„Auch wir denken marktwirtschaftlich, risikofreudig und innovativ und rufen uns und Ihnen zu: Alles aufgeben! Fehler machen! Scheitern ist Chance!“ (Christoph Schlingensief, 1998)
Es vergeht nicht eine Digitalkonferenz, ohne das nach der Breitbandkatastrophe und der Digitalangst die mangelhafte Fehlerkultur in Wirtschaft und Gesellschaft beklagt wird. Leider ist es tatsächlich so, ein Lapsus wird nicht verziehen. Dies zeigt sich schon an den Schulnoten, bei denen die größte Zahl für die schlechteste Note und die meisten Fehler steht. Optimistischere Gesellschaften halten es genau umgekehrt.
In der Berufswelt setzt sich das fort. Fehler werden verschwiegen und wenn sie offensichtlich sind, wird ein Schuldiger gesucht. Warum? Weil es beim Eingestehen eines Fehlers Ärger gibt und gelegentlich die Karriere am Ende ist. Schlimm ist es, wenn Unternehmer scheitern. Oft ist das für ihn oder sie das Ende, denn eine zweite Chance ist schwierig, da Banken Kredite verweigern. Und Außenstehende denken: „Selbst schuld, viel zu unsicheres Geschäft.“
Die Angst vor dem Risiko des Scheiterns ist in der aktuellen Situation einer dynamischen, sich stetig über neue Bereiche ausbreitenden Digitalwirtschaft ein Problem. Einerseits gibt es nicht genügend Leute, die das Risiko einer Gründung eingehen und andererseits haben die bestehenden Unternehmen Schwierigkeiten, sich Innovationen auszudenken - weil es auch schiefgehen kann, bleiben sie lieber beim Bewährten.
„Fail fast, fail often“ heißt es dagegen im Silicon Valley. Gemeint ist damit: Einfach machen und wenn es nicht funktioniert, schnell alles wieder einstampfen, aus dem Fehler lernen und mit dem nächsten Projekt beginnen. Dazu gehört natürlich eine gewisse Einstellung in den Unternehmen. Fehler müssen erstens erlaubt sein. Sie sind in den dynamischen Startups eine Aufforderung zum Verbessern des Produkts. Fehler dürfen zweitens nicht verschwiegen werden, also darf es keinen Ärger geben.
Anderenfalls entsteht eine Schweigespirale, an deren oberem Ende das Topmanagement steht, dass überhaupt keine ungefilterten, wahren Informationen mehr bekommt. Wichtig wäre stattdessen Transparenz. Im Grunde ist jeder idiotische Fehler schon mal von irgendwem gemacht worden, es wäre nur gut, davon zu wissen.
Auch die deutschen Startups kultivieren die neue, digitale Art der Fehlerkultur und tauschen sich auf „Fuckup Nights“ über ihre schlimmsten Katastrophen aus. Dabei geht es nicht nur um Akzeptanz und eine Haltung, die das Scheitern als Chance für Verbesserungen sieht. Das ist in Deutschland eher selten und den (etwas ironischen) Spruch vom Anfang des Artikels hat kein Unternehmer, sondern der Künstler Christoph Schlingensief geprägt.
Er war gewissermaßen das personifizierte Social-Art-Startup der 1990er Jahre. Er bewältigte als Multitasking-Entrepreneur jederzeit und gleichzeitig einen ganzen Strauß unterschiedlicher sozialer, künstlerischer und dramatischer Projekte. Schlingensief war erfolgreich, ist aber trotzdem oft im großen oder kleinen Maßstab gescheitert - und hat dann weitergemacht.
Diese Auffassung hat inzwischen die „Normalwirtschaft“ erreicht, sogar den deutschen Mittelstand. „Aus Fehlern lernen“ ist seit einiger Zeit das Motto einer Konferenz des Unternehmermagazins Impulse. Hier erzählen prominente und weniger bekannte Unternehmer, was sie so alles falsch gemacht haben im Berufsleben.
Offensichtlich wird das Eingeständnis von Fehlern und gescheiterten Projekten langsam zum Mainstream. Das erkennt man alleine daran, dass sich auch die Mahner und Warner wieder sammeln: Vom Glorifizieren des Scheiterns ist die Rede, von einem Kult um Flops. Nun, Misserfolge haben keinen Glamour und jeder kann auf sie verzichten. Aber Geschichten vom Scheitern sind wichtig, damit jeder nach einer Niederlage den Kopf oben behalten kann.
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