12.12.2016 Mobile Geräte im Lager

Wie hilfreich sind Datenbrillen in der Lagerlogistik?

Von: Lea Sommerhäuser

Neben Industrie-Handhelds und Rugged Tablets haben auch Datenbrillen ihren Weg in die Lagerlogistik gefunden. Doch wie ernst zu nehmen sind diese modernen mobilen Helfer?

Datenbrillen in der Lagerlogistik

Grundsätzlich haben Datenbrillen das Potential, für alle intralogistischen Prozesse eingesetzt zu werden.

Während die ersten Datenbrillen eher für den Consumer-Markt konzipiert waren, zeigt die neue Gerätegeneration zunehmend passende Elemente für die Industrie, die beispielsweise der Anbieter Picavi mit Eigenentwicklungen im Zubehörbereich zu prozesstauglichen Systemen aufrüstet und im Mehrschichtbetrieb zuverlässig einsetzt. „Die Nachfrage nach Lösungen mit Datenbrillen wächst rasant“, stellt der Manager Business Development Ralph Schraven fest. „Insbesondere der von uns fokussierte Bereich der Lager- und Prozesslogistik profitiert von den Vorteilen der Technologie.“

Ein konkreter Blick in die Praxis zeigt, dass etwa bei der Knapp AG der Einsatz von Datenbrillen schon Realität ist. „Wir führen z.B. Anlagenwartungen mithilfe von Augmented Reality (AR) durch, wozu Datenbrillen genutzt werden“, berichtet Marketing-Leiterin Margit Wögerer. Damit will das Unternehmen seine Service-Mitarbeiter unterstützen. Denn mithilfe jener Technologie werden kontextbezogene Instruktionen auf die Brillen projiziert – diese Dokumentationen und Sicherheitsanweisungen können zugleich auch auf andere mobile Endgeräte wie Tablets und Smartphones ausgegeben werden.

„Datenbrillen haben den Status der Spielerei bzw. des Experimentierens verlassen“, bestätigt Prof. Wolfgang Prinz (PhD), stellv. Institutsleiter, Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT. Sie können sowohl aus Sicht der Hardware als auch der Software als vollwertige Geräte in die Geschäfts­prozesse eingebunden werden. Die Größe eines Lagers spiele dabei keine Rolle, meint Margit Wögerer, „denn eine dauerhafte Verfügbarkeit der Anlage zählt heute zu den wichtigsten Anfor­derungen“.

Grundsätzlich haben Datenbrillen das Potential, für alle intralogistischen Prozesse eingesetzt zu werden. So tragen sie neben Kommissionierung und Einlagerung auch im Wareneingang und -ausgang sowie bei der Inventur zu effizienteren Prozessen bei. „Je nach Pickdichte wird in der Kommissionierung zwischen acht und zehn Prozent reine Pickzeit eingespart“, liefert Ralph Schraven konkrete Zahlen. Zugleich sinke die Fehlerrate signifikant. Mit der konsequenten Prozessführung über das Display hätten die Kommissionierer den aktuellen Auftrag sowie ihre Arbeitsschritte jederzeit im Blick und beide Hände frei.

Kurze Wege im Lager

Nicht zuletzt eignen sich Datenbrillen sehr gut zur Anzeige von Navigationsinformationen, „z.B. um den kürzesten Weg für verschiedene Produkte aus dem Lager zu finden“, ergänzt Prof. Wolfgang Prinz. Die Schulung für diese Geräte entspreche der Schulung für Smartphones oder Tablets – die Handhabung der Brillen scheint also nicht wesentlich komplizierter zu sein als die jener mobilen Endgeräte. Bei Knapp unterstützt beispielsweise das Bedienkonzept Easyuse eine intuitive Bedienung, unabhängig von Endgerät. „Damit bringen wir eine moderne Mensch-Maschine-Kommunikation auf alle Ebenen der Software-Hierarchie in die Lagerlogistik“, so die Marketing-Leiterin.

Big Data als Herausforderung

Auch Ralph Schraven ist zuversichtlich: „Jeder Lagerist kann die Datenbrille schon nach kurzer Zeit handhaben.“ Die Bedienung der Devices sei bei den meisten Modellen intuitiv und laufe über Tasten oder ein Touchpad am Brillengestell. Zudem werde der Lagerarbeiter visuell durch seinen Arbeitsalltag geführt und einzelne Schritte werden automatisch per in die Brille integriertem Scanner direkt bestätigt. Laut Schravens Erfahrungen wird die Arbeit mit der Datenbrille schnell erlernt und die neue Technologie gut angenommen.

Die generelle Herausforderung soll dabei weniger bei der Hardware liegen, die sich rasch weiterentwickelt, um industrietauglich zu werden. Aber die zunehmende Digitalisierung bedingt unverkennbar eine enorme Menge an Daten, die verarbeitet und zur Verfügung gestellt werden muss. Das sei die wahre Herausforderung, meint Wögerer. Die riesigen Datenmengen müssten verarbeitet und dem Benutzer punktgenau und in optimaler Form bereitgestellt werden.

Kälte bremst Technologie aus

Schraven sieht indes bei der Hardware noch Nachbesserungsbedarf. Denn an ihre Grenzen stößt die Technologie aktuell im „tiefgekühlten“ Bereich: Die niedrigen Temperaturen lassen nur kurze Einsatzzeiten zu, da aktuell keine speziell für solche Umgebungen konzipierten Datenbrillen verfügbar sind. „Hier arbeiten wir mit unseren Partnern an einer Optimierung“, verrät der Manager Business Development von Picavi. Weitere Verbesserungen wünscht sich Prof. Wolfgang Prinz vom FIT in den Bereichen „Energieverbrauch“, „Gewicht“ sowie „Tragbarkeit“. Dementsprechend sollten Unternehmen, die sich für den Einsatz von „mobilen Helfern“ in der Lagerlogistik entscheiden, insbesondere auf die Ergonomie und Energieeffizienz der Datenbrillen achten. Denn was nützt etwa eine Brille, die nach einer Stunde Tragzeit „auf die Nase drückt“ und vom Mitarbeiter am liebsten wieder abgelegt werden möchte? Und wenn die Brille dann auch noch kompliziert zu bedienen ist, wird sie wohl kaum Erfolg im Geschäftsalltag bringen.

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Außerdem: „Im Gegensatz zur Programmierung von mobilen Systemen wie Smartphones ist hier ein stark erweitertes Know-how rund um veränderte Bedienkonzepte, neue Bildschirmkonzepte, Datenmanagement und Energieeffizienz erforderlich“, betont Ralph Schraven. Dadurch würden sich Smart-Glasses-Projekte deutlich von anderen IT-Projekten unterscheiden. Bei der Make-or-buy-Frage sei es also ratsam, auf externe Experten und ihre Erfahrung zu vertrauen. Gleiches empfiehlt auch Margit Wögerer abschließend: „Anwender sollten sich auf einen kompetenten Partner verlassen.“


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