09.05.2017 Arbeit unter Trump

Rückkehr der Industriejobs oder Ankunft der Roboter?

Von: Ingo Steinhaus

Die US-Politik will die Industriejobs zurückhaben. Studien behaupten, Roboter übernehmen jeden zweiten Job. Beides ist ein wenig unrealistisch.

Herstellung eines Tesla - mit Robotern

Die US-Wirtschaft hat ein neues Thema: Mehr Industriejobs. Auch viele Hightech-Firmen überschlagen sich zurzeit mit Ankündigungen von Fabriken oder Aktionen, die zu neuen Jobs führen sollen. Apple gründet einen milliardenschweren Investmentfonds, der in die US-Industrie investieren soll. Der Sinn des plötzlichen Aktivismus ist natürlich klar: US Präsident Donald Trump soll gegenüber den IT-Unternehmen milde gestimmt werden, die wie im Falle des iPhones außerhalb der USA produzieren - etwa in China. Doch ob die Vorstellung, den iPhone-Bau in die USA zu verlagern, wirklich sinnvoll ist?

Dramatische Prognosen über Roboter

Der Business Insider hat einfach mal nachgefragt und zwar bei einem US-Studenten, der einen Ferienjob in einer iPhone-Fabrik im Großraum Shanghai hatte. Er erzählt recht interessante Details: Die Arbeit ist zu einem sehr großen Teil leicht automatisierbar. Wegen der im Moment niedrigen Löhne in China geschieht das aber nur selten. Bei einer Herstellung in den USA wird das sicher anders sein. Es muss allerdings niemand in einer chinesischen Smartphone-Fabrik gearbeitet haben, um auf diese Idee zu kommen. Ein Blick auf ein Youtube-Video über die Herstellung eines A-Klasse Mercedes reicht aus.

Die Hauptdarsteller des Films sind Industrieroboter. Durch sie sind die Fabriken bereits stark automatisiert und im nächsten Schritt sollen noch viele weitere Jobs in den Unternehmen durch Künstliche Intelligenz und Robotik wegfallen. Die Folie für diese Prognosen lieferten 2013 die Oxforder Wissenschaftler Carl Frey und Michael Osborne in ihrer Studie „The Future of Employment“: Gut die Hälfte aller Jobs in den USA könnten von intelligenten Robotern oder Software ersetzt werden. Diese Prognosen werden von vielen Experten, aber auch von Unternehmern aus der Hightech-Branche sehr ernst genommen.

Zudem gibt es einige neue Studien, die die grobe Richtung bestätigen. Die jüngste heißt „Robots and Jobs: Evidence from US Labor Markets“ und stammt von den US-Ökonomen Daron Acemoglu und Pascual Restrepo. Sie haben ermittelt, dass der verstärkte Einsatz von Industrierobotern in den USA zwischen 1990 und 2007 einerseits zu starken Jobverlusten und andererseits zu einer Lohnsenkung geführt hat. In eine griffige Zahl verpackt: Jeder neue Industrieroboter hat zwischen drei und fünf Jobs gekostet.

Nicht alle Aufgaben können automatisiert werden

Solche Studien gibt es auch aus anderen Ländern. Doch es regen sich auch Gegenstimmen, die die Vorstellung einer unausweichlichen „technologischen Arbeitslosigkeit“ bezweifeln. Zum einen ist es schwer, sie in der Realität zu entdecken, denn die Unternehmen sind bei weitem nicht menschenleer. Zum anderen wirkt es stark vereinfacht, die automatisierbaren Aufgaben in einer Jobbeschreibung einfach mit den tatsächlichen Arbeitsplätzen zu verrechnen. Die Alltagserfahrung sagt etwas Anderes: Im Laufe der Zeit haben sich Berufsbilder stark verändert und an die technologische Entwicklung angepasst. Außerdem sind zahlreiche völlig neue Berufe entstanden, vor allem in den Dienstleistungsbranchen und im gesamten Technologie-Sektor.

