus lässt sich eine wichtige Erkenntnis ziehen: Ein Unternehmen, das mit seinem Produkt mehr als dreiviertel eines Marktsegments beherrscht, kann nur noch alles falsch machen. Es ist bei einer derartigen Marktsättigung kaum möglich, alle Nutzer zufriedenzustellen.
Und genau aus diesem Grunde kommt das Startmenü zurück. Die Mehrzahl der Anwender will es so. Im Unterschied zu früher scheint Microsoft davon abzurücken, seine Anwender zu gängeln und in eine bestimmte Richtung zu drücken. Kaum einer der Nörgler wird das Startmenü so nutzen, wie es gedacht ist. Doch das ist im Grunde völlig egal.
Bildquelle: Microsoft