„Wir müssen das Produkt herausbringen, denn wir brauchen dringend eine Innovation. Wir müssen es nur unseren Kunden richtig erklären, dann kommt der Erfolg von alleine.“ Ein kurzer Ausschnitt aus der Rede eines Chefs an seine Mitstreiter. Wer genau hinschaut, sieht am Horizont die Wand, auf die das Unternehmen zurast. Denn die Rhetorik müsste eigentlich jeden skeptisch machen. Zunächst einmal gibt es den Druck, unbedingt ein neues Produkt herauszubringen, am besten eine Innovation. Doch offensichtlich verstehen die Kunden das Produkt nicht, denn sonst müsste man es ihnen nicht erklären.
Also steht ein mutiger Mitarbeiter auf und hält eine flammende Philippika, um das Entscheidungsgremium zu überzeugen und die Katastrophe zu vermeiden? Meistens nicht. Denn solche Gruppen bestehen oft aus ähnlich denkenden Menschen, beispielsweise Manager auf der Suche nach Innovation. Zudem haben sie oft ein starkes Wir-Gefühl: „Wir haben alles bedacht, machen keine Fehler und unsere Entscheidung ist richtig.“ Häufig werden in stark homogenen Gruppen andere Meinungen ausgeblendet, Warnhinweise ignoriert und unpassende Informationen abgewertet, als „Quatsch“ oder „ahnungslos“. Diese Prozesse werden als Groupthink bezeichnet.
Ein klassisches Beispiel ist die Schweinebucht-Invasion, ein von den USA organisierter militärischer Angriff kubanischer Exilanten auf Kuba. Dieser Plan wurde im Wesentlichen von der CIA vorangetrieben und extrem positiv beurteilt. Einige politische und militärische Berater waren skeptisch, äußerten ihre Vorbehalte aber angesichts der euphorischen Erwartungshaltung nicht vor dem Präsidenten.
Kennedy hat in der Folge darauf geachtet, an Entscheidungen auch Leute zu beteiligen, die nicht mit der Vorbereitung und Planung dieser Entscheidungen befasst waren. Anderenfalls kann ein Erfolgszwang dazu führen, dass Zweifel systematisch ausgeschaltet werden und die einzelnen Mitglieder der Gruppe lediglich nach Bestätigung ihrer Ansichten suchen.
Der Erfolgszwang kann sogar dazu führen, dass die Mitglieder der Gruppe illegale Handlungen zu tolerieren. Ein solcher Fall scheint der Diesel-Skandal bei Volkswagen zu sein. Es war den entscheidenden Personen scheinbar schnell klar, dass eine wirksame Abgasreinigung die Dieselmotoren zu teuer käme und den Preisabstand zu Benzinmotoren noch vergrößern würde. Also wurden die Werte nach unten korrigiert, per Software. Bedenken oder ethische Einwände kamen nach dem bisherigen Erkenntnisstand nur wenige auf - typisch für Groupthink.
Eine sehr wichtige Rolle bei solchen Prozessen spielt der „Chef“, also eine Führungspersönlichkeit in der Gruppe. Je abhängiger die Mitglieder von ihr sind, desto stärker werden sie seiner Auffassung zustimmen und Gründe dafür suchen, warum diese Auffassung richtig ist. Häufig werden dann auch Rationalisierungen gesucht, etwa Aussagen wie „Wir haben keine andere Wahl“ oder „Das macht ohnehin keinen Unterschied“.
Diese Groupthink-Prozesse wirken auch in Unternehmensprojekten, die auf Innovation ausgerichtet sind. Erstens widersprechen Innovationen häufig bisher gemachten Erfahrungen. Die Gefahr ist groß, dass ideenreiche Leute sich selbst bremsen, um nicht gegen einen vermeintlichen oder tatsächlichen Konsens zu verstoßen. Zweitens kann übergroße Innovationseuphorie dazu verführen, bei der Gestaltung von Produkten die Bedürfnisse der Kunden oder die Eigenschaften von Märkten zu vernachlässigen.
Je stärker der Erfolgszwang, je größer die vermutete oder tatsächliche Krise des Unternehmens, desto schwieriger ist es, Groupthink zu vermeiden. Doch aus seinen Merkmalen lassen sich Ratschläge ableiten, mit denen die Wahrscheinlichkeit einer negativen Gruppendynamik verringert wird.
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