06.06.2017 „Sie lassen sich auch ausschalten“

Warum Mobilgeräte so verführerisch sind

Von: Lea Sommerhäuser

Christian Leopoldseder, Vice President Operations bei Asseco Solutions, betont im Interview: „Bei aller verführerischen Flexibilität sollte man sich eine zentrale Funktionalität mobiler Geräte immer wieder in Erinnerung rufen: Sie lassen sich auch hin und wieder ausschalten.“

Christian Leopoldseder, Asseco

„Rugged Devices bieten natürlich vor allem den Vorteil, dass sie durch ihre Robustheit in der Lage sind, auch widrigen Umgebungseinflüssen über lange Zeit hinweg standzuhalten“, so Christian Leopoldseder von Asseco.

Herr Leopoldseder, welche Unternehmensprozesse müssen Ihrer Ansicht nach heutzutage mobil abgebildet werden können?
Christian Leopoldseder:
Prinzipiell können nahezu alle Unternehmensbereiche von mobilen Anwendungen profitieren, rein nach Bereichen gibt es hier aus meiner Sicht keine Einschränkungen. Sehr wohl sehe ich hingegen Unterschiede in der Funktionstiefe. In manchen Bereichen, beispielsweise im Lager, lassen sich komplett alle Prozesse wie Wareneingang, Kommissionierung und Inventur abdecken. In anderen Bereichen, denken Sie etwa an die Finanzbuchhaltung, sind nur einzelne Prozesse sinnvoll mobil nutzbar, etwa Reisekostenabrechnungen oder Dashboards für Auswertungen.

BI, ERP, CRM, DMS & Co.: Welche Lösungen sind demnach in mobiler Variante besonders gefragt?
Leopoldseder:
Ganz oben auf der Beliebtheitsskala stehen vor allem die Geschäftsbereiche, die per se nicht unmittelbar an den klassischen Schreibtisch gebunden sind, beispielsweise die Lagerwirtschaft. Hier ermöglichen Mobillösungen ein unmittelbares Ein- und Auslagern von Waren oder führen die Kollegen bei Bedarf zu den gewünschten Lagerplätzen. Auch der Service-Bereich mit seinen Außendienstmitarbeitern eignet sich hervorragend: Mit einer Mobillösung können die Service-Techniker ihre Einsätze planen und koordinieren, haben alle wichtigen Infos zum Kunden jederzeit zur Hand und können ihre Arbeit unmittelbar vor Ort dokumentieren. Darüber hinaus sind auch mobile CRM-Anwendungen sehr beliebt. Diese können Mitarbeiter bei Kundenterminen nutzen, Verfügbarkeiten prüfen und Auftragsdaten von unterwegs übermitteln. Bereiche wie DMS hingegen werden deutlich weniger nachgefragt. Hier folgen derzeit viele dem Trend, externe – sprich für die Öffentlichkeit bestimmte – Dokumente in ohnehin allgemein zugänglichen Plattformen wie Youtube zur Verfügung zu stellen.

Welche Prozesse müssen nicht unbedingt mobil abgebildet werden können und warum?
Leopoldseder:
Besonders schwierig mobil abzubilden sind vor allem komplexe Prozesse mit vielen Handlungsvarianten, z.B. Kapazitätsplanungen und Konfliktbeseitigungen bei Ressourcenengpässen. Diese auf eine mobile Plattform zu bringen, gestaltet sind häufig schwierig, und das Ergebnis ist in vielen Fällen nur bedingt zufriedenstellend.

Was sind generell noch häufige Stolpersteine bei der Einführung mobiler Lösungen im Unternehmen?
Leopoldseder:
Möchte man eine mobile Lösung einführen, muss man sich auf jeden Fall zuerst über die eigenen Unternehmensprozesse im Klaren sein. Das klingt trivial – in vielen Fällen ist die Definition der eigenen Prozesse jedoch der notwendige erste Schritt, um einen soliden Ausgangspunkt für die Einführung der Mobillösung zu schaffen. Anschließend sollte man in einem überschaubaren Rahmen beginnen: Häufig versuchen Unternehmen, gleich im ersten Schritt möglichst alle Prozesse auch mobil zur Verfügung zu stellen. Sinnvoller ist jedoch, zunächst anhand eines einfachen Prozesses erste Erfahrungen zu sammeln.

