Preisfrage: Auf welches Ereignis reagieren die US-Medien innerhalb von 48 Stunden mit einer Hundertschaft aus Artikeln? Neues iPhone? Google schließt GMail? Elon Musk fliegt zum Mars? Nein, Steve Ballmer geht (und sofort steigt der Aktienkurs von Microsoft).
Die Nachricht hat ganz offensichtlich niemanden überrascht, am wenigsten die Leute von Wired, die nörgeln, diese Entscheidung käme 10 Jahre zu spät. Warum? Weil Microsoft von allen klassischen IT-Unternehmen der 1980er und -90er Jahre am meisten zu verlieren hatte - und nach Ansicht von Wired-Autor Cade Metz auch verloren hat.
Nicholas Thompson beschäftigt sich im New Yorker (!) mit den Fehlschlägen der Ballmer-Ära. und ebenfalls im New Yorker stellt Matt Buchanan fest: Viele Fenster, wenig Durchblick.
Kern der Kritik ist immer das Versagen bei Mobility und Touch-Devices. Ballmer habe die Trends nicht erkannt. Das Tragische daran: Microsoft war bei Mobilgeräten mal ganz vorne, aber die Innovationen wurden zugunsten von Windows, Office und der Enterprise-Software nicht ausreichend gefördert.
Klar, auch heute bringen diese Produkte das Geld containerweise ins Unternehmen. Doch mit einem frühzeitig modernisierten Windows Mobile hätte der Geldstrom wahrhaft Dagobert-Ducksche-Ausmaße angenommen.
Allein, Microsoft war im “Innovators Dilemma” gefangen: Ein revolutionär anderes Produkt verspeist die eigenen Geldkühe und wird deshalb nicht auf den Markt gebracht. Microsoft-Mitarbeiter und -Fans, die sich mal so richtig selbst kasteien möchten, sei dieser Artikel von Nick Bilton in der New York Times ans Herz gelegt.
Bei der Gelegenheit direkt alle anderen Teile der neunschwänzigen Katze für besonders schöne Striemen: 1. Ballmer hängt in der Vergangenheit fest (Guardian). 2. Ballmer hat alle Trends verschlafen (New York Times). 3. Nur BWLer bei MS, keine Entwicklerkultur (ReadWrite). 4. Widerstand war zwecklos (WSJ). 5. Hybris war normal (Time) 6. Endlich isser weg (Citeworld) 7. Ballmer war nicht der richtige CEO für MS (Mashable) und 8. er war der schlechteste CEO überhaupt (PandoDaily).
Uff. Nachtreten kann anstrengend sein. Deshalb zur Erholung ein paar freundlichere Kommentare: Selena Larsson verbucht auf ReadWrite positiv, das Ballmer vorsichtige Schritte in die Welt der “Sozialmedien” unternommen hat. Lauren Orsini lobt ebenda Management-Entscheidungen von Ballmer und Liz Gannes vom Wall Street Journal hebt die Videoperformance von Ballmer hervor.
Aber nichts ist so schnell Vergangenheit wie der Rücktritt von gestern: Steve wer? Achso, Stephen Elop, die Nummer Eins auf der Liste der mutmaßlichen Microsoft-CEOs. Allerdings: Peter Bright vermutet auf Ars Technica, dass es einen geeigneten CEO nicht gibt. Trotzdem stellt Jonny Evans von der ComputerWorld dem Nachfolger schon mal fünf Fragen. Und Kevin Kelleher übermittelt Microsoft auf PandoDaily den anschlussfähigen Wunsch: “Viel Glück.”
Bildquelle: Microsoft