Stefan Krueger, Geschäftsführer Valuephone
Bereits seit Mai 2013 ist bei der Einzelhandelskette Edeka das Bezahlen per Smartphone möglich.
Herr Krueger, immer wieder prognostizieren Analysten und Anbieter den flächendeckenden Durchbruch von Mobile Payment. Bislang hält sich die tatsächliche Nutzung hierzulande jedoch stark in Grenzen. Was sind die Gründe für die Zurückhaltung?
Stefan Krueger: Ich sehe den Grund dafür in den fehlenden flächendeckenden Akzeptanzstellen in Deutschland. Nur wenn die Verbraucher an sehr vielen Orten mit dem Smartphone einkaufen können, wird sich dieser neue mobile Dienst durchsetzen. Ähnlich war es auch mit dem Erfolg der EC-Karte: sie wird fast überall akzeptiert. Und aus dem gleichen Grund ist die Cash-Karte gescheitert: zu wenig Akzeptanzstellen. Entscheidend für den Durchbruch von Mobile Payment in Deutschland wird der Handel sein. Denn nur dort können die notwendigen Akzeptanzstellen geschaffen werden. Seit Mai dieses Jahres hat sich der Markt allerdings neu sortiert: Im Lebensmittelhandel kann man heute in über 4.000 Supermärkten an der Kasse mit dem Smartphone bezahlen. Das ist einmalig in Europa.
Inwiefern verhindert die Existenz verschiedenster mobiler Bezahlverfahren (z.B. via NFC, Passport, QR-Code, Geldkartenfunktion der EC-Karten, diverse Add-on-Lösungen) bzw. fehlende Standards und damit verbunden eine große Verwirrung bei den Endnutzern eine weitere Verbreitung?
Krueger: Jede Technologie hat ihre Vor- und Nachteile, und der Markt wird entscheiden, welche Technologien sich durchsetzen werden. Ich denke, die Diskussion um Standards wird überschätzt. Wichtig ist es, den Anbietern und Verbrauchern die konkreten Vorteile von Mobile Payment zu bieten. Es reicht nicht aus, allein eine neue Bezahlfunktion einzuführen. Vielmehr muss das "Warum" klar sein: Zum Beispiel, dass der Handel damit Kunden individuell ansprechen kann oder dass Kunden spezielle Gutscheine nur für das Mobilgerät automatisch beim Bezahlen eingelöst bekommen. Das sind Vorteile für die Anwender, die die Technologie befördern werden. Es wird künftig vielleicht zwei bis drei technische Verfahren geben, ähnlich wie bei Verschlüsselungsverfahren im Online-Banking. Auch hier sind Nutzen und Sicherheit entscheidend und nicht Standards. Unsere Lösung ist darauf vorbereitet und bereits jetzt für Barcode oder QR-Verfahren sowie für die NFC-Technologie ausgelegt.
Im Mai haben Netto und Edeka mobiles Bezahlen eingeführt. Können Kunden bald überall ihren Einkauf am Verkaufspunkt (neudeutsch: Point of Sale) mit ihrem Smartphone bezahlen?
Krueger: Wenn man betrachtet, inwiefern mobiles Bezahlen in den letzten Monaten in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, dann kann man einen entscheidenden Wandel feststellen. Bezahlen mit dem Handy wird schon lange als Zukunftsmarkt gehandelt, doch es passierte nicht viel. Dann „sprossen in Deutschland die Anbieter für mobile Zahlungsdienste wie Pilze aus dem Boden“, wie es unlängst dpa in einer Meldung formulierte. Und jetzt steigen die großen Anbieter ein, Handels- und Supermarktketten, die ihren Kunden flächendeckend Bezahlen mit dem Mobiltelefon anbieten. Mit der Deutschen Post ist zudem ein Traditionsunternehmen in den Markt eingestiegen. Der Markt befindet sich derzeit in einer spannenden Pionierphase, in der neue Anbieter auf den Markt kommen und verschiedenste Systeme angeboten werden, von denen sich am Ende einige wenige durchsetzen werden.
An welchen Stellen muss der Einzelhandel nachbessern, um deutschlandweit M-Payment anbieten zu können?
