„Private Unternehmen, die sich für Web-Apps entschieden haben, bieten diese meist auf ihrer eigenen Website an“, weiß Tim Neugebauer, Geschäftsführer von Das Medienkombinat.
Herr Neugenauer, wie gestaltet sich das derzeitige Interesse der Unternehmen an der App-Entwicklung auf Basis von HTML5?
Tim Neugebauer: Generell ist das Interesse an mobilen Anwendungen in den letzten Monaten stark gestiegen. Dabei sind für Kunden neben nativen Implementierungen (iOS, Android) insbesondere auch alle Spielarten mobiler Frontend-Technologien interessant. HTML5 als technologische Basis spielt hier eine wesentliche Rolle. Wir hatten das Glück, im abgelaufenen Jahr über alle technologischen Ebenen hinweg praktische Projekterfahrung sammeln zu können. So haben wir HTML5-basierte mobile Websites ebenso entwickelt wie native Applikationen für iOS und Android oder Webportale, die nach dem Konzept des Responsive Designs funktionieren.
Welche Umstellungen waren hierfür in Ihrer Entwicklungsabteilung vonnöten?
Neugebauer: Wir arbeiten seit ca. einem Jahr intensiv mit HTML5 und CSS3. Das entspricht unserem Selbstverständnis als technologieorientierter Online-Agentur, liegt aber auch an den Vorteilen, die HTML5 und CSS3 mit sich bringen, und die in der Regel die Mehraufwendungen, bspw. zur Erzeugung von Fallbacks für ältere Browserversionen, deutlich überwiegen. HTML5/CSS3 ist daher auch in unseren Entwicklungsprozess integriert. Umstellungen waren nur insoweit notwendig, als dass sich unser Entwicklerteam mit den durch HTML5/CSS3 ermöglichten Innovationen auseinander zu setzen hatte. Da wir im Unternehmen eine stark innovationsgetriebene Kultur pflegen und uns ständig mit neuen Technologien und Konzepten auseinandersetzen, war dies ein sehr selbstständiger und teamgetriebener Prozess.
Offiziell soll HTML5 erst 2014 verabschiedet werden, obgleich schon jetzt fleißig damit programmiert wird. Wie schätzen Sie die Möglichkeit eines „Fallbacks“ für die Entwickler nach offiziellem Release ein?
Neugebauer: Der Wechsel hin zu HTML5 ist fließend. Da ältere Browser auch noch lange nach 2014 relevant sein werden, werden auch Fallbacks noch auf unbestimmte Zeit erforderlich sein. Abhängig von der Zielgruppe, der konkreten Lösung und den tatsächlichen Nutzungsszenarien, werden Fallbacks damit auch nach 2014 ihre Notwendigkeit behalten.
Welche Grenzen setzt HTML5 bei der App-Erstellung? Und welche Risiken birgt der Standard?
Neugebauer: Mittels HTML5 ist es möglich, leistungsstarke mobile Anwendungen zu erzeugen, die in mobilen Browsern funktionieren. Der Zugriff auf bestimmte Hardwarefunktionen des mobilen Endgerätes, bspw. Kamera oder Gyroskop, sind damit in der Regel jedoch nicht möglich. Es sind aber auch hier Entwicklungen im Gange, die den Abstand zwischen nativen und webbasierten Apps immer weiter schrumpfen lassen. Webbasierte Apps sind grundsätzlich leichtgewichtiger und in der Regel schneller realisiert, während native Apps zwar erhöhtem Entwicklungsaufwand fordern, aber Vorteile bei den angesprochenen Gerätefunktionen, beim Thema Performance sowie bei der Offlinenutzung bieten.
Worin sehen Sie konkret die Stärken von HTML5?
Neugebauer: Die Realisierung webbasierter Apps mittels HTML5 ermöglicht nicht nur ein schnelleres und kostenoptimiertes Time-to-Market. Man umgeht beispielsweise auch die Review-Prozesse und die damit verbundenen Regelungen der App-Stores. In einigen Anwendungsfeldern, etwa bei der Umsetzung von Mobile-Strategien von Webshops, werden webbasierte Lösungen auch vom Nutzer als primäre Lösung gewünscht. Webbasierte HTML5-Lösungen sind über eine Webadresse leicht zugänglich, benötigen keine gesonderte Installation und können plattformunabhängig genutzt werden. Das spart auf beiden Seiten Zeit und Geld.
