Dr. Bernhard Tritsch, AppSense

Verbote helfen nicht

Immer häufiger scheint es, als müssten die IT-Verantwortlichen den anwendergetriebenen Trends der mobilen Arbeitswelt gerecht werden können. Dies zu schaffen, ohne Kompromisse bei der Datensicherheit einzugehen, ist eine ziemliche Herausforderung. Darüber, wie es den CIOs gelingen kann, in ihren Unternehmen nicht länger als Nein-Sager, sondern als Problemlöser wahrgenommen zu werden, sprachen wir mit Dr. Bernhard Tritsch, Director of Technical Community bei AppSense.

Herr Dr. Tritsch, Ihr Unternehmen ist Anbieter für User-Virtualisierung, die laut eigener Aussage den Anwender in den Mittelpunkt stellt. Wie darf man das verstehen?
Dr. Bernhard Tritsch:
Als wir 1999 anfingen, stand bei uns noch sehr stark der Remote-Desktop im Mittelpunkt. Wir hatten aber bald das Gefühl, dass nicht die Remote-Desktops das Wesentliche sind, sondern viel mehr, dass die Anwender mit unterschiedlichen Betriebssystemen und Endgeräten auf ihre Anwendungen und Daten zugreifen und diese verwalten möchten. User-Virtualisation macht genau dies möglich, indem sie Anwender und Technologie voneinander entkoppelt.

Die Technologie basiert im Grunde auf einem Filtertreiber, also einer Schicht, die sich zwischen aufrufende Anwendung und das Betriebssystem setzt. So können die Aufrufe abgefangen und modifiziert werden.

Was bringt dieser nutzerzentrierte Ansatz hinsichtlich mobilem Arbeiten?
Tritsch:
Der Wandel der Arbeitswelt durch mobiles Arbeiten wird zwar in erster Linie durch Außendienstmitarbeiter und Vertriebsleute vorangetrieben, vollzieht sich aber auch in anderen Mitarbeitergruppen. Etwa bei Angestellten, die innerhalb ihres Unternehmens öfter mal den Arbeitsplatz wechseln oder von zu Hause aus arbeiten.

Diese Entwicklungen werden sich in den nächsten Jahren noch verstärken, woraus veränderte Bedürfnisse der Mitarbeiter resultieren. Vor diesem Hintergrund helfen Lösungen wie AppSense DataNow, mit der man ortsunabhängig und über verschiedene Endgeräte auf seine Daten zugreifen kann.

Ortsunabhängig und über verschiedene Endgeräte auf Daten zugreifen kann man auch über private Cloud-Dienste wie Dropbox. Wo liegen die Vorteile von DataNow?
Tritsch:
Die IT-Infrastruktur ist in vielen Unternehmen so aufgebaut, dass nur die stationären Rechner auf Unternehmensdaten zugreifen können. Die mobilen Geräte sind davon aus Sicherheitsgründen oft ausgeschlossen. Also synchronisieren die Anwender diese Geräte via Dropbox. Dass es große Risiken birgt, Unternehmensdaten bei für die Privatnutzung konzipierten Cloud-Diensten zu parken, sollte jedem klar sein.

Mit unserer Lösung geben wir unseren Kunden die Kontrolle zurück über das ganze Spektrum der angesagten Endgeräte: iPhone, iPad, Android-Smartphones, Windows-PC, Mac und bald auch Windows Phone 8. Die Daten bleiben jedoch im Unternehmen und unsere Kunden entscheiden, wer wann wie darauf zugreifen darf.

Reicht das, um Sicherheitsbedenken zu zerstreuen? Immerhin befinden sich die Daten immer noch auf den Geräten der Mitarbeiter.
Tritsch:
In der derzeit erhältlichen Version von DataNow geht es tatsächlich eher darum, den Anwendern den Zugriff auf Unternehmensdaten bzw. die Synchronisation mehrerer Geräte zu ermöglichen, ohne dass dafür externe Storage- oder Cloud-Anbieter benötigt werden. In der Enterprise-Version wird die integrierte Policy-Engine wesentlich mehr Möglichkeiten zur Umsetzung der firmeneigenen Datenschutzrichtlinien geben.

Dadurch, dass dem CIO eine granulare Umsetzung der unternehmenseigenen Datenschutz-Policies ermöglicht wird, gewinnt er wieder an Kontrolle. Statt BYOD und die Einbindung mobiler Geräte abzulehnen, kann sich der CIO intern als Problemlöser in Szene setzen.

Von den CIOs wird auch verlangt, Lösungen für mobiles Arbeiten anzubieten, die über die reine Bereitstellung von Daten hinausgehen...
Tritsch:
Wir bieten auch die Mobile-Application-Management-Lösung MobileNow an. Diese ermöglicht die Trennung zwischen privaten und geschäftlichen Anwendungen. So lässt sich kontrollieren, welche Daten verschlüsselt werden sollen.
Ein Beispiel: Wir haben einen nativen E-Mail-Client in die Lösung integriert, weil das die Anwendung ist, die am häufigsten verwendet wird. Es ist einstellbar, dass der Anwender Attachments nur verschlüsselt auf dem Gerät ablegen darf oder dass er auf bestimmte Daten im Offlinemodus keinen Zugriff hat. Im Falle eines Geräteverlustes sind die Daten also sicher und man muss nicht extra einen Remote Client losschicken.

