07.06.2017 Digitale Konkurrenz belebt das Geschäft

Wie Fintechs das Mobile Banking vorantreiben wollen

Von: Guido Piech

Im umkämpften Markt des Mobile Bankings konkurrieren nicht nur Start-ups untereinander, sondern auch mit traditionellen Banken, die endlich erwacht sind und inzwischen ebenfalls marktgerechte Services anbieten.

Mobile Banking

Besonders in der Gruppe der unter 34-Jährigen wird Mobile Banking immer beliebter. Bequemlichkeit und Komfort, Transparenz und Konto-Kontrolle in Echtzeit sind die Argumente, die neugegründete Fintechs wie N26 oder Kontist für ihre Produkte ins Feld führen. In dem umkämpften Markt konkurrieren die Start-ups aber nicht nur untereinander, sondern natürlich auch mit den traditionellen Banken, die endlich erwacht sind und inzwischen ebenfalls marktgerechte mobile Banking-Services anbieten.

Die Digitalisierung hat im Bankensegment bereits vor Jahren Einzug gehalten: Millisekunden-getaktete Transaktionen kennen die Investment-Banker in London, Frankfurt und New York schon recht lange (und richten mitunter großen Schaden an). Auch Online-Banking gibt es nicht erst seit gestern. Und doch ist in letzter Zeit eine Reihe rein digitaler Unternehmen aus dem Boden geschossen, die mit ihren Finanzdienstleistungen das traditionelle Bankgeschäft wenn schon nicht ganz abschaffen, so doch mindestens von Grund auf revolutionieren wollen.

„Mobile Banking verändert das Bankgeschäft komplett. Heute kann man auch ohne Filialen besseren Kundenservice und erstklassiges Banking bieten, mit deutlich geringeren Kosten“, zeigt sich Valentin Stalf, Gründer und CEO des Start-ups N26, euphorisch. Dadurch könne man mehr in Produktentwicklung investieren und den Kunden bessere Leistungen bieten. Die bestehen seiner Meinung nach darin, bequem, einfach und überall seine Finanzgeschäfte tätigen zu können – und das nicht nur als Digital Native. Mühsame Bankgeschäfte, die früher nur am Automaten oder über Online-Banking möglich waren, könnten heute von überall einfach über das Smartphone erledigt werden, was ihn zu folgendem Fazit verleitet: „Traditionelle Banken im klassischen Sinn wird es bald so nicht mehr geben. Sie müssen sich von Offline-Unternehmen zu digitalen Unternehmen entwickeln, sonst haben sie keine Chance.“

Klare Kampfansage

Starker Tobak und eine klare Kampfansage, wobei nicht ganz deutlich wird, worin der entscheidende Vorteil von Mobile Banking gegenüber herkömmlichem Online-Banking genau liegen soll. Wenn es die Komponente der Standortunabhängigkeit sein sollte, steht dem gegenüber, dass laut einer vom Eco-Verband und MOBILE BUSINESS initiierten, bevölkerungs-repräsentativen Umfrage von Yougov das Banking via App auf Smartphone oder Tablet vornehmlich in den eigenen vier Wänden stattfindet.

Für Christopher Plantener spielt ein weiterer Faktor hinein. Der CEO des Fintechs Kontist, dessen Produkt speziell auf Selbstständige zugeschnitten ist, vertritt die Ansicht, dass es mit den neuen Diensten viel einfacher werde, Konten zu eröffnen sowie die Bank bzw. den Finanzdienstleister zu wechseln. „Inzwischen dauert die Eröffnung eines Kontos keine fünf Minuten mehr. Zusätzlich werden durch neue mobile Lösungen die administrativen Hürden beseitigt, die Nutzer traditionell von einem Wechsel abgehalten haben“, so Plantener, der einen entsprechenden Trend im B2C- und anfänglich auch schon im B2B-Markt zu erkennen glaubt.

