09.03.2016 Insurtech-Startups legen los

Versicherungsbranche gerät unter digitalen Druck

Von: Ingo Steinhaus

Während die Versicherungsbranche noch nach digitalen Geschäftsmodellen sucht, entsteht eine Szene aus Startups, die einfach loslegen.

Es herrscht Goldgräberstimmung in der Versicherungsbranche, allerdings in erster Linie bei Startups und Investoren. Denn die digitale Transformation schreitet auch in der Versicherungswirtschaft rasch voran, wie eine Studie von PWC zeigt.

Vor allem die Kunden treiben die Entwicklung durch Nutzung des Internets voran. So recherchieren 71 Prozent der Versicherungskunden online. Auch die im Internet aktiven Direktversicherungen werden von einem Viertel der Kunden genutzt. Doch die großen Versicherungskonzerne konzentrieren sich laut PWC zu stark darauf, ihre digitalen Aktivitäten nach dem Modell des E-Commerce zu strukturieren.

Andere Aspekte werden eher vernachlässigt und finden sich erst in der Planung. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass Versicherungen im Grunde zwar Vorreiter der Digitalisierung sind, diesen Vorsprung aber langsam verlieren. So setzen die großen Versicherungskonzerne bereits seit den 1970er Jahren intensiv auf Informationstechnologie und haben bis heute ihre IT immer wieder dem neuesten Stand angepasst.

Trotzdem schleppen sehr viele Versicherungsunternehmen vor allem für die Bestandsverwaltung Altsysteme mit sich, die nur mit enormem Aufwand durch modernere Systeme abzulösen sind. Dadurch kommt es sehr leicht zu technischen Problemen, wenn beispielsweise für mobile Apps mehrere Software-Schichten auf eine Großrechnerlösung aufgesetzt werden müssen.

„Digital“ ist nicht nur ein Vertriebskanal

Dies wird bei Mobilisierung und Digitalisierung zu einem Hemmschuh. Zwar haben die Versicherungen recht schnell die Vorteile der Selbstbedienung im Web erkannt. Sie vermarkten dort erfolgreich Versicherungsprodukte, die fast ausschließlich über den Preis verkauft werden, etwa Fahrzeugversicherungen.

Der Erfolg dieses Vorgehens hat die Versicherungen nach Ansicht von PWC dazu verführt, die digitale Wirtschaft lediglich als neuen Vertriebskanal zu sehen und nicht als Möglichkeit, besser auf Kundenbedürfnisse zu reagieren.

Es gibt nur wenige Vorreiter, die zu neuen Ufern aufgebrochen sind. So bietet das sogenannte „Internet of Things“ auch Optionen für Versicherungen. Ein gutes Beispiel dafür sind Sensorauswertungen in einem Fahrtenschreiber. Damit kann die Fahrweise in die Berechnung von Beiträgen einbezogen werden.

Die großen Versicherer suchen häufig noch nach digitalen Geschäftsmodellen. Gleichzeitig geraten sie durch kleine Startups unter Drucks, die mit dem Oberbegriff „Insurtechs“ zusammengefasst werden. Dies ist ein weltweites Phänomen, aber interessanterweise ist die hiesige Insurtech-Szene recht stark: Mindestens 25 Gründungen gibt es im Land der Versicherungsmentalität.

Die meisten dieser Jungunternehmen nutzen das Plattformprinzip. So gibt es verschiedene Vergleichsportale und Versicherungsmakler, die auf eine moderne und flott reagierende Benutzeroberfläche setzen. Andere Startups wie GetSafe oder Knip vermarkten Apps, die als mobiler Versicherungsmanager arbeiten und den Verzicht auf Aktenordner und Klarsichthüllen erlauben.

Neue Geschäftsmodelle bei Startups

Ein interessantes und stark kundenzentriertes Geschäftsmodell hat Friendsurance. Bereits seit 2010 schließt das Unternehmen Versicherte zu Gruppen zusammen, die von den Versicherern bei Schadensfreiheit stärker rabattiert werden. die gesparten Beiträge gehen dann als Schadensfrei-Bonus zurück an den Kunden. Das Unternehmen spricht dabei von bis zu 40 Prozent Ersparnis.

Einen neuen Markt erschließt das Startup AppSichern mit seinen kurzfristig einsetzbaren Nischen- und Zusatzversicherungen. So gibt es zum Beispiel eine Kurzfristversicherung für Probefahrten beim Autohändler. Die Versicherung übernimmt dann eine Selbstbeteiligung im Schadenfall. Sie kostet lediglich fünf Euro und kann innerhalb weniger Minuten abgeschlossen werden.

Zusatzversicherungen gibt es für viele Fälle: Dienstreisen, Busreisen, Mietwagen, Mitfahrer, Schulausflüge oder sportliche Aktivitäten. Gebucht und bezahlt wird per App, sodass Produkte dieser Art überhaupt erstmals in größerem Umfang vermarktbar sind.

Bereits diese wenigen Beispiele zeigen, dass der Versicherungsmarkt in den letzten Jahren in Bewegung geraten ist. Die Insurtechs gelten inzwischen als potentielle Goldmine. Alleine im vergangenen Jahr sind etwa 27 Millionen Euro Venture Capital in die Branche geflossen. Das meiste Geld stammt dabei von VCS, nur wenige Versicherungen haben bisher in diesem Bereich investiert.

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