Hana on Power – Markterfolg oder Randnotiz?

Aktuelle Zahlen zu SAP Hana

Auch wenn die neuen Anwendungen S/4 Hana und C/4 Hana heute auf der Bilanzkonferenz im Vordergrund standen, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Fortschritte der SAP beim Verkauf ihrer In-Memory-Plattform Hana, die Datenbanken wie Oracle, Microsoft SQL Server oder IBM db2 beim den SAP-Einsatz überflüssig machen soll. Nach SAP-Angaben nutzen bereits mehr als 27.000 Kunden Hana in irgendeiner Form – also gut 6,5 Prozent der insgesamt mehr als 413.000 Kunden in über 180 Ländern dieser Welt.

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SAP