Welche mobilen Endgeräte machen hier im Unternehmenseinsatz am meisten Sinn? Wovon ist dies abhängig?
Leopoldseder:
Das kommt vor allem auf das jeweilige Einsatzgebiet an. Mobile Geräte, die im Lager oder direkt in der Fertigung genutzt werden, sind deutlich höheren Belastungen ausgesetzt als beispielsweise jene, die lediglich im Vertrieb genutzt werden. Erstere sind oft in hohem Maße Staub, Erschütterungen, eventuell sogar Hitze oder Feuchtigkeit ausgesetzt. Das gilt es bereits bei der Anschaffung zu bedenken.

Welche Rolle spielen an dieser Stelle „Rugged Devices“? Welche Eigenschaften müssen jene Geräte mit sich bringen?
Leopoldseder:
Rugged Devices bieten natürlich vor allem den Vorteil, dass sie durch ihre Robustheit in der Lage sind, auch widrigen Umgebungseinflüssen über lange Zeit hinweg standzuhalten. Darüber hinaus nutzen solche Geräte häufig Standardbetriebssysteme, sind damit für die IT besonders einfach zu konfigurieren und für den Anwender besonders leicht zu bedienen.

Was hält das eine oder andere Unternehmen noch davon ab, auf mobile Anwendungen und entsprechende Endgeräte zu vertrauen?
Leopoldseder:
Ein häufiger Hinderungsgrund ist selbst heute noch die Angst vor einem möglichen Datenverlust. Da mobile Geräte per definitionem mobil sind, lassen sie sich überall hin mitnehmen – und damit auch unterwegs verlieren oder gar stehlen. Gelangt ein Firmengerät in die falschen Hände, besitzt im schlimmsten Fall eine nicht-autorisierte Person Zugriff auf das Unternehmensnetzwerk, und damit vielleicht auf Kundendaten, vertrauliche Projektinformationen oder geistiges Eigentum. Um diese Gefahr zu minimieren, sollten Unternehmen auf technischer Ebene für ein höchstmögliches Schutzniveau und auf betrieblicher Ebene für praktikable Sicherheitsvorschriften sorgen – im Endeffekt eine Aufgabe für das Risiko-Management. Generell möchte ich jedoch anmerken, dass die Akzeptanz von mobilen Lösungen unserer Erfahrung nach durchaus sehr hoch ist. Mobile Lösungen werden als Erleichterung angesehen. Speziell in den Bereichen Lager und Produktion profitieren die Mitarbeiter deutlich von der gewonnenen Flexibilität, werden entlastet und können sich somit besser auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren.

Wie gehen die Unternehmen tatsächlich mit der „ständigen Verfügbarkeit“ um? Was sind hier gute Kompromisse?
Leopoldseder:
Das kommt stark auf die jeweilige Unternehmenskultur an. Wir erleben häufig, dass auch Unternehmen mit starkem Fokus auf Mobillösungen keine ausgeweiteten Verfügbarkeiten von ihren Mitarbeitern einfordern. Die Ausnahme stellt häufig der Umgang mit E-Mails dar. Wie oft diese beispielsweise auch von Zuhause aus gelesen und bearbeitet werden, hängt stark von dem einzelnen Mitarbeiter selbst ab. In diesem Bereich sehe ich es als Aufgabe der Unternehmen an, frühzeitig zu unterstützen und zu coachen. Bei aller verführerischen Flexibilität sollte man sich eine zentrale Funktionalität mobiler Geräte immer wieder in Erinnerung rufen: Sie lassen sich auch hin und wieder ausschalten.

Bildquelle: Asseco

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