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Die Banken müssten Überlegungen anstellen, wie sie ihre Kunden künftig binden und sich als Anbieter überhaupt differenzieren wollten. „Wenn ein Girokonto nur eins zu eins von der nicht-digitalen in die mobile Welt übernommen wird, dann wird es zum Wegwerfprodukt. Wenn allerdings – und das ist es ja, was wir von Kontist stark propagieren – neue Funktionalitäten hinzukommen, die dem Kunden wirklichen Zusatznutzen bringen, kommt darüber eine neue Kundenbindung zustande.“

Es hat etwas gedauert, doch mittlerweile scheinen auch die Banken verstanden zu haben, wohin die Reise geht, und ergänzen ihre Filialkonzepte und das herkömmliche Online-Banking um mobile Angebote. „Der große Vorteil von Mobile Banking ist, dass es den Zugriff auf Finanzinformationen und Transaktionen ‚immer und überall’ ermöglicht. Damit ändert sich auch Stück für Stück die Erwartungshaltung der Kunden bezüglich der Verfügbarkeit von Bankendienstleistungen, was wiederum die Banken dazu zwingt, kundenorientiertere und flexiblere Angebote zu machen“, betont Christian Kastner, Geschäftsführer von Star Finanz, einem Tochterunternehmen der Finanz Informatik, selbst wiederum IT-Dienstleister der Sparkassen-Finanzgruppe. Für ihn stellt die App einer Bank mittlerweile für viele dieser Angebote einen oder sogar den primären Zugangspunkt dar. Zum Beispiel könnten Kunden den Kundenberater auf diese Weise auch außerhalb herkömmlicher Öffnungszeiten über Videochat kontaktieren und per Chat oder Direktnachricht mit ihm kommunizieren.

Zentraler Zugangspunkt

Am Rande fügt Kastner hinzu, dass Mobile Banking als Teilmenge des Online-Bankings zu sehen sei, wobei bereits Online-Banking seit Jahren dazu führe, dass viele Online-Nutzer für einfache Informationen wie Kontostand oder Transaktionen wie Überweisungen und Daueraufträge die klassischen Filialen nicht mehr aufsuchten, weswegen deren Anzahl stetig sinke.

„Mobile Banking verändert das Bankgeschäft komplett. Heute kann man auch ohne Filialen besseren Kundenservice und erstklassiges Banking bieten, mit deutlich geringeren Kosten.“ Valentin Stalf, Gründer und CEO des Start-ups N26

In diese Bresche will N26-Chef Valentin Stalf springen, der von seinem Unternehmen behauptet, die erste mobile Bank in Europa geschaffen zu haben. „Uns ist es gelungen, im Banking ein Produkt anzubieten, das User ähnlich gerne verwenden wie die weltweit führenden Apps von Spotify oder Uber. Wir sind davon überzeugt, dass die Filiale der Zukunft das Smartphone ist.“

Aber was genau bietet N26 seinen Nutzern? Stalf nennt neben dem klassischen Girokonto mit Überziehungsrahmen und Mastercard auch ein Konto für Selbstständige und Freiberufler, die sowohl ihre privaten als auch geschäftlichen Finanzen in einem Konto verwalten können. Zudem erhielten die Kunden neben den Grundfunktionen eines Kontos auch Zugang zu den besten Finanzprodukten weltweit. „Wir kooperieren dafür entweder mit den führenden Unternehmen oder entwickeln neue Produkte selbst. Derzeit bieten wir schon Verbraucherkredite, alles rund um die Geldanlage, wie Festgeldkonten oder Investment-Produkte (ETFs).“ Der größte Unterschied zu traditionellen Anbietern bestehe darin, dass alle diese Produkte mit wenigen Klicks komplett auf dem Smartphone verfügbar seien, zudem mit einer deutlich besseren Kostenstruktur.

Im Grunde ist es das Ziel aller Unternehmen, egal ob traditionelle Bank oder Start-up, möglichst viele Dienste und Services innerhalb eines digitalen Zugangspunktes abzubilden. Fernando Burgos Herce, Director of Innovation bei Telefónica Deutschland, spricht denn auch von einem Financial Hub mit Echtzeitinformationen, Push-Benachrichtigungen, Integration der Konten auch anderer Banken, Beratung per Chat oder Telefon. Kurzum: mehr Flexibilität als bisher mit Filialen und ihren begrenzten Öffnungszeiten. Dies setzen laut Burgos Herce gerade junge Leute voraus.

