Umwelt- und Ressourcenschonung

(Wider-)Natürliche Sammelwut von altem Eisen

Irgendwie logisch: Steigt der Absatz der Smartphones in immer neue, schwindelerregende Höhen, bedeutet dies zwangsläufig, dass Tasten-, Klapp- und Slider-Handys von der Bildfläche verschwinden. Aber wohin? Ganz einfach: Sie sammeln sich an in Schränken, Schubladen und Kellerregalen. Im Sinne der Umwelt- und Ressourcenschonung ist dieses Sammlertum der Besitzer ganz sicher nicht.

(Wider-)Natürliche Sammelwut von altem Eisen

Was vor kurzem noch hipp und angesagt war, hat kurze Zeit später bereits seinen Stylefaktor nahezu komplett verloren. Niemand, der halbwegs etwas auf sich hält, wird heute noch bei vollem Bewusstsein ein Klapphandy benutzen – geschweige denn erwerben – und denken, er liege damit im Trend. Und richtig: Er liegt definitiv nicht im Trend. Erinnert sich noch jemand an die Handys von Siemens? Seit Oktober 2005 ist Siemens Mobile vom Markt verschwunden. Das ist gerade einmal sechseinhalb Jahre her, im Mobility-Segment kommt es einem jedoch vor wie 6.500 Lichtjahre. Siemens-Handys waren einmal relativ häufig zu sehen, längst sind sie unsichtbar.

Zugegeben, es ist nicht allein der Imagefaktor, der zählt – natürlich geht es auch um Funktionalität und technologischen Fortschritt. „Es gibt wenige andere Branchen, in denen die Entwicklung so rasend schnell voranschreitet wie bei Mobiltelefonen. Wer kannte denn vor fünf Jahren den Begriff ‚Smartphone’?“, fragt beispielsweise Marc Thylmann vom Branchenverband Bitkom und prophezeit den Herstellern, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen, ein schnelles Verschwinden vom Markt.

15 Prozent mehr Geräte in der Schublade

So dreht sich das Rad der technologischen Entwicklung immer schneller und löst dabei heftigste Reflexe des ‚Haben-Wollens’ aus. Und was man einmal hat, das gibt man nicht mehr her. Die „alten“ Geräte verschwinden zwar, aber eben im Schrank. Nach einer aktuellen Studie des Bitkom horten die Deutschen momentan rund 83 Millionen alte und ungenutzte Mobiltelefone. Ein Jahr zuvor waren es noch 72 Millionen gewesen, was einer Steigerung von ca. 15 Prozent entspricht. Marc Thylmann vermutet, dass diese Entwicklung auf einer Mischung aus Abwarten, Bequemlichkeit, Nicht-Wissen und der Angst vor dem möglicherweise unsachgemäßen Umgang mit den auf den Geräten gespeicherten Daten beruht. Für Michael Kaminski-Nissen, bei HP zuständig für Umweltthemen, gilt die Schubladenproblematik für alle ITK-Produkte – jedoch umso mehr, je kleiner sie sind. Schließlich findet sich für sie selbst in der kleinsten Wohnung noch ein Lagerplatz. Wenn das Gerät darüber hinaus teuer in der Anschaffung war und man es „persönlich liebgewonnen“ habe, falle die Trennung wohl noch schwerer. Nach dem Motto: Wenn mein Kind mal ein Handy braucht, gebe ich ihm mein Siemens ME45 – das kann auch mal hinfallen (das Handy).

Wie auch immer: Gut für die Umwelt kann dieses Sammlerverhalten nicht sein. Dabei gibt es seit langem diverse Möglichkeiten, ältere Geräte ins Recycling zu geben oder sie weiterzuverkaufen. Die Deutsche Umwelthilfe und die Telekom kooperieren bereits seit 2003 bei der Sammlung, dem Recycling und der Weiterverwendung von Althandys. Ziel ist es, möglichst viele Rohstoffe in den Kreislauf zurückzuführen. Auch spezialisierte Anbieter haben dieses Geschäftsfeld für sich entdeckt und sehen Potential für ihren Unternehmenserfolg. So sei es kein Problem, wiederaufbereitete Geräte zu verkaufen. Käufer gebe es genügend, sagt denn der Geschäftsführer des Berliner Handyaufkäufers Wirkaufens, Christian Wolf. Als Beispiel nennt er Menschen, die immer das gleiche Produkt kaufen, weil sie sich nicht umgewöhnen möchten. Oder diejenigen, die sich schlicht und ergreifend kein neues Gerät leisten könnten und daher gerne zu einem guten, gebrauchten Gerät griffen.

Und der Einzelne zählt doch

Selbstredend bei einem Weiterverkauf: Je neuer das Gerät, desto höher der zu erzielende Preis: Gerade bei Elektronik sollte man sich sputen, liegt der Wertverlust doch bei jährlich 50 Prozent, so Christian Wolf. Taugt ein Device aus Altersgründen nicht mehr zur Weiterverwendung, bleibt final nur das Recycling. Die Option Hausmüll sollte schon allein beim Einschalten des gesunden Menschenverstandes komplett ausgeschlossen werden, denn dafür sind die enthaltenen Schadstoffe einfach zu giftig.

