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Wege aus der Google-Herrschaft

Die Meldung, dass der Google Reader eingestellt werden soll, erzeugte einen Sturm der Entrüstung.

Memento Mori

Damit hat Google vermutlich nicht gerechnet: Die Meldung, dass der Google Reader eingestellt werden soll, erzeugte einen Sturm der Entrüstung. Der eher wenig bekannte Service ist ein typisches Profiwerkzeug: Wer nur ein paar Website verfolgen will, benötigt weder den Reader noch die zahlreichen mobilen Clients. Anders sieht es bei Informationsverarbeitern wie Journalisten, Bloggern oder Technikern aus: Ein typischer Hardcore-Anwender wertet 100 oder mehr verschiedene Informationsquellen aus.

Einige Konkurrenten sind sofort in die Bresche gesprungen und konnten deutliche Zuwächse verbuchen. So hat zum Beispiel der Service Feedly innerhalb weniger Tage über eine halbe Million neuer Nutzer bekommen. Allerdings: Er nutzt ebenso wie viele andere Apps und Dienste den Google Reader als Backend. Doch die Betreiber haben sofort angekündigt, innerhalb der nächsten Wochen ein eigenes, kompatibles Backend zu starten.

Ersatz ist also schnell gefunden, doch damit ist das grundlegende Problem nicht gelöst. Für viele Anwender war die Einstellung des Readers ein Memento Mori in Sachen Cloud Computing. Wer sagt, dass nicht bald der Google Kalender eingestellt wird? Zumindest die offene Synchronisierungsschnittstelle CalDav hat Google schon gestrichen. Damit sind also nicht nur viele RSS-Apps, sondern auch eine ganze Menge mobiler Kalenderprogramme plötzlich wertlos geworden.

Heißt das also jetzt: Zurück zum Desktop? Alles wieder auf der eigenen Festplatte speichern? Und wie in der IT-Steinzeit der 1990er Jahre das Smartphone mit dem USB-Kabel synchronisieren? Nein, denn es gibt als praktische Alternative die eigene Cloud. Die radikalste Lösung lautet: Server kaufen, Linux installieren und alles selber machen. Die passende Software dazu ist leicht im Internet zu finden.

Wer mit einer etwas weniger ultimativen Lösung zufrieden ist, kann auch seinen möglicherweise bereits vorhandenen Webspace nutzen oder extra für diesen Zweck mieten. Die meisten Provider bieten eine ausreichende Basisausstattung mit PHP und MySQL An, auf der sich nicht nur Blogs betreiben lassen.

Das wichtigste Werkzeug für die Befreiung aus der Google-Wolke ist OwnCloud. Dabei handelt es sich um eine Open Source Software, die Cloud-Funktionen auf einem eigenen Server anbietet. Der Anwender kann eine mobil zugängliche Online-Festplatte einsetzen, aber auch Kalender, Aufgaben und Kontakte online verwalten - wie bei den entsprechenden Google-Anwendungen.

Aktuell ist die Version 5, die in naher Zukunft mit einem eigenen RSS-Reader aufgerüstet werden soll. Der Funktionsumfang von OwnCloud ist völlig ausreichend für eine komfortable Arbeit mit Terminen, Kontakten und Aufgaben. Darüber hinaus gibt es OwnCloud-Apps für den Umgang mit Videos und Bildern.

Im Normalfall wird OwnCloud über das Web genutzt, doch es gibt auch Apps für iOS und Android sowie Desktop-Clients für Windows, Mac und Linux. Sie dienen allerdings nur der Synchronisierung von Ordnern mit den jeweiligen Geräten. Für Termine wird der offene Standard CalDav eingesetzt. Unter Android kann zum Beispiel CalDav Sync genutzt werden, um eine Synchronisation jeder Kalender-App mit OwnCloud zu ermöglichen.

Wer auf seinem Desktop-Rechner Outlook einsetzt und mit OwnCloud synchronisieren will, findet ebenso Software von Drittanbietern. Es gibt zwei passende Programme. iCal4OL (18 Euro, 14-Tage-Demo) ist eine Standalone-Anwendung für Windows und der Bynari WebDAV Collaborator (28 Euro, 30-Tage-Demo) installiert sich als Outlook-Addin. Beide erfüllen ihre Aufgabe klaglos, ial4OL ist jedoch dank seiner Optionsvielfalt ein wenig unübersichtlich in der Konfiguration.

Ein selbst betriebener Ersatz für den Google Reader ist damit aber (zumindest vorläufig) noch nicht Bestandteil des Setups. Doch es gibt auch RSS-Reader, die auf einem eigenen Server arbeiten. Wer Kosten sparen will, sollte die Open Source Software TT-RSS einsetzen. Sie ist allerdings nicht besonders einfach zu konfigurieren und erfordert ein längeres Studium der Dokumentation sowie ein wenig Erfahrung in der Arbeit auf einem Linux-Server.

Etwas leichter geht das mit dem kommerziellen Produkt Fever (30 $), das zudem eine deutliche elegantere Benutzeroberfläche als das recht spartanische TT-RSS bietet. Allerdings: Der Betrieb eines RSS-Backends erzeugt viel Traffic und belegt ordentlich Prozessor-Ressourcen. Nicht jeder Wald-und-Wiesen-Tarif wird dafür ausreichend sein. Wer zu Hause VDSL50 nutzen kann, sollte wirklich über den Kauf eines Linux-Servers nachdenken.

Bildquelle: Henning Hraban Ramm / pixelio.de

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