07.09.2017 Gärten für Stadtbewohner

Vertical Farming - Startups machen die Städte grün

Von: Ingo Steinhaus

Eine ganze Reihe von Startups entwickeln Produkte für modernes Hightech-Farming. Mal steht die Farm in der Küche, mal in einem Lagerhaus.

Junge Maispflanzen im Sonnenlicht

Green Startups: Pflanzen an jedem Ort

Wer auf dem Land wohnt und einen Garten mit ausreichend Platz hat, kann recht einfach sehr leckeres Gemüse selber anbauen. Mit ein wenig Geschick, einer ordentlichen Prise Biodünger und einem wenigstens hellgrünen Daumen wächst bald ein buntes Allerlei: Salate, Möhren, Gurken, Bohnen und Rote Beete sowie exotischere Gemüsesorten wie Zucchini, Hokkaido-Kürbisse oder Paprika.

Doch was machen Stadtbewohner? Sie haben ja im besten Fall einen oft nur fußmattengroßen Balkon. Für sie gibt es das sogenannte „Vertical Farming“, also das Anbauen von Obst und Gemüse an Stellen, die dafür eigentlich nicht gedacht sind. Eine ganze Reihe von Startups widmet sich diesem Thema, angefangen bei Lösungen zum Aufstellen in der Küche bis hin zu kommerziellen Farmen.

Agrilution

http://agrilution.de/

Das Münchner Startup hat einen intelligenten Garten für zu Hause entwickelt. Im Kern handelt es sich um einen Klimaschrank, der wie ein automatisches Treibhaus Salate, Kräuter und anderes zum Wachsen bringt. Dabei ist nicht einmal ein grüner Daumen notwendig, denn das eingelegte Saatgut wird automatisch erkannt - spezielle Saatmatten, die vom Startup ebenfalls verkauft werden. Dadurch ist für optimale Bewässerung, Temperatur und Beleuchtung gesorgt. Zurzeit wird die Serienproduktion vorbereitet, dafür sind die Venture-Gesellschaften von Beleuchtungsproduzent Osram und der Handelskette Tengelmann in das Startup eingestiegen.

Geco Gardens

http://geco-gardens.de/

Einen etwas anderen, nicht für Innenräume gedachten Ansatz verfolgt Geco Gardens. Es bietet automatisierte Kleingartensysteme für Balkon, Terrasse, Innenhof oder Flachdach. Das modulare System besteht aus mehreren hölzernen Pflanzwannen, die neben- oder übereinander angeordnet werden können. Die Pflanzen werden dabei ganz konventionell in Komposterde angepflanzt. Die Wannen sind über einen automatisierten Wasser- und Nährstoffkreislauf verbunden. Er wird durch ein eingebautes Solarmodul mit Akku und einer kleinen Pumpe angetrieben. Die Nährstoffe werden dabei auf natürliche Weise durch Wurmkompostierung aus den organischen Abfällen der angebauten Pflanzen zurückgewonnen. Das Wasser zirkuliert dabei durch die Pflanzungen und den Wurmkompost. Nach Angaben des Startups entsteht so ein eigenes kleines Ökosystem, das lediglich etwas Wasser von außen braucht.

Aponix

http://www.aponix.eu/

Ebenfalls für kleinere Balkone oder Terrassen geeignet ist die vertikale Pflanztonne von Aponix. Die Pflanzen werden in den einzelnen Ringen der Tonne in Erde angepflanzt. Das Beet besitzt ein integriertes Bewässerungssystem, das Staunässe verhindert. Eine zweite Variante richtet sich an kommerzielle Anwender. Hier hat jede Tonne einen Deckel mit Sprinkler, der für die Bewässerung sorgt. Die Ausnutzung der Grundfläche ist enorm: Eine Tonne aus zwölf Ringsegmenten ist mehr als zwei Meter hoch und bietet 144 Pflanzplätze auf weniger als einem Quadratmeter Fläche. Die Tonnen können in beliebiger Anzahl zu einer Kreislaufanlage verbunden und im Freiland, einem Gewächshaus oder künstlich beleuchteten Räumen betrieben werden.

Freight Farms

https://www.freightfarms.com/

Farm-in-a-box heißt das Konzept dieses Bostoner Startups, dass bereits seit 2010 existiert und zu den Vorreitern im Vertical Farming gehört. Es baut standardisierte Frachtcontainer zu Klimaboxen um, die als autonome Minifarm arbeiten. Mithilfe von LEDs, Klimatisierung und Bewässerung kann die Container-Farm das ganze Jahr über für den Anbau von Salat und Gemüse an beliebigen Orten genutzt werden. Gesteuert wird das ganze System mit einer App, sodass die Miniaturfarm auch aus der Ferne bedient werden kann. Zielgruppe sind eher kommerzielle Anwender, wie beispielsweise Agora Green, die lokale Restaurants mit frischen Salaten versorgen.

Plenty

https://www.plenty.ag/

Das Startup Plenty hat den Begriff Vertical Farming wörtlich genommen: Die Pflanzen wachsen vertikal, in hohen, schmalen Türmen. Die Farmen des Startups sind in großen, häufig lichtlosen Hallen untergebracht, weshalb es Kunstlicht gibt - das in diesem Fall auch vertikal und nicht von oben auf die Pflanzen scheint. Dadurch ist die Lichtausbeute für die Pflanzen optimal. Nach Angaben des Startups kann in einer Indoor-Farm auf der Grundfläche eines herkömmlichen Ackers etwa 350 mal so viel geerntet werden.

Kein Startup: Vertikalbeet für Kartoffeln (aus Ihrem alten Mogel-Diesel)

Auch wenn es jedem Besitzer eines Autos mit Dieselmotor wehtut: Wer der Umwelt etwas Gutes tun will, sollte es nicht mehr fahren, aber auch nicht verschrotten. Das Fahrzeug als solches kann man (nach Entfernung der gefährlichen Flüssigkeiten) als Hühnerhaus benutzen. Die Reifensätze werden zum Vertikalbeet für Kartoffeln, das ihren Anbau auch in sehr kleinen Reihenhausgärten erlaubt.

Ein guter Zeitpunkt für das Anlegen des Kartoffelbeetes ist Anfang April. Und das geht so: Einen felgenlosen Reifen flach auf den Boden legen und zur Hälfte mit Gemüseerde füllen. In die Mitte kommt nun eine Saatkartoffel. Tipp: Bamberger Hörnla sind robust und schmecken fantastisch. Nun wird die Reifendecke bis oben hin mit Erde gefüllt und gut angedrückt.

Nach einiger Zeit erscheint die Kartoffelpflanze. Wenn sie ein paar Zentimeter hoch ist, kommt der nächste Schritt: Einen weiteren Reifen auf den ersten legen und vollständig mit Erde füllen. Nun wieder warten, einen weiterer Reifen auflegen und füllen. Dasselbe dann mit dem letzten Reifen. Anschließend darf die Pflanze aus dem Vertikalbeet herauswachsen. 

In der gesamten Wachstumsphase sollte nur vorsichtig gegossen werden, Kartoffelpflanzen mögen es weder zu trocken noch zu nass. Sobald die Pflanze gelb und vertrocknet ist, kann geerntet werden. Im Inneren der Reifen finden sich nun erstaunlich viele Kartoffeln. Das Geheimnis: Die Kartoffelpflanze wächst trotz Bedeckung mit Erde einfach immer weiter und bildet dabei permanent Knollen - Vertical Farming für jedermann.

Bildquelle: Thinkstock

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