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Viele historische Wurzeln

Großer Änderungsdruck durch Covid-19

Warum man trotz der offensichtlichen Vorzüge von offenen Ökosystemen immer noch so viele geschlossene oder inkompatible Prozesse in der Praxis vorfindet, erläutert Erik Wilde, Digital Transformation Catalyst bei Axway.

  • Baumwurzeln

    Viele IT-Architekturen haben historische Wurzeln und sind aus Systemen mit geringerer Komplexität entstanden – daher war es seinerzeit angemessen, auf weniger Offenheit zu setzen. ((Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus))

  • Erike Wilde, Axway

    Erik Wilde, Digital Transformation Catalyst bei Axway, ist der Ansicht, dass die Vorteile offener Architekturen nicht absolut sind. ((Bildquelle: Axway))

Eher geschlossene Systeme (oder sagen wir besser: weniger konsequent konzipierte als eine offene Architektur) gibt es aus einer Reihe an Gründen. Drei häufig anzutreffende sind die Folgenden:

1. Viele IT-Architekturen haben historische Wurzeln und sind aus kleineren oder recht alten Systemen entstanden. Diese sind oftmals geschlossen, weil es sich dort um Systeme mit geringerer Komplexität handelt und es daher angemessen war, auf weniger Offenheit zu setzen. Wachsen diese Systeme und verändern sich, so wird oftmals einfach immer mehr Neues hinzugefügt („integriert“), ohne kritisch zu hinterfragen, ob man nicht eine Größe erreicht hat, bei der die zunehmende Komplexität einen anderen Ansatz erfordern könnte.

2. Offene Architekturen machen diverse kritische Aufgaben in der IT nicht unbedingt einfacher. Tests, Monitoring, Operations, Security – all dies und weitere Fragen erfordern andere Ansätze, wenn man den Schritt von Systemen zu Ökosystemen macht. Wir verfügen heute über genug Erfahrung und Werkzeuge, um diesen Schritt zuverlässig machen zu können. Aber es ist dennoch ein erheblicher Wechsel, der oftmals als riskant und als mit nicht genügend Vorteilen verbunden empfunden wird.

Das kann sich schnell ändern, wenn sich die äußeren Umstände stärker ändern als zuvor und von daher der Druck auf die Architektur größer wird, diesen sich ändernden Umständen einfach folgen zu können. Covid-19 könnte ein solcher externer Faktor für viele eher geschlossene Architekturen werden: Bisher waren sie noch „gut genug“, den nicht ganz so großen Anforderungen nach Änderung zu folgen, aber mit dem neuen schnelleren und größeren Änderungsdruck der Covid- und Post-Covid-Zeit wird es deutlicher, dass offene Architekturen flexibler und belastbarer sind.

Aber die Vorteile offener Architekturen sind nicht absolut. Wie bei allem Design stellt sich die Frage, was man von einer IT-Landschaft erwartet. Will man hochoptimierte Prozesse, so ist Integration der richtige Weg. Will man Flexibilität und Kooperationsmöglichkeiten, dann sind offene Architekturen die bessere Wahl. Nicht umsonst sind Themen wie Microservices extrem populär: Sie geben dem Streben nach mehr Unabhängigkeit und Flexibilität einen Ausdruck auf der Technologieebene.

Umstellung auf organisatorischer Ebene

3. Der dritte Grund sind oft organisatorische Strukturen. Es gibt die „IT-Abteilung“, die alles macht, was mit IT zu tun hat. Diese wächst immer weiter, ist aber nach wie vor eine integrierte und hierarchisch organisierte Struktur. Conway's Law sagt uns, dass Systeme, die wir bauen, ein Abbild der Kommunikationsstruktur der Organisation sind, die diese erstellt. Es ist daher unausweichlich, dass große und hierarchische Strukturen ebensolche Architekturen produzieren.

Ist es einem Ernst damit, von eher geschlossenen Systemen auf offene Ökosysteme umzustellen, so muss das zwingend einher gehen mit einer entsprechenden Umstellung auf organisatorischer Ebene: Zentral werden nur noch so wenige Dinge wie möglich gemacht, so dass die dezentralen Bestandteile des Ökosystems entstehen und wachsen können. Dies hat ganz klar auch Konsequenzen der Art, dass Architekturgruppen an Macht und Einfluss verlieren und dass auch anderswo Kompetenzen oder auch Arbeitsstellen verschoben werden. Dieser Aspekt macht die Umstellung schwierig, aber wenn man Conway's Law vertraut, dann ist es anders nicht möglich.

Die genannten Punkte sind allesamt recht umfassender und systemischer Natur (alles andere wäre an sich auch überraschend). Sie sind auch der Grund, weshalb Änderungen oftmals nur gelingen, wenn sie mit Strategie und Zielvorstellungen von oberster Ebene begleitet werden. Andernfalls ist es nicht möglich, all die Änderungen vorzunehmen, die ein notwendiger Teil eines offenen Ökosystems sind.

Was wir häufig sehen ist die Hoffnung, dass neue Technologien alleine genügen, um den Umstieg zu schaffen. Das ist leider zu viel erwartet von der Technologie alleine und ohne Anpassung der Praktiken und der organisatorischen Strukturen kann und sollte man nicht die grundlegenden Änderungen erwarten, die man sich erhoffen mag.

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