11.09.2017 Neue Zustellmodelle gefordert

Logistik für den E-Commerce

Von: Kathrin Zieblo

Welche Auswirkungen der E-Commerce-Wachstum auf die Logistikbranche hat, wie künftige Zustellmodelle aussehen können und welche Rolle Lieferroboter spielen, berichtet Ingo Bertram, Pressesprecher von Hermes Europe, im Interview.

Ingo Bertram, Hermes Europe

„Deutschland wird sich künftig noch stärker in eine Liefergesellschaft wandeln, in der es für immer mehr Menschen ganz alltäglich ist, Waren zu empfangen – auch solche des alltäglichen Lebens", vermutet Ingo Bertram, Pressesprecher von Hermes Europe.

Herr Betram, aufgrund des E-Commerce-Wachstums ist auch der Transport- und Logistik-Sektor in den letzten Jahren stark gewachsen. Welche Priorität sollten Transport-/Logistik-Unternehmen derzeit setzen?
Ingo Bertram:
Die Branche steht derzeit verschiedenen Herausforderungen gegenüber. Eine der wichtigsten ist sicherlich, dass insbesondere im Paketsektor mittelfristig das Thema Personalmangel einen immer größeren Stellenwert bekommen dürfte. Neben dem allgemeinen demografischen Wandel in Deutschland ist das auch eine Folge der nach wie vor eklatant steigenden Paketmengen. Bis 2025 wird eine erneute Verdoppelung der Sendungsmengen prognostiziert – übertragen auf heutige Zustellmodelle könnten der Branche damit bis zu 100.000 Zusteller fehlen.

Logistikunternehmen wie Hermes müssen deshalb schon heute mögliche Alternativszenarien durchdenken. Eine verstärkte Zustellung an Paketshops kann ebenso dazu gehören wie der partielle Einsatz autonomer Zustellsysteme, aber auch andere Wege wie der Betrieb von Paketstationen mit Parcellock-System sind denkbar. Elektrisch betriebene Fahrzeugflotten bekommen durch drohende Fahrverbote von Dieselfahrzeugen aktuell neuen Auftrieb, auch das sollten Logistiker bedenken.

Das kontinuierliche Wachstum der deutschen Paketbranche hängt aktuell aber auch damit zusammen, dass im Windschatten der Big Player wie Otto oder Amazon verstärkt immer mehr kleine und mittelständische Online-Händler auf die Bildfläche kommen. Die Anforderungen dieser Unternehmen unterscheiden sich teils deutlich von denen großer Konzerne. Hier ist die Logistik gefragt, passgenaue Lösungen anzubieten. Nicht zuletzt muss „Customer Centricity“ künftig eine noch stärkere Rolle spielen. Der Verbraucher möchte schon heute der Regisseur seiner Sendung sein und selbst spontan in den Sendungsverlauf eingreifen können. Services, die den Paketempfang erleichtern und eine vollumfängliche „customized delivery“ ermöglichen, stehen hoch im Kurs.

Schnelle Lieferzeiten bei gleichzeitig niedrigen Kosten gehören zu den Hauptanforderungen, wie lassen sich diese bewältigen?
Bertram:
Der Paketversand in Deutschland ist heute vielfach zu günstig und in einigen Segmenten kurz vor Dumpingniveau. Das ist Fakt, aufgrund der Wettbewerbssituation und den sehr preissensiblen Verbrauchern aber kaum zu ändern. Unter der Prämisse, dass das Wachstum in der Logistik und die Ansprüche der Kunden weiterhin zunehmen, sind Preisanpassungen mittel- wie langfristig unvermeidbar – und zwar in allen Segmenten. Schließlich bedeutet die skizzierte Entwicklung, dass wir auch künftig signifikant in unsere Logistiknetzwerke investieren müssen, um nicht den Anschluss zu verlieren.

In diesem Kontext wird übrigens auch diskutiert, inwieweit dynamische, nachfrageorientierte Preise in Spitzenzeiten wie Weihnachten künftig eine Rolle spielen könnten. Ein solches „Dynamic Pricing“ ist letztlich nichts Neues, im Flug- & Bahnverkehr oder auch in der Hotellerie sind solche Modelle seit Jahren gelernt. Eine Übertragung auf den Paketsektor ist zumindest eine Überlegung wert. Ungeachtet dessen sind für Privatkunden im kommenden Weihnachtsgeschäft 2017 aktuell keine Preissteigerungen zu erwarten.

Welche konkreten Vorteile ergeben sich durch mobile Anbindungen?
Bertram:
Smartphones und Tablets haben den E-Commerce erst zu dem gemacht, was er heute ist. Und der Anteil mobiler Devices am Gesamtumsatz wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Dementsprechend hoch im Kurs stehen mobile Lösungen auch für uns als Logistikpartner vieler Online-Händler. Schon heute bieten wir geschäftlichen Auftraggebern z.B. einen mobilen Retourenschein ein, der eine Abwicklung von Rücksendungen komplett über das Smartphone ermöglicht – ein ausgedruckter Rücksendeschein wird nicht mehr benötigt. Auch Privatversender profitieren von mobilen Lösungen, etwa von dem Mobilen Paketschein, der vor drei Jahren in den Hermes-Apps integriert wurde und seitdem eine volldigitale Paketscheinerstellung per Smartphone ermöglicht.

Wie steht es um die Brauchbarkeit von Wearables in diesem Zusammenhang?
Bertram:
Bislang ist die Brauchbarkeit von Wearables für uns begrenzt. Zwar ist unser Mobiler Paketschein z.B. auch auf der Apple Watch verfügbar. Funktionell aber unterscheidet sich der Service nicht von dem auf Smartphones oder Tablets.

Anders sieht es in unseren Logistik-Centern aus: Hier kommen Wearables wie z.B. Barcodescanner in Armbanduhrenoptik bei der Sortierung von Großstücken zum Einsatz und helfen dabei, sowohl Prozesse zu beschleunigen als auch den Arbeitsablauf für den einzelnen Mitarbeiter zu verbessern.

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Auf welche Kriterien sollte bei der Auswahl geachtet werden?
Bertram:
In der Paketzustellung nutzt Hermes aktuell SIM-Card-fähige Handscanner, die Daten über das mobile Netz in Echtzeit übertragen können. Neben einer guten, intuitiven Bedienbarkeit ist hier besonders eine lange Lebensdauer der Akkus vonnöten, um einem Ausfall vor Tourende vorbeugen zu können. Auch die Mehrsprachigkeit von mobilen Scannersystemen ist von Vorteil.

Für wie realistisch halten Sie die Paketzustellung per Drohne oder Lieferroboter in Zukunft?
Bertram:
Theoretisch sind viele Optionen denkbar, in denen eines Tages womöglich KI-gesteuerte Systeme zum Einsatz kommen könnten, sofern denn erst einmal eine gleichwohl marktreife wie bezahlbare Technik zur Verfügung steht. Aktuell ist aber genau das oft noch der Knackpunkt. Drohnen sind da ein Paradebeispiel: Denn auch, wenn es gerade im ländlichen Gebiet oder für isolierte Lagen durchaus charmant klingt, hier die Paketzustellung mit Drohnen zu testen, so ist die Technik bis dato schlichtweg noch nicht ausgereift genug, um beispielsweise auch bei Regen, Eis, Wind oder Schnee eine reguläre Belieferung sicherzustellen. Zustellroboter wie etwa von Starship, die schon in Hamburg und London zum Einsatz kamen, sind hier bereits einen Schritt weiter – gleichwohl handelt es sich aber auch dabei noch um frühe Prototypen. Für einen bundesweiten Rollout bedarf es also in beiden Fällen noch einiger Entwicklung. Dennoch: Wir sind überzeugt, dass solche Systeme in Zukunft deutlich an Bedeutung gewinnen werden, ebenso wie autonom fahrende Transporter grundsätzlich für uns denkbar sind, sofern sie sich denn sicher in den Verkehrsfluss integrieren können. Inwieweit autonome Systeme im öffentlichen Warenzustellverkehr eingesetzt werden können, hängt nicht zuletzt vom Gesetzgeber ab.

Wagen Sie eine Prognose: Wie stellen Sie sich die sogenannte „letzte Meile“ in fünf Jahren vor?
Bertram:
Aufgrund des extrem rasanten Wachstums einerseits, aber andererseits auch ob des beständigen technischen Fortschritts sind Prognosen schwierig, zumal eine stark verbraucherabhängige Wirtschaft wie die Paketlogistik immer auch unmittelbar an Konjunktur und Weltwirtschaft gebunden ist. Angenommen, dass sich das gute Geschäfts- und Konsumklima in Deutschland weiter fortsetzt, rechne ich damit, dass wir 2022 signifikant mehr Pakete in Deutschland transportieren werden als es heute der Fall ist. Deutschland wird sich wahrscheinlich noch stärker in eine Liefergesellschaft gewandelt haben, in der es für immer mehr Menschen ganz alltäglich ist, Waren zu empfangen – auch solche des alltäglichen Lebens, von Klopapier bis Marmelade.

Beim Transport zum Kunden werden dabei speziell in vielen Großstädten wohl immer öfter elektrisch betriebene Fahrzeuge zu sehen sein – weil die Technik immer besser wird, aber auch weil alte Dieselfahrzeuge vielerorts vermutlich nicht mehr in die Innenstädte einfahren dürfen. Dass in fünf Jahren großflächig autonom zugestellt werden wird, halte ich aus heutiger Sicht nur für bedingt wahrscheinlich. Wohl aber ist die Chance nicht so gering, dass es womöglich auch in größerem Umfang erste Regeleinsätze autonomer Zustellsysteme gibt, die über ein bloßes Teststadium hinausgehen. Sowohl die Bedeutung als auch die Anzahl der Paketshops wird vermutlich weiter zugenommen haben, ebenso wie die Möglichkeit, noch stärkeren Einfluss auf den Empfang und Versand von Paketen und Retouren zu nehmen. „Customized Delivery“ wird zum Alltag.

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