Steve Ballmer erklärt Microsoft-Angestellten "One Microsoft"
Das Unternehmen aus Seattle lässt uns nicht los, uns Computerfuzzis und IT-Arbeiter. Vor allem die älteren Semester, die vor einem guten Vierteljahrhundert schon Word 4.0 genutzt haben - auf einem Amstrad PC1512 mit Diskettenlaufwerk -, sind ausgesprochen leidensfähig, bis an die Grenze der Selbstaufgabe.
Deshalb hat die Nachricht von der ganz besonders innigen Beziehung des Softwarekonzerns zur NSA eigentlich niemanden so richtig verwundert. Ein Aufschrei ist in den englischsprachigen Technologieblogs ausgeblieben, es war eher ein seufzendes “Ach Microsoft” zu hören.
Ein Rückblick: TechCrunch hat schon im Juni eine gute Zusammenfassung der Fakten gebracht und der Business Insider hat ebenfalls schon im Juni von den Abhörstrukturen bei Skype berichtet. Microsoft legte als Reaktion darauf einige Zahlen offen, die eine ähnliche Tendenz wie die Angaben aus dem “Transparenzbericht 2012” zeigen: Das Unternehmen reagiere nur auf rechtlich bindende Anfragen.
Die neuen Vorwürfe parierte Microsoft mit einem Statement, das auf der bisherigen Linie der Verteidigungsstrategie blieb: “Microsoft does not provide any government with blanket or direct access.” Diese Argumentation findet sich beinahe wortgleich auch in den Statements der anderen IT-Riesen. Um das zu beweisen, bemüht sich Microsoft jetzt um eine Freigabe der entsprechenden Informationen.
Angesichts der nicht immer so durchlässigen Transparenzschicht der IT-Unternehmen in den USA fordert Bill Davidow im Atlantic den Erhalt der Privatsphäre und einen Politiker, der dies auch gegen den “Surveillance-Internet Complex” durchsetzt. Ted Samson hat da weniger Zuversicht und kommt auf InfoWorld achselzuckend zu dem Schluss: Vertraue niemandem.
Doch Vertrauen ist die zweite Währung neben Aufmerksamkeit, die sich in der Digitalwirtschaft in echtes Geld umtauschen lässt. Da kommt die Prism-Affäre für Microsoft zum falschen Zeitpunkt: Das Unternehmen ist in der größten Umbruchphase seiner Geschichte. Es muss sich neu erfinden, um im Markt der Zukunft bestehen und das Vertrauen in seine Innovationskraft stärken.
Die Umstrukturierung des stark in seinen Produktlinien versäulten Konzerns ist ein Projekt, dem Steve Ballmer in den letzten Wochen seine Aufmerksamkeit geschenkt und das er mit großem Aplomb verkündet hat. Dementsprechend widmen sich einige Artikel diesem Thema, in denen allerdings die Skepsis überwiegt.
Jean-Louis Gassée entdeckt in dem Ballmer-Memo zu viele Details, zu viel “Corpospeak” und zu viele offene Fragen. Preston Gralla rückt den Details auf den Pelz und findet eine altbekannte Vision: Das Unternehmen will die Daten seiner Anwender. Tom Krazit meint dagegen auf GigaOM, es geht in erster Linie um Kontrolle.
Wer weitere Perspektiven will, findet interessante Überlegungen im Podcast von Horace Dediu. Auch dort wird über zu viel “Corporate Speak” gelästert und die schwierige Übersetzung in Alltagssprache beklagt. Vielleicht ist es aber so einfach, wie es Ex-Microsoftie Ben Tompson vermutet: “Die Umstrukturierung könnte sich als Eselei von Steve Ballmer entpuppen”.
Bildquelle: Microsoft