Diese Entwicklung wird sich nach Ansicht vieler Experten auch im nächsten Schritt der Automatisierung durch verstärkten Einsatz von künstlicher Intelligenz fortsetzen. Der Ökonom David H. Autor argumentiert in seinem Aufsatz „Why are there Still So Many Jobs?“, dass die Automatisierung nur in den seltensten Fällen ganze Berufe oder Berufsbilder ersetzt. Stattdessen gibt es in den meisten Jobs Aufgaben, die gut automatisiert werden können und andere, bei denen dies nicht geht. Bei Letzterem handelt es sich überwiegend um Aufgaben, bei denen soziale Fähigkeiten, Problemlösungskompetenz, Einfallsreichtum und geistige Beweglichkeit gefordert sind.

Daraus schließt Autor, dass viele der heute bekannten Jobs in veränderter Form auch in Zukunft Bestand haben. Sie werden sich allerdings stark verändern und in eine Richtung gehen, die der Ökonom David Deming mit dem Stichwort „High Math, High Social“ kennzeichnet. Darunter versteht er Jobs, in denen neben technischem Verständnis auch gute soziale Fähigkeiten gefordert sind - beides auf hohem Niveau. In seiner empirischen Studie „The Growing Importance of Social Skills in the Labor Market“ hat er nachgewiesen, dass solche Jobs seit etwa 1980 immer wichtiger werden, immer höhere Löhne haben und in immer größerer Menge entstehen. Entscheidend ist der Aufstieg der Team- und Projektarbeit, die für einen Anstieg der Produktivität in den Unternehmen gesorgt hat.

Digitale Transformation ist kein Naturereignis

Auch der Industriesoziologe Hartmut Hirsch-Kreinsen von der TU Dortmund kam bereits vor einiger Zeit zu dem Schluss, dass qualifizierte Arbeitskräfte in der nächsten Stufe der Automatisierung unverzichtbar bleiben und neue Berufsbilder entstehen. „Dabei handelt es sich um Tätigkeiten, die weit ausgeprägter als bisher ein interdisziplinäres Qualifikationsprofil erfordern, das Wissen der Informations- und der Produktionstechnologie umfasst.“

Ein entscheidendes Stichwort ist hier die Qualifikation. Denn ohne ein System hochwertiger Bildung, Ausbildung und Weiterbildung geht es nach Ansicht von Autor, Deming und Hirsch-Kreinsen nicht. Vor allem die Schulbildung müsse verbessert werden. Im Vordergrund steht nicht mehr die reine Wissensvermittlung für statische Aufgaben in einer traditionellen Organisation. In der netzwerkartigen Organisation digitaler Unternehmen sind eher „gemischte“ Fähigkeiten für die Anpassung an dynamische Entwicklungen gefragt.

Dieser Gedanke zeigt, dass weder die viel zitierte digitale Transformation noch die Roboter-Revolution Naturereignisse sind. Wer daran glaubt, ist nach Ansicht der Technofeministin Judy Wajcman ein bedauerliches Opfer kalifornischer Marketingstrategien. Denn digitale Transformation und Automatisierung werden von der Gesellschaft gesteuert. „Mit den richtigen politischen Strategien und Prioritäten gibt es keinen Grund, warum die Roboter-Revolution nicht so einzigartige menschliche Qualitäten wie Kreativität, Ideenfindung, Kommunikation und Empathie freisetzen kann“, findet Wajcman.

Allerdings hält sie es für keine gute Idee, dabei allein auf die Techno-Utopien aus der Bay Area zu setzen. Die sind für sie viel zu eingeschränkt auf Automatisierung um der Automatisierung willen und zu wenig bestimmt durch „Vorstellungen von einem guten Leben“. Wajcman: „Meiner Ansicht nach ist die Homogenität der Silicon-Valley-Denker eine gefährlichere Bedrohung der Zukunft als jede gedachte Roboter-Apokalypse.“

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