Wie bewerten Sie die Aktivitäten der Konkurrenz in diesem Bereich, gerade unter Sicherheitsaspekten? Ich denke etwa an SAP, die für viele Ihrer Anwendungen Datenzugriff in Echtzeit gewährleistet.
Tritsch:
Es ist stets bedenklich, für bestimmte Anwendungen Echtzeitdatenzugriff zu gewähren. Dabei müssen viele potentielle Schwachstellen abgedeckt werden, die durch den Einsatz unterschiedlicher Betriebssysteme entstehen. Eine Frage  ist etwa, ob man auf dem Endgerät Caching erlauben möchte. Ist das der Fall, werden die Daten auf dem Gerät zwischengespeichert – ein potentieller Angriffspunkt. Bei Unterbindung des Cachings wird die Anwendung sofort unbrauchbar, sobald die Onlineverbindung unterbrochen wird.

Was können IT-Verantwortliche tun, um besser auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter einzugehen und dabei gleichzeitig die interne Rolle zu stärken?
Tritsch:
Auf Mitarbeiterseite beobachten wir Verunsicherung: Was darf ich, was darf ich nicht? Deshalb sind die Nutzer unserer Erfahrung nach gar nicht so unglücklich, wenn es klare IT- und Datenschutzrichtlinien gibt, die mithilfe granularer Policy Engines auch durchgesetzt werden.

Welche Trends sehen Sie bei der Wahl der Endgeräte und Betriebssysteme?
Tritsch:
Derzeit versuchen viele Unternehmen noch, sich ein Mindestmaß an Standardisierung und Kontrolle zu erkaufen, indem sie ihren Mitarbeitern iPads und iPhones zur Verfügung stellen. Diese Strategie geht aber nur eingeschränkt auf: Zum einen beobachten wir, dass viele Mitarbeiter im Privaten auf Android-Geräte umschwenken, die sie dann auch beruflich nutzen wollen. Zum anderen ist Apple in vielerlei Hinsicht restriktiver als andere, wenn es darum geht, Kontrolle über die Geräte und die darauf installierten Anwendungen auszuüben.
Microsoft macht es Entwicklern und IT-Administratoren in dieser Hinsicht leichter, u.a. durch ihre Entwicklungswerkzeuge wie Visual Studio. Bei Windows 8 kommt  hinzu, dass die gesamte Geräteflotte unter demselben Betriebssystem läuft. Das mögen IT-Verantwortliche, da sie ihre Anwendungswelt nicht zu stark verändern müssen. Natürlich wird das die Apple- und Android-Geräte nicht verdrängen, aber die Vielfalt wird wachsen.

Was spricht zudem für Windows 8?
Tritsch:
Neben den Vorteilen bei der Verwaltung sind die neuen Windows-8-Tablets nicht nur attraktiv im Design, sondern auch technisch leistungsstark: In vielen der Geräte ist im Prinzip Notebook-Technologie verbaut: große CPU, 4 Gigabyte Arbeitsspeicher, Full-HD auf 12 Zoll. Dank Windows 8 ist es zudem möglich, gewohnte Anwendungen wie das komplette Office-Paket auf dem Tablet laufen zu lassen. Da die Tablets oft eine Tastatur oder zumindest einen Stift besitzen, lässt sich auf ihnen tatsächlich auch sehr gut arbeiten. Man muss jedoch dazusagen, dass die Geräte leider auch relativ teuer sind.

Trotz aller administrativen Vorteile: Bei einem Umstieg müssten doch trotzdem zunächst die Nutzerdaten migriert werden ...
Tritsch:
Wir unterstützen unsere Kunden bei der Migration von Windows XP auf Windows 7 und auch Windows 8. Mit unserer Lösung werden alle benutzerspezifischen Aspekte des Migrationsprozesses verwaltet, indem man die Benutzerebene von Endgeräten, Betriebssystemen und Anwendungen entkoppelt. Dadurch müssen IT-Administratoren dann nur eine einzige Benutzerinstanz verwalten. So ersparen sie es sich, auf jedem einzelnen Endgerät langwierige Konfigurationsroutinen durchzuführen.

Welche Gefahren sehen Sie für die IT-Verantwortlichen, wenn sie sich Trends wie BYOD weiter verschließen?
Tritsch:
Ignorieren die IT-Manager die Bedürfnisse der Anwender nach mobilem, geräteübergreifendem Arbeiten weiterhin, setzen sich die Mitarbeiter erfahrungsgemäß über Richtlinien hinweg – und nutzen dann Dienste wie Dropbox.
 
