07.06.2017 Sicherheitsdenken siegt

Tiefstand bei Existenzgründungen

Von: Ingo Steinhaus

Trotz Startup-Hipstertum: Unternehmensgründungen sind beliebt und so selten wie nie zuvor. Stattdessen siegt das Sicherheitsdenken.

Die Startup-Szene boomt, selbst Avantgarde-Themen wie KI bringen Dutzende Jungunternehmen hervor. In zahlreichen digitalen Hubs fördert das Bundeswirtschaftsministerium Gründer. Zudem haben einzelne Bundesländer eigene Digitalinitiativen, zum Beispiel Nordrhein-Westfalen. Alles in Butter also? Nein, der aktuelle Gründungsmonitor der KfW-Bank zeigt das Gegenteil. Die Zahl der Existenzgründer ist im letzten Jahr auf einen neuen Tiefstand gesunken. 2016 haben etwa 672.000 Personen gegründet, 91.000 weniger als im Vorjahr. Damit setzt sich ein Trend fort, der bereits seit gut 15 Jahren anhält: Die Kurve der Gründungen weist stetig nach unten.

Ein kleiner Lichtblick ist die Verbesserung der Qualität der Gründungen. Die sogenannten Notgründungen, die mangels Jobperspektive aus der Arbeitslosigkeit heraus getroffen werden, sind deutlich gesunken. Ihre Zahl hat sich seit 2010 halbiert. Leider ist auch die Zahl der sogenannten Chancengründer gesunken. Darunter versteht die KfW Menschen, die eine besondere Geschäftsidee umsetzen wollen. Sie bringen im Durchschnitt häufiger Marktneuheiten an den Start, beschäftigen öfter Mitarbeiter und bestehen in aller Regel länger am Markt als die Notgründer.

Eine weitere Erkenntnis des Gründungsmonitors: Gut 83 Prozent aller Gründer sind mit wenig zufrieden und bevorzugen eine Unternehmensgröße, die sie alleine oder mit wenigen Angestellten managen können. Das bedeutet, dass lediglich 17 Prozent aller Gründer auf Wachstum aus sind und möchten, dass ihr Unternehmen nach Markteintritt expandiert. Die KfW-Bezeichnung für diesen Gründertyp lautet Wachstumsgründer. Sie sind nach Erkenntnissen der Bank üblicherweise deutlich innovativer und Verfolgen häufiger ein digitales Geschäftsmodell als die anderen Gründertypen.

Kurz: Die Gründungsmüdigkeit steigt und zwar trotz der intensiven Mediendiskussion über Startups, Digitalwirtschaft und Innovationen. Die KfW Bank erklärt die Entwicklung mit einer vergleichsweise positiven Situation auf dem Arbeitsmarkt, der potentielle Gründer aufsaugt. Nach Ansicht von Robin Tech, einem Startup-Forscher am Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, liegt die mangelnde Gründungsbereitschaft vor allem von Studienabgängern am Sicherheitsdenken: „Wenn ich mir aktuelle Studien ansehe, was sich unsere Generation Y beruflich wünscht, dann kommt vor allem eine Antwort: Sicherheit, am besten in einem Beamtenjob.“

Fehlende Gründermentalität

Bei solchen Überlegungen fällt es natürlich schwer, sich seiner Gründung zu motivieren. In der Anfangszeit ist viel Arbeit zu leisten, die Erfolgsaussichten sind ungewiss und das große Geld kommt anfangs auch nicht herein. Dafür ist etwas nötig, was der Unternehmer Arend Oetker „Selbstmotivation“ nennt. Die ist seiner Meinung nach nicht sehr verbreitet: „Wir haben in Deutschland - etwa im Vergleich zu Amerika - keine Gründermentalität, sondern eine Versicherungsmentalität. Wir sind unglaublich gut abgesichert gegen alle erdenklichen Szenarien, wagen uns aber auf der anderen Seite wenig vor ins Ungewisse.“

Die Frage lautet natürlich, warum einige Menschen trotz des allgemeinen Wunsches nach Sicherheit gründen. Üblicherweise gehen Soziologen von einem Mentalitätsunterschied zwischen Unternehmern und anderen Leuten aus. Der Managementtheoretiker Peter Drucker hat darauf hingewiesen, dass Unternehmer eher bereit sind, Risiken auf sich zu nehmen als andere Leute. Dem Sozialpsychologen David McClelland fiel auf, dass Unternehmer in jedem Fall eine sehr hohe Leistungsmotivation besitzen. Weitere Persönlichkeitsmerkmalen, die häufig mit Unternehmern in Verbindung gebracht werden sind Eigeninitiative und Unabhängigkeitsstreben.

Besonders wichtig wird von vielen Unternehmern selbst das Durchhaltevermögen eingeschätzt - siehe Steve Jobs, Jeff Bezos oder Elon Musk. Eine neue Studie mit 450 Testpersonen hat dieses Selbstbild bestätigt und bei den unternehmerisch erfahrenen Teilnehmern eine spezifische Ausdauer bei der Erkundung von alternativen Entscheidungswegen („Exploratory Perseverance“) gefunden. Sie besitzen dadurch eine besondere Art, Entscheidungen zu treffen. So betrachten Unternehmer häufig mehrere Lösungswege zu einem Problem parallel und prüfen sie wiederholt aus neuen Blickwinkeln. Sie sind auch eher bereit, gescheiterte Lösungswege ein zweites Mal zu versuchen.

Offenheit für Nicht-Standard-Lösungen, Unabhängigkeit und Eigeninitiative - das sind Eigenschaften, die in prozessverliebten Unternehmen nicht gern gesehen werden, stören sie doch das korrekte Beschreiten der vom Management vorgegebenen Trampelpfade. Mitarbeiter mit diesen Merkmalen werden also eher unglücklich in einem Unternehmen und sollten lieber selbst gründen. Doch was sagt das über Leute, deren größtes Ziel ein sicherer Posten im öffentlichen Dienst oder in großen Unternehmen ist?

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