Inwiefern ist auch die Entwicklung nativer Apps auf Basis von HTML5 möglich?
Neugebauer: Viele native Apps benutzen zur Darstellung der Inhalte einfaches HTML5, setzen die Funktionslogik aber als nativen Code um. Immer wenn native Funktionen benötigt werden, spielen diese Apps ihre Stärken aus. Darüberhinaus existieren verschiedene Frameworks, etwa Phonegab, die in der Entwicklung auf HTML, CSS und Javascript setzen, auf dieser Basis aber Apps erzeugen, die wiederum in die App-Stores eingestellt werden können.
Inwieweit könnte HTML5 andere Programmiersprachen bzw. native Apps verdrängen?
Neugebauer: HTML5 ist zunächst einmal eine Frontend-Technologie, die nur sehr eingeschränkt bzw. erst im Zusammenspiel mit Skriptsprachen wie Javascript Funktionslogiken implementieren kann. Richtig ist, dass Webtechnologien – also HTML, CSS oder Javascript – mittlerweile eine Relevanz und Leistungsfähigkeit erreicht haben, die sie zum primären Client-Standard gemacht haben. Firefox OS ist hierfür ein gutes Beispiel. Daneben wird es aber weiterhin die Notwendigkeit serverseitiger Programmiersprachen zur Umsetzung der Funktions- und Prozesslogik geben.
Und inwieweit wird die App-Entwicklung auf Basis von HTML5 den App Store und Google Play Store beeinflussen?
Neugebauer: Die Entwicklung ist noch nicht abschätzbar. Sollten sich mehr Nutzer für eine webbasierte App-Variante entscheiden, würde dies natürlich weniger Zugriffe und gegebenenfalls Umsätze für die relevanten Stores bedeuten. Der Anteil an nativen Apps wird aber in den nächsten fünf Jahren mit Sicherheit eine wichtige Größe bleiben. Besonders Spiele, die großen Umsatz und auch Gewinn für die Stores generieren, sind in der Regel native Apps.
Über welche Plattformen oder Stores werden die HTML5-Apps selbst vertrieben?
Neugebauer: Dafür gibt es unseres Wissens nach noch keinen zentralen Anlaufpunkt. Die Browserhersteller arbeiten bisher getrennt voneinander an Stores, die speziell mit Apps für deren Browser gefüllt sind: Chrome Web Store, Firefox Marketplace, Safari Extensions und Opera Apps. Hier verschwimmen allerdings die Grenzen zwischen webbasierter App und Browser-Plugins/Addons. Private Unternehmen, die sich für Web-Apps entschieden haben, bieten diese meist auf ihrer eigenen Website an.
Wer prüft die Sicherheit der Apps, wenn Sie frei im Netz verfügbar sind?
Neugebauer: Hier gibt es keine zentralen Prüfungsmechanismen. Das Vertrauen in den Distributor der App kann ein Kriterium sein. Entscheidend ist aber auch die Einsicht und Fähigkeit des Nutzers, bestimmte Gerätefunktionen und -informationen, wenn überhaupt, nur für sehr wenige vertrauenswürdige Apps freizugeben.
Wie schätzen Sie die zukünftigen Entwicklungen im Bereich HTML5 ein und wie werden wohl Apple und Google darauf reagieren?
Neugebauer: Auf Anwenderseite geht die Umstellung hin zu HTML5-basierten Portallösungen gut voran. Auch die Unterstützung neuer Technologien seitens der Browserhersteller ist sehr gut. Apple und Google sind schon immer große Förderer von HTML5 und direkt an dessen Gestaltung beteiligt. Mit dem Verbot von Flash auf dem iPhone hat Apple selbst eine wichtige Diskussion über das Verdrängen alter Technologien in Gang gesetzt. Google hingegen überrascht immer wieder mit tollen Entwicklungen im eigenen Portfolio. Google+ und Google Docs sind Paradebeispiele für das, was mit HTML5 möglich ist. Beide werde sich aber keine Sorgen um ihre Stores machen müssen. Solange es App-basierte Smartphones gibt, solange wird es auch die App-Stores geben.