Wollen die CIOs also nicht als Verhinderer, sondern als Möglichmacher wahrgenommen werden, müssen sie Lösungen anbieten, die intelligent und granular genug sind. Das hängt auch stark mit dem bereits angesprochenen Thema Klassifizierung zusammen. Sind die Dokumente erst klassifiziert, kann man unkritische Dokumente auch ohne Probleme auf Dropbox ablegen. Häufig machen das die Unternehmen jedoch nicht. Stattdessen geben sie die Losung aus, es darf überhaupt nichts rausgehen. Das ist aber in der Realität nicht haltbar.

Worin bestehen die Hürden, mit denen sich die Entwickler und IT-Administratoren bei Apple konfrontiert sehen?
Tritsch:
Apple hat sehr genaue rechtliche Vorgaben, was man auf ihren Geräten machen darf und was nicht. Infolgedessen sind bei uns die Juristen teilweise mehr beschäftigt als die Entwickler. Zudem wissen wir von einigen Kunden, dass es diesen nicht gelungen ist, benötigte Anwendungen auf das iPad zu bringen. Oft gab es nämlich kein natives
Frontend für die Programme. Um die Applikationen dennoch auf das iPad zu bringen, wurde dann auf Citrix Receiver oder Ähnliches gesetzt. Leider war die Bedienung via Windows-Frontend dann oft völlig unbrauchbar.

Ist Android aus Ihrer Sicht eine Alternative?
Tritsch:
Noch ist die Strategie vieler Unternehmen zu verhindern, dass Mitarbeiter ihre Android-Geräte ins Unternehmen mitbringen. Wir haben jedoch beobachtet, dass der Apple-Hype langsam nachzulassen beginnt. In der Folge „kippen“ noch mehr Nutzer auf die Android-Seite.

Da sich die Unternehmen Android nicht komplett verschließen können, beziehen wir es stark in unsere Lösungen ein. Die Herausforderung bei dem Google-Betriebssystem ist, dass es viele verschiedene Hersteller und Versionen gibt. Dadurch, dass wir nicht komplett einen Hypervisoren unterschieben, sondern nur einzelne Anwendungen kapseln, geht das tatsächlich auf relativ vielen dieser Geräten.

Wie reagieren die IT-Abteilungen auf Themen wie BYOD?
Tritsch:
Entgegen dem vorherrschenden Image der IT-Abteilung als einem Hort junger und innovativer Mitarbeiter muss man feststellen, dass der durchschnittliche IT-Mitarbeiter oft schon in seinen Vierzigern ist. Das heißt, die Leute sind seit 15 oder 20 Jahren im Beruf, oft sogar die ganze Zeit in der gleichen Firma. Damit geht nicht selten auch eine gewisse Haltung der Besitzstandswahrung einher. Die Bereitschaft für die Einführung neuer IT-Konzepte nimmt dadurch ab. Das psychologisch Schwierige ist also auch, die IT-Leute davon zu überzeugen, bestehende IT-Strukturen und -Richtlinien zu überdenken und zu modernisieren.

Abschließend noch eine Bemerkung zum Thema BYOD: Was die Sache eigentlich ausmacht, ist die, dass die Benutzer mehrere Geräte gleichzeitig nutzen wollen beziehungsweise müssen. Dabei bestehen sie aber nicht unbedingt darauf, ihre eigenen Tablets und Smartphones zu verwenden – im Gegenteil. Die Anwender bringen ihre privaten Geräte mit, weil die Unternehmen ihnen häufig nicht die für ihren Job benötigte Ausstattung zur Verfügung stellen. Eigentlich erwarten das die Mitarbeiter aber von ihrem Arbeitgeber. Tragen die Unternehmen dem Rechnung, verursacht dies zunächst Kosten – hat aber auch einen entscheidenden Vorteil: Stellen die Firmen Laptops und Telefone selbst zur Verfügung, können sie diese auch besser kontrollieren und verwalten.

Dr. Bernhard Tritsch

Seit Anfang 2011 ist Bernhard Tritsch als Director Technical Communities und Mitglied des Office of CTO bei AppSense tätig. Er begann seine berufliche Karriere 1991 am Fraunhofer Institut für Graphische Datenverarbeitung in Darmstadt, wo er nach mehrjähriger Forschungstätigkeit als leitender Systemadministrator für die flächendeckende Einführung von Microsoft Windows im Forschungsbetrieb zuständig war. Im Anschluss arbeitete er bis 2007 als Executive Director und Chief System Architect bei Visionapp, bevor er als Vice President Research and Development zu Login Consultants wechselte. Von 2008 bis 2010 war er Chief Technology Officer bei Immidio, einem Spin-off der Login Consultants. Bernhard Tritsch studierte Physik an der Universität in Freiburg, fertigte seine Diplomarbeit am CERN in Genf an und promovierte 1996 in Informatik an der Technischen Universität in Darmstadt.

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