Digital Leadership

Unternehmensorganisation für die digitale Zukunft

Das digitale Wirtschaftswunder erfordert eine andere Führungskultur: Weniger Hierarchie, mehr Eigeninitiative.

„Weg mit den Krawatten“, schrieb Anfang des Jahres die Süddeutsche Zeitung über das Ende des Krawattenzwangs bei Bosch, dem konservativen Technikriesen aus Schwaben. Die Frischluft in Kopfnähe ist nicht die einzige Neuerung, die Geschäftsführer Volkmar Denner dem Unternehmen in seinen gut drei Jahren an der Spitze gebracht hat.

Er bemüht sich, den in der Vergangenheit oft behäbig wirkenden Konzern mit etwas Start-up-Mentalität aufzufrischen. „Unsere Mitarbeiter haben bewiesen, dass sie gute Forscher sind, jetzt sollen sie auch erfolgreiche Unternehmer werden“, fordert Denner und hat dafür einen eigenen Inkubator gegründet, die Robert Bosch Startup GmbH.

In erster Linie sollen hier Eigenentwicklungen ausgebrütet werden. Dafür stellt das Unternehmen 500 Millionen Euro bereit. „Da entstehen aktuell Produkte, die niemand von Bosch erwarten würde, aus ganz anderen Ecken als unserem traditionellen Geschäft“, sagte Denner in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Die Entwicklung bei Bosch steht für einen Trend, der in vielen Unternehmen angekommen ist. Er lässt sich relativ leicht in zwei Schlagworte fassen: Weniger Hierarchie, mehr Eigeninitiative. Vor allem traditionsreiche Industrieunternehmen haben es schwer mit der Start-up-Dynamik.

Groß und erfolgreich geworden sind sie nämlich mit einer völlig anderen Unternehmensorganisation, dem Modell von Frederic Winslow Taylor, Taylorismus genannt. Das Managementverfahren stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und schwört auf kleinteilig gegliederte Arbeitsschritte und die Einwegkommunikation von oben nach unten.

Taylorismus: In Routinen und Ritualen erstarrt

Dieses Vorgehen brachte im 20. Jahrhundert große Erfolge, doch seine Nachteile zeigen sich in der Digitalwirtschaft deutlich: Eine enorme Bürokratisierung, die zu einer Erstarrung in Routinen und Ritualen führt, und zu entmündigten Mitarbeitern, die ihren Verstand frustriert zu Hause lassen.

Die mangelnde Dynamik herkömmlicher Unternehmen zeigte sich erst richtig, als die dynamischen Tech-Unternehmen aus den USA die Verhältnisse zum Tanzen brachten. Unternehmen der Digitalwirtschaft agieren anders als herkömmliche Unternehmen.

Doch es sind nicht die legendären Kickertische und Bällebäder, die den Unterschied machen, auch nicht die Cafeteria mit WLAN und ebenso wenig der Dresscode mit Sneakers und Band-T-Shirts. Der entscheidende Unterschied zwischen traditionellen und digitalen Unternehmen ist das Verhältnis zwischen Mitarbeiter und Management.

In der Digitalwirtschaft werden die Grenzen durchlässiger, der Chef ist eher ein Primus Inter Pares als ein machtbewusster Oberguru. Der Wirtschaftsjournalist Markus Albers hat in einem Gastbeitrag für das Microsoft-Blog 33 wichtige Regeln aus dem Erfahrungsschatz erfolgreicher digitaler Pioniere zusammengestellt. Einige davon zeigen besonders deutlich die Unterschiede zwischen alter und neuer Wirtschaft:

  1. Früher haben Mitarbeiter Befehle befolgt. Heute fordern sie immer mehr Eigenverantwortung.
  2. Früher haben die Mitarbeiter Strategien exekutiert. Heute agieren sie selbst unternehmerisch.
  3. Früher haben Chefs nur gesendet. Heute müssen sie zuhören können.
  4. Früher haben Vorgesetzte Prozesse vorgegeben und jeden Arbeitsschritt kontrolliert. Heute setzen sie auf Selbstorganisation von Teams.

In der Konsequenz bedeutet dies, dass sich ein Unternehmen von einer Hierarchie wegentwickelt zu einer netzwerkartigen Struktur. Das bedingt auch andere, neuartige Anforderungen die Führungskräfte, wie Stephan Grabmeier, der Chief Innovation Evangelist der Haufe-umantis AG meint.

Der Enterprise-2.0-Experte definiert modernes Management anders: „Führungskräfte sollten ein Umfeld schaffen, in dem Mitarbeiter partizipativ Verantwortung übernehmen. Denn Entscheidungen, die von den Mitarbeitern an Ort und Stelle getroffen werden, sind oft die besseren Entscheidungen.“

Die 33 Regeln erfolgreicher digitaler Pioniere
Interview mit Stephan Grabmeier über Digital Leadership

Bildquelle: Thinkstock/ iStock

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