Krueger: Ich möchte dem Handel keine Vorgaben machen. Die deutschen Handelsunternehmen sind komplexe und professionell geführte Konzerne in einem schwierigen Wettbewerbsumfeld. Meiner Einschätzung nach ist der Markt insgesamt im Wandel. Mit dem Internet wurde der Konsument in starkem Maße zum Handelnden, der sich informiert, vergleicht und bewertet. An vielen Orten hat der stationäre Handel reagiert, Einkaufserlebnisse geschaffen und innovative Kundenbindungsmaßnahmen entwickelt. Kreative Kombinationen von echten Geschäften, Webshops und mobilen Angeboten halte ich für zukunftsweisend. Es geht also um eine ganzheitliche Omni-Channel-Strategie der Kundenansprache und Kundenbindung. Und M-Services inklusive dem M-Payment werden ein Baustein dieser Strategie sein.
Wie ist es beim mobilen Bezahlen um die Sicherheit für den Kunden und seine Bankdaten bestellt?
Krueger: Sicherheit der Daten und Schutz der Privatsphäre ist die Grundvoraussetzung für die Akzeptanz von Mobile-Payment-Lösungen. Ohne Vertrauen in die Lösung und die Anbieter wird sich eine neue Technologie des Bezahlens nicht durchsetzen. Deswegen haben wir die Frage der Sicherheit und des Vertrauens als Ausgangspunkt für die von uns entwickelte Plattform für Mobile Payment genommen. Unser Ansatz ist es, das Mobilfunkgerät ähnlich wie die EC-Karte nur zur Authentifizierung des Kunden und zur Freigabe des Bezahlvorgangs per PIN-Eingabe heranzuziehen. Dazu haben wir eine Plattform entwickelt, die dem Konsumenten komfortable Möglichkeiten bietet, sich zu registrieren und innerhalb der Funktionen der App zu navigieren. Die Komplexitat dieses sehr sicherheitsrelevanten Prozess liegt nicht auf dem Telefon, sondern in den Systemen dahinter. Der Bezahlvorgang an sich, die Abbuchung vom Konto, läuft in einem getrennten Prozess und auf dem System der Deutschen Post, bzw. deren Tochter Deutsche Post Zahlungsdienste GmbH (DPZ) ab. Mit dieser Sicherheitsarchitektur haben wir erreicht, dass sicherheitsrelevante Daten wie etwa Bankverbindung oder Kontobewegungen nicht auf dem Mobiltelefon gespeichert sind. Sie sind weder für den Händler noch für uns als IT-Plattformbetreiber sichtbar. Und wir haben mit der Deutschen Post einen bekannten und vertrauenswürdigen Partner gewinnen können, der für den Kunden den mobilen Zahlvorgang sicher abwickelt.
Was kann beim Verlust des mobilen Endgeräts schlimmstenfalls passieren?
Krueger: In Bezug auf mobiles Bezahlen kann bei unserem Ansatz nichts passieren. Ohne die PIN kann ein Fremder mit einem Mobiltelefon eines anderen nicht bezahlen. Auf dem mobilen Endgerät selbst sind keine Kontendaten gespeichert. Derjenige, der sein Smartphone verloren hat, kann sein Gerät in den Portalen abmelden oder es rund um die Uhr über die Hotline der DPZ für Mobile Payment sperren lassen. Auch die PIN-Eingabe ist gesichert: nach dreimaliger Falscheingabe wird die Registrierung für Mobile Payment gelöscht, um Missbrauch zu verhindern.
Lassen Sie uns abschließend einen Blick über den Tellerrand werfen: In Verbindung mit welchen anderen Technologien (z.B. Mobile Couponing, Multichannel, Bonusprogramme) könnte M-Payment weiter vorangetrieben werden? Und wo würden dabei Synergien entstehen?
Krueger: Aus Sicht des Kunden geht es darum, mit dem Mobiltelefon clever einkaufen zu können. Das muss mehrere Dinge umfassen und eine Kombination verschiedener mobiler und digitaler Services sein: Informationen über Sonderangebote, Sortimente, Produkte oder Öffnungszeiten in Kombination mit Rabatt- und Bonussystemen. Außerdem wird die Kundenkommunikation für den Anwender individuell wählbar werden, zum Beispiel möchte ein Vegetarier keine Sonderangebote zu Fleisch und Wurst auf seinem Mobiltelefon. Zu diesem cleveren Einkaufen wird in Zukunft auch das mobile Bezahlen gehören, das an der Kasse auch schneller als das Bezahlen mit Bargeld oder mit EC-Karte ist. Es hat sich gezeigt, dass Unternehmen eine Gesamtstrategie für Mobile Marketing anstreben, die Mobile Couponing wie auch Mobile Payment beinhaltet. Am Ende ist und bleibt es die Kreativleistung der Händler, das Medium "Mobile Channel" für den Kunden attraktiv einzusetzen. Dafür bedarf es einer flexiblen und leistungsfähigen mobilen Plattform.
Bildquelle: Valuephone