03.03.2017 Die Zukunft des Fernverkehrs

Wann kommen autonom fahrende LKW?

Von: Ina Schlücker

Autonom fahrende LKW könnten in naher Zukunft im Fernverkehr auch auf deutschen Autobahnen kreuzen, glaubt Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer, Vorsitzender der Geschäftsführung bei der Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V.

Thomas Wimmer, Bundesvereinigung Logistik

Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer ist Vorsitzender der Geschäftsführung bei der Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V.

Herr Wimmer, inwieweit werden autonome, selbstfahrende Lastkraftwagen künftig das Geschäftsfeld von Logistikern und Speditionen verändern?
Thomas Wimmer:
Im kreuzungsfreien Betrieb, beispielsweise im Fernverkehr, werden sich teilautonome Konzepte wie Platooning – also das koordinierte Fahren im Verbund mehrerer LKW – bereits in den nächsten Jahren durchsetzen. Vollautonome Systeme sind zwar technisch machbar, werden aber frühestens in zehn Jahren zum Einsatz kommen. Es gibt noch eine ganze Reihe von Vorarbeiten zu leisten:
•    Standards und Normen müssen herstellerübergreifend und durchgängig definiert werden.
•    Rechtliche Rahmenbedingungen und internationale Standards sind zu komplettieren.
•    Sorgen der Bevölkerung müssen berücksichtigt und ein Dialog geführt werden.

Die Entwicklung in Richtung selbstfahrender LKW bedeutet hohe Investitionen, wird aber den Kraftstoffverbrauch und Schadstoffemissionen senken. Dass Schritt für Schritt weniger Fahrer benötigt werden, hilft bei der Bewältigung des aktuellen Fahrermangels. Darüber hinaus können bisherige Lenkzeiten anderweitig, z.B. für Service- und Koordinierungsaufgaben genutzt werden.

Welche Vorteile können sich diese Unternehmen von autonomen LKW-Flotten versprechen?
•    Kraftstoffverbrauch und Schadstoffemissionen sinken
•    Unfallrisiken werden vermindert
•    Fahrermangel wiegt nicht mehr so schwer/Personalkosten sinken
•    Vernetzung der Systeme und Nutzung generierter Daten schafft Transparenz und verbessert Planbarkeit von Prozessen

Ab wann werden Ihrer Einschätzung nach autonome LKW das Geschäft von Logistikern und Speditionen dominieren? Und warum just zu diesem Zeitpunkt?
Wimmer:
Autonom fahrende LKW gemäß Stufe 5 des VDA werden im kreuzungsfreien Verkehr voraussichtlich in etwa zehn Jahren Realität werden können, in den Innenstädten in etwa 15 Jahren. Das bestätigen renommierte Studien, z.B. von Roland Berger oder von PWC. Dabei spielen sowohl technische Entwicklungen eine Rolle als auch Standards, die noch gesetzt und durchgesetzt werden müssen sowie die Entwicklung und Umsetzung rechtlicher Rahmenbedingungen.

Stichwort Sicherheit: Wie können zum einen Unfälle im Straßenverkehr und zum anderen Angriffe durch Hacker vermieden werden?
Wimmer:
Bereits heute sorgen Assistenzsysteme vielfach für deutlich mehr Sicherheit im Straßenverkehr. Autonome Systeme reagieren schneller als der Mensch. Daher können viele Unfälle vermieden werde. Die Reaktionszeit eines Menschen beträgt durchschnittlich 1,4 Sekunden, die Reaktionszeit eines technischen Systems 0,1 Sekunde. Wegen der Komplexität der Einflüsse und Entscheidungen wird der Mensch aber noch auf längere Sicht aktiv in die Fahrzeugsicherheit mit eingebunden werden.

Und natürlich müssen die Systeme vor Angriffen geschützt werden. Daran arbeiten die Systemhersteller schon jetzt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) beabsichtigt zudem, die IT-Sicherheit für das autonome und vernetzte Fahren zu fördern. Der Handlungsbedarf ist also erkannt.

Welche Voraussetzungen (z.B. Technologien, Infrastrukturen, Gesetzgebung, Haftung) müssen erst noch gegeben sein, um die Verbreitung autonomer LKW voranzutreiben?
Gesetzgebung:

o    Die Straßenverkehrsordnung muss angepasst werden, es müssen international verbindliche Regeln und Standards (z.B. Mindestabstand beim Platooning, Lenk- und Ruhezeiten) definiert und vereinbart werden
o    Stichwort Maschinenethik: Offen ist die Frage, inwieweit autonome Systeme in ihrem Handeln dem Menschen gleichgestellt werden und sollen und wie moralisch/ethische Standards gesetzt werden können.
Infrastruktur:
o    Die im Bundesverkehrswegeplan definierten Aus- und Neubauten müssen schnellstmöglich realisiert werden, damit die Infrastruktur nicht noch weiter verfällt.
o    Die Autobahnen in Deutschland müssen auch zu Datenautobanen ausgebaut werden (Highspeed Internet, Vernetzung etc.).
o    Auch Datensicherheit und Datenschutz müssen mit bedacht und geregelt werden.
Haftung:
o    Es müssen verbindliche Regeln beschlossen werden, wer haftet, wenn es keinen Fahrer gibt. Der Hersteller? Der Komponentenlieferant? Der Verursacher von außen?
o    Versicherungen werden neue Produkte entwickeln müssen

Über kurz oder lang sollen LKW-Fahrer durch autonome Fahrsysteme ersetzt werden. Wie kann verhindert werden, dass dann allein in Deutschland 500.000 LKW-Fahrer plötzlich auf der Straße sitzen?
Wimmer:
Die Einführung autonomer Systeme wird sich über zehn bis 15 Jahre hin erstrecken. Durch demografischen Wandel, Veränderungen von Arbeitsinhalten und durch den langen Zeithorizont wird es keine Massenarbeitslosigkeit von LKW-Fahrern geben. Fakten:

o   Innerhalb der nächsten zehn Jahre werden rund 150.000 bis 200.000 LKW-Fahrer in Rente gehen (Quelle: Dekra).
o    Per Ende 2015 waren gut 25 Prozent der Berufskraftfahrer über 55 Jahre alt (Quelle: Statista), nur 2,5 Prozent waren unter 25 Jahre alt
o    Das Berufsbild ist nicht besonders attraktiv – insbesondere Fahrer für den Fernverkehr sind heute nur schwer zu finden
o    Der Beruf des LKW-Fahrers wird sich wandeln hin zu einem „Transport-Manager“, der auch in einem Leitstand arbeiten kann.
o    Auf der letzten Meile und in den urbanen Zentren werden auch künftig Fahrer gebraucht, die die Ware entladen und sich beispielsweise um die Ladungssicherung und ergänzende Serviceleistungen (Auspacken, Verpackungsrücknahme etc.) kümmern.

Bildquelle: BVL

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