Das vermeintliche Argument, nach dem das eine Handy, das der Einzelne nun zurückgibt oder nicht, die Umwelt weder retten noch zerstören werde, ist dabei ebenso platt und banal wie das Gerede der FDP, die im Zuge einer Finanztransaktionssteuer das Abwandern von (im Mikro-Mü-Sekunden-Bereich vom Computer getakteten) Bankgeschäften und Arbeitsplätzen (!) nach London befürchtet. Die Antwort kann nur sein: Irgendwo und irgendwann muss man einfach einmal anfangen. Auch der Einzelne muss im Rahmen seiner Möglichkeiten seinen Beitrag leisten.

Rund 80 Prozent der verwendeten Materialien in einem Mobiltelefon können laut Bitkom-Sprecher Marc Thylmann wiederverwertet werden. Dabei stecken nur sehr kleine Mengen an Metallen und sogenannten „seltenen Erden“ in einem Handy. Das Horten zur Altersvorsorge lohnt sich also nicht. In der Masse jedoch wird das sogannte „Urban Mining“ interessant, wie Christian Wolf betont: „In einer Tonne Handys (10.000 Stück) stecken im Durchschnitt 250 Gramm Gold und zwei Kilogramm Silber.“ Hinzu kommen Kupfer, Kobalt und andere Metalle, so dass sich der Wert der Rohstoffe auf insgesamt ca. 10.000 Euro pro Tonne belaufe.

Das ganze Dilemma der Ressourcenverschwendung beginnt selbstverständlich viel früher. Es hat seinen Ursprung in erster Linie in dem Konsumverhalten des Einzelnen. Wobei sich nicht nur die Umweltbewussten des öfteren dabei ertappen, wie sie nach dem Motto verfahren: Das gönne ich mir jetzt mal, obwohl ich weiß, dass es ökologisch nicht astrein ist. „Eine kurzfristige Lösung sehen wir hier nicht“, beschreibt Steffen Holzmann von der Deutschen Umwelthilfe leicht resignierend. Er würde sich langfristig Konzepte wünschen, die die Nutzungsdauer der Geräte verlängern. Ein solches Konzept könnte sein – und dabei nimmt Holzmann die Geräte- und Softwarehersteller in die Pflicht – „dass nicht mehr der Kauf, sondern die Nutzung bepreist wird.“ So könnten Anbieter zusätzliche Funktionen und Updates gegen Gebühr herausgeben und Gewinne vom Endgerätegeschäft in die App Stores und Markets verlagern. Das Interesse müsse darin liegen, möglichst viele Geräte auf dem Markt zu haben anstatt nur die neuesten abzuverkaufen.

Längerfristige Konzepte statt kurzfristig mehr Funktionalität

Doch genau an dieser Stelle treffen ökologische und ökonomische Interessen mal wieder hart aufeinander. Verkaufen die Hersteller weniger Geräte, werden sie an der Börse abgestraft, tun sie das Gegenteil – nämlich Rekordgewinne einfahren, wie Apple gerade wieder – sind sie die strahlenden Gewinner. Also bringen sie in immer kürzeren Zyklen neue Geräte heraus, die ein wenig besser ausgestattet sind als ihre Vorgänger, und doch deren Wert schnell verfallen lassen. Niedrige Preise wiederum senken die Hemmschwelle für einen Neukauf. Steffen Holzmann: „Gerade bei Smartphones ist es häufig so, dass neue Features reine Software-Erweiterungen sind, die für ältere Geräte nicht zur Verfügung gestellt werden. So machen die Hersteller die Geräte durch ihre Update-Politik gerne zu altem Eisen, obwohl dies technisch nicht notwendig ist.“ In diesem Zusammenhang stellt er Apple noch ein besseres Zeugnis als vielen Android-Anbietern aus, weil Apple das Updaten älterer Geräte eher zulasse. So zu beobachten bei der Aktualisierung der iPhones der 4er-Reihe mit iOS 5. Der Einzelne kann neue Geräte also sehr wohl mit Voraussicht kaufen und durch sein Konsumverhalten die Industrie zu neuen Gewinnstrategien „bewegen“. Was die Unternehmensebene anbelangt, sieht Steffen Holzmann von der DUH ein viel tieferliegendes Problem. „Da die Geräte zumeist unter der Grenze für geringwertige Wirtschaftsgüter angeschafft werden, gibt es in den meisten Unternehmen keine ‚Verwaltung‘ der Geräte.“ Meist bekämen die Arbeitnehmer nach zwei Jahren einfach ein neues Modell, wobei eine Rücknahme nicht existiere. Zudem wäre der Verwaltungsaufwand höher als die Erträge aus dem Re-Marketing. „Der Schlüssel sind also Konzepte, die den Anwenderunternehmen keinen zusätzlichen Verwaltungsaufwand bringen und gleichzeitig die Arbeitnehmer einbeziehen.“ Diese Konzepte scheint es allerdings noch nicht oder wenn, dann zu selten zu geben.

Bildquelle: © iStockphoto.com/moori

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