Demoskopisch betrachtet ist jedoch der Anteil der deutschen Bevölkerung, der nicht der Generation X oder Y zuzurechnen ist, deutlich höher. Diese Menschen sind nicht ausschließlich smartphone-orientiert und haben ganz einfach andere Ansprüche. Beispielsweise erwarten viele die persönliche und individuelle Beratung. Was bei langwierigeren und folgenreicheren Verhandlungen wie Hauskrediten im privaten Bereich oder der Finanzierung von Maschinen in Unternehmen absolut verständlich ist. Da spielt Vertrauen eine wesentliche Rolle, das sich über einen Video-Chat oder Chatbot nicht ganz so einfach wird aufbauen lassen.

Digitale und analoge Präsenz

Hier können die Banken ihre Vorteile voll ausspielen, denn sie verfügen über das Filialnetz, bieten die gesamte Palette der Finanzdienstleistungen an, besitzen durch Online-Banking bereits über hinreichende Erfahrungen im digitalen Segment und verfügen zudem mittlerweile über die entsprechenden mobilen Apps. Infolgedessen besitzen sie alle notwendigen Zulassungen, die die Fintechs erst noch selbst oder über Partnerschaften erwerben müssen, und wissen, was es heißt, den Anforderungen und Prüfungen der Bafin nachzukommen.
Die Banken haben also den Vorteil, alles aus einer Hand bieten zu können. Und was für das mobile Bezahlen gilt, trifft wohl auch auf Mobile Banking zu: „Fragt man nach dem präferierten Anbieter von Mobile-Payment-Verfahren, so bevorzugen die Deutschen mit deutlichem Abstand das eigene Finanzinstitut“, so Dr. Niklas Bartelt, Geschäftsführer bei Paydirekt.

„Die meisten Fintech-Start-ups agieren derzeit noch mit Venture Capital und schreiben noch keine schwarzen Zahlen.“ Christian Kastner, Geschäftsführer Star Finanz

Sehr gelassen bewertet Christian Kastner die Situation, wenn er sagt, dass langfristig gesehen allein der wirtschaftliche Erfolg ausschlaggebend sei. „Die meisten Fintech-Start-ups agieren jedoch derzeit noch mit Venture Capital und schreiben noch keine schwarzen Zahlen. So hat N26 laut eigenen Angaben zwar über 300.000 Kunden – es darf jedoch darüber gestritten werden, wie viel diese Kunden am Ende wert sind, da der überwiegende Teil lediglich das kostenlose Girokonto nutzt.“ Ganz allgemein glaubt er, dass die Banken bzw. die etablierten Player dann am besten aufgestellt sind, wenn sie einerseits die Ideen und neuen Ansätze der Fintechs aufgreifen, indem sie partnerschaftlich mit ihnen zusammenarbeiteten, und andererseits, wenn sie ihre Expertise, etwa in den Bereichen Infrastruktur oder Regulatorik, anböten und so z.B. als Dienstleister vom Erfolg der Fintechs profitierten.

In vielen Diskussionen um die Themen

Mobile Banking und Digitalisierung im Finanzwesen ist ein solcher Konsensansatz nicht zu finden. Vielfach schimmert stattdessen eine mehr oder weniger dogmatische Sichtweise durch, die auf Vorwürfen und lange gehegten Ressentiments gegenüber den Banken basiert. Doch nicht jede Bank definiert sich allein über ihre Investment-Abteilungen in den Frankfurter Wolkenkratzern. Das digitale Angebot der Banken bewegt sich vielmehr auf dem gleichen Niveau wie das der Fintechs. Wahr ist aber auch, dass die Start-ups diese Entwicklung erst maßgeblich in Gang gesetzt und den Wettbewerb erhöht haben, so dass die Verbraucher nun eine ganze Reihe von Optionen haben.  


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