„Ein direkter 1:1-Vergleich von Webapplikationen zu nativen Applikationen ist schwierig. Das wäre in etwa so, als ob man sich wundert, warum ein Familientransporter langsamer ist als ein Formel-1-Wagen“, so Mozilla-Evangelist Chris Heilmann.
Herr Heilmann, welches Potential sehen Sie in HTML5?
Chris Heilmann: HTML5 ist der nächste Schritt in der Evolution des Internets. Nicht mehr und nicht weniger. Der Medienhype um HTML5 in den letzten Jahren hat das vergessen lassen. Im Grunde geht es nur darum, die bestehende Entwicklungs- und Distributionsplattform „Web“ technisch voran zu treiben. HTML5 ist offen und nicht-proprietär – im Laufe der Zeit lässt das viel mehr Innovationen zu. Fragmentierte Codes und Prozesse, um für jede Plattform zu entwickeln, hemmen den Fortschritt des mobilen Webs.
Mozilla hat sich zum Ziel gesetzt, Innovationen im Web zu fördern und das Web für jeden zugänglich zu machen. Im zunehmenden Maße greifen Endnutzer auch verstärkt von Mobilgeräten auf das Web zu. Allerdings ist die mobile Landschaft fragmentiert und der Endnutzer bzw. Entwickler wird gezwungen, sich zwischen proprietären Ökosystemen und der damit einhergehenden Kontrolle und begrenzten Auswahlmöglichkeiten zu entscheiden. Wir wollen das mobile Web durch eine Reihe von Standards, die Cross-Plattform-Entwicklungen ermöglichen, öffnen.
Es gibt eine große Anzahl von HTML5-Entwicklern. Wir schätzen sie auf mehr als 10 Millionen weltweit. Beispielsweise zeigen unsere Statistiken, dass das Firebug-Entwickler-Tool mehr als 3 Millionen Mal täglich genutzt wird – und das ist nur eine Erweiterung in einem Browser. Wir sehen auch im mobilen Bereich eine deutliche Präsenz: 61 Prozent der Mobile-Entwickler arbeiten mit Web-Runtimes (HTML5-only und/oder HTML-hybrid). Wir versuchen für mehr als 10 Millionen HTML5-Entwickler Anreize zu schaffen, damit sie in mobile Anwendungen investieren – zusammen können viele Innovationen vorangetrieben werden.
An welchen Stellen hapert es noch bei HTML5?
Heilmann: Wir haben hier die gleiche Herausforderung, die wir auch auf dem Desktop gesehen haben: schlechte Unterstützung der neuen Standards in veralteten Browsern und geschlossene Systeme. Das Gute an Webtechnologien ist, dass man Apps schreiben kann, die die Funktionen nur verwenden, wenn sie auch genutzt werden können. Daher sollte ein veralteter Browser keine neuen Tricks lernen müssen, sondern eine einfachere Benutzeroberfläche anbieten. Die neue Herausforderung für uns sind Browser, die hart mit dem Betriebssystem verknüpft sind und nicht verbessert werden. Das ist ein Problem bei älteren iOS- und Android-Geräten. Der Stockbrowser kann vieles nicht, was HTML5 interessant macht. Auf iOS ist das auch das Ende der Geschichte, da Apple keine anderen Browser erlaubt. Bei Android kann man Firefox oder Opera auch auf alter Hardware installieren, um HTML5 Unterstützung zu erhalten.
Schwierigkeiten mit HTML5 sind nicht die Plattform oder die Standards, sondern unsere Anforderungen. Eine solche Applikation kann nicht genau wie eine native App sein, denn das würde bedeuten, man beraubt die App dessen, was HTML5 interessant macht. HTML5 bedeutet Flexibilität und flexible Systeme müssen anders bewertet werden als geschlossene, die z.B. nur eine Sache auf einer Plattform und einer Hardware anbieten.
Eine große Herausforderung für viele traditionelle Internetanbieter ist, dass HTML5 offen ist. Daher ist es schwierig, um nicht zu sagen unpraktisch, Daten zu verschlüsseln oder nur für einen Endnutzer auf einem Handy zugänglich zu machen. Gerade die Filmindustrie hat damit ein Problem und das W3C arbeitet derzeit an einer Lösung, die das erlaubt. Offenheit ist für manche ein rotes Tuch. Allerdings sollten uns die letzten Jahre und der Erfolg von Open-Source-Systemen gezeigt haben, dass „offen“ funktioniert.
Webapplikationen hängen in der Performance angeblich hinterher. Woran liegt das? Wie soll das in Firefox OS gelöst werden?
Heilmann: Ein direkter 1:1-Vergleich von Webapplikationen zu nativen Applikationen ist schwierig. Das wäre in etwa so, als ob man sich wundert, warum ein Familientransporter langsamer ist als ein Formel-1-Wagen. Webapplikationen sind unabhängig von der Hardware und dem Betriebssystem – deswegen sind sie so interessant. Das hat Vorteile: Man erreicht dadurch mehr Endkunden, die Applikation ist um einiges einfacher in Stand zu halten und man nervt seine Nutzer nicht mit Updates, die mehrere Megabytes groß sind. Anstatt dessen kann man die App mit kleinen Updates verbessern und Nutzern verschiedener Hardware verschiedene Interfaces geben. Hat der Nutzer ein größeres Display, kann ich mehr anzeigen, auf kleineren kann ich sinnvollere, einfachere Interfaces gestalten.
Native Applikationen werden für eine Plattform in einer Version erstellt und sind damit auch nach ein paar Monaten veraltet. Viele Spiele laufen z.B. nicht auf älteren iOS- oder Android-Geräten. Man braucht ein neues Handy. Oftmals hört man von einer tollen neuen App in den Medien und muss dann doch noch ein paar Monate warten, bis diese auch auf Android herausgebracht wird. Apps sind Produkte wie z.B. Filme, die in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten vertrieben werden. Web-Apps sind eher wie Video on Demand oder Fernsehen: Eine größere Auswahl steht zur Verfügung und man kann auch mal schnell umschalten und muss nicht Monate warten, bis der Film endlich auch bei uns erhältlich ist.
Wenn man einen Direktvergleich zwischen nativen und Webapplikationen anstrebt, dann müsste man eine Web-App bauen, die nur auf einer Hardware, in einem Browser und einer Konfiguration läuft. Das geht, wie Sencha mit ihrem Fastbook-Projekt bewiesen hat. Es macht allerdings wenig Sinn. Man sollte das Web als weites und vielfältiges Spielfeld unterstützen und nicht abhängig davon sein, was denn die Plattform dem Nutzer erlaubt.
Webapplikationen haben in der Vergangenheit darunter gelitten, das iOS und Android HTML5, JavaScript und CSS nicht erlaubt haben, auf die Hardware zuzugreifen. Wo eine native App auf dem Grafikchip zugreifen konnte, um nicht den Hauptprozessor zu nutzen, durften wir das als Webentwickler nicht. Mit Firefox OS habe ich als Webentwickler vollen Zugriff auf die Hardware und kann Apps schreiben, die schnell laufen, ohne das Handy in einen Taschenwärmer zu verwandeln.
Einen wichtigen Nebeneffekt hat Firefox OS mitgebracht: Wir haben nun Standardvorschläge, wie die Webtechnologie in einer sicheren und schnellen Art und Weise auf die Hardware zugreifen kann und die Apps interessant machen, wie z.B. die Kamera oder der Bewegungsmelder. Diese WebAPIs sind öffentlich und auch anderen Browserherstellern zugänglich und erlauben es damit auch anbieterübergreifend, das Web für alle zu verbessern. Da Firefox OS auf günstige Hardware zielt, mussten wir einige Tricks anwenden. Wir mussten einen kreativen Code erstellen, um auf Handys, die im Vergleich zu einem iPhone5 sehr langsam sind, dem Endnutzer ein schnelles Interface zu geben. Andere Browserhersteller und viele Entwickler konnten davon profitieren.
Mit Firefox OS haben Webstandards, die wir schon seit Jahren verwenden und die einfach zu lernen sind, endlich die mobile Plattform bekommen, die sie verdient haben. Ich sollte als Entwickler nicht umlernen müssen oder eine Firma bezahlen, um Code schreiben zu dürfen. Die Technik ist vorhanden, es brauchte nur eine Firma, die mutig genug war, das Problem anzugehen. Als Steve Jobs 2007 das iPhone vorstellte, war der erste Satz, dass es kein SDK gibt und Entwickler HTML5 verwenden können, um Apps zu schreiben. Diese Vision wird jetzt von Firefox OS erfüllt.
Warum sollten Entwickler für Firefox OS entwickeln?
Heilmann: Entwickler sollen nicht für Firefox OS entwickeln, sondern für das Web. Firefox OS ist die Plattform, die HTML5 als Kernstück besitzt und nicht als „netten Nebeneffekt“ behandelt. Der Hauptunterschied zwischen unserer Plattform und anderen Systemen ist, das alles, was man für Firefox OS entwickelt, auf Webtechnologien beruht. Man kann also seine Apps zum größten Teil auf dem Desktop in Firefox oder auch anderen Browsern entwickeln und hat damit auch Zugriff auf die mittlerweile exzellenten Developer-Tools, die mit Browsern geliefert werden. Für Webentwickler bedeutet das, dass wir weiterhin mit dem fortfahren können, was wir ohnehin seit Jahren beruflich getan haben. Der Unterschied ist, dass wir nun eine Plattform haben, die es uns erlaubt, mit besserer Hardware zu kommunizieren und das wir mittels der WebAPIs Zugriff auf Funktionalität haben, die uns bisher verschlossen war.
Mit welchen Herausforderungen haben die Entwickler zu rechnen?
Heilmann: Der größte Diskussionspunkt mit Entwicklern ist es, derzeit verständlich zu machen, dass Firefox-OS-Hardware anders als ein neues iPhone oder das neueste Android-Gerät ist. Die Idee von Firefox OS ist es, den Endnutzern Zugang zum mobilen Internet zu ermöglichen, die sich diese Systeme nicht leisten können oder für die sie überhaupt nicht zugänglich sind. Das bedeutet, dass HTML5-Spiele, die fließend auf einem iPhone 5 laufen, auf Hardware getestet werden muss, die um einiges langsamer ist, eine kleinere Bildschirmauflösung hat und weniger Speicher besitzt. Das bedeutet Anstrengung, aber auch, dass Millionen neue Kunden meine App verwenden, und nicht nur die, die nur auf tollen neuen Handys laufen. Geeksphone.com bietet erschwingliche Handys an, die Entwickler kaufen können, um ihre Apps in der richtigen Umgebung zu testen. Das Tolle daran ist, dass da, was schnell auf einem Firefox-OS-Handy läuft, auf schnellerer Hardware noch besser wird. Viele Entwickler, die von Android oder iOS kommen, erwarten eine geschlossene Entwicklungsumgebung. Das gibt es bei uns nicht. Webentwickler haben weniger Probleme damit, da es für das Web nicht eine SDK oder IDE gibt.
Wie gehen Sie mit der Sicherheit bei offenen Ökosystemen um?
Heilmann: Die Grundlage von Mozilla ist das Web und es für jedermann frei und zugänglich zu halten. Das spiegelt sich natürlich auch im Firefox OS wider. Wir arbeiten beim Thema „Sicherheit“ eng mit unseren Partnern zusammen, um im Falle von Sicherheitsschwächen schnell ein Update ausliefern zu können. Auf dem Desktop ist das Gang und Gäbe. Dort erwartet das jeder. Aus irgendwelchen Gründen haben wir uns damit abgefunden, dass beispielsweise ein Android-Gerät nur ein Update erhält und im Zweifelsfall komplett unsicher ist. Die Sicherheits-Updates sind bei Firefox OS jedoch vorgeschrieben. Wir gehen davon aus, dass Telefone mit Firefox OS länger genutzt werden als andere Smartphones. Daher ist es sinnvoll, Updates für einen längeren Zeitraum bereitzustellen.
Der Smartphone-Markt ist bereits sehr gesättigt. Auf welches Marktsegment zielt Firefox OS ab?
Heilmann: Es ist wichtig zu betonen, dass es nicht darum geht, billigere Smartphones auf den Markt zu bringen, sondern die Leistung auf generell günstigeren Geräten zu maximieren. Mit Partnern wie z.B. Telefónica streben wir daher wachsende Märkte in Lateinamerika an. Wir möchten aber auch – z.B. mit der Telekom – auf dem europäischen „High-End-Markt“ Fuß fassen. Wir erhoffen uns dadurch, mehr Innovationen in den Markt zu bringen, um noch besser auf die Bedürfnisse der Nutzer eingehen zu können.