Chaos Communication Congress

Mit dem Tretroller in den Hackerspace

Die Welt ein bisschen besser zu machen, gehört seit jeher zum Anspruch der Hackerszene, die sich vier Tage lang auf dem Leipziger Messegelände tummelte.

Der Chaos Computer Club lud zu seinem alljährlichen Kongress. ((Foto: Peter Endig))

Der Chaos Computer Club lud zu seinem alljährlichen Kongress. ((Foto: Peter Endig))

Mal geht es um die Rettung der Demokratie in den USA, mal um die Not von Flüchtlingen im Mittelmeer oder um die Freiheit der Wissenschaft. Der Chaos Computer Club (CCC) hat zum 35. Mal gerufen – und Tausende strömten am 27. Dezember 2018 zum Chaos Communication Congress, kurz 35c3 genannt. Damit die Weltverbesserung nicht zu anstrengend ist, durfte der Spaß nicht zu kurz kommen.

So hatten einige Hacker Tretroller dabei, um sich im ausgedehnten Messegelände schnell von einer zur anderen Halle bewegen zu können – zum nächsten Vortrag, hier schlicht Talk genannt, oder zum Workshop, um endlich einmal richtig löten zu lernen. Auch CCC-Sprecher Linus Neumann kurvte mit einem Tretroller herum, an dessen Unterseite ein kleiner Controller farbige Lämpchen zum Leuchten brachte.

Einplatinen-Computer wie der Arduino oder der Raspberry Pi lagen auf den Tischen im Hackerspace, in dem sich etliche Werkstattecken für die elektronischen LED-Kunstwerke eingerichtet hatten. Programmiert wurde dort mit Skriptsprachen wie Python, einfach zu erlernen und mit sofort vorzeigbaren Ergebnissen. Einiges mehr an Aufwand hatte Tim Drocki betrieben, um einen 3D-Drucker zu entwickeln, der einen Flaschenhalter mit dem Emblem des Kongresses produziert. Der musste dann natürlich um eine Flasche mit Mate gelegt werden – die Koffein-Limo ist für Hacker immer noch das erste Getränk der Wahl.

Florian war aus Nürnberg gekommen, wo er sich in der Computergruppe K4 engagiert, kurz K4CG genannt. „Mir geht es vor allem ums Lernen und um Verbindungen zu Menschen aufzubauen“, sagte der 18-Jährige. Sein eigenes Projekt ist die Arbeit an einem Notebook, auf dem er das Unix-System OpenBSD eingerichtet hat und nun weiterentwickeln will. „Ich möchte das System noch besser verstehen.“

Wummernde Bässe eröffneten den Kongress, dann verkündete eine Computerstimme das Motto: „Refreshing Memories“ – die Szene will Kraft aus ihrer eigenen Geschichte schöpfen. Zwei junge Hacker, die sich nur als rufus und rixx vorstellten, stimmten die Menschen in der voll besetzten Halle auf das viertägige Treffen ein.

Jetzt hätten alle „das heilige Fest des Computerreparierens“ hinter sich gebracht – an Weihnachten waren viele findige Talente in der Familie gefordert, um beispielsweise den Eltern technische Unterstützung zu geben; nun aber wäre wieder „Kongresszeit“. Rufus forderte die mehr als 16.000 erwarteten Teilnehmer auf, sich Gedanken zu machen, „wie wir den Planeten vom Abgrund wegrollen können“.

Nichts weniger als die Lösung der Klimakrise stellte denn auch die Meteorologin und Bibliothekswissenschaftlerin Claudia Frick vom Forschungszentrum Jülich in den Mittelpunkt ihres Vortrags. Man stelle sich vor, jemand habe diese gefunden und wolle das Forschungsergebnis in einer Fachzeitschrift publizieren, führte Frick aus und spannte einen Bogen zur Forderung nach „Open Access“, dem ungehindertem Zugang zu Forschungsergebnissen, für die alle Steuerzahler mit der öffentlichen Förderung der Hochschulen ohnehin schon gezahlt hätten.

Das offene Teilen von Erkenntnissen ist ein Kern der Hackerethik, deren Erneuerung ebenfalls auf der Tagesordnung des ersten Kongresstages stand. Die ersten dieser Leitlinien hat der Journalist Steven Levy 1984 veröffentlicht. Es lohne sich, diese Grundlagen für den schöpferisch-kritischen Umgang mit Technologie für die aktuellen Herausforderungen anzupassen, sagte CCC-Sprecher Frank Rieger in einem Vortrag.

Der 47-jährige Hacker und Autor traf auf dem Kongress viele junge Gesichter. Mit Schulprojekten und einem Junghackertag wendete sich der CCC gezielt an Jüngere. Erstmals bekamen Einsteiger in „foundation talks“ Grundlagen vermittelt – aber auch erfahrene Besucher konnten dort ihr Wissen auffrischen.

dpa/Peter Zschunke und Jenny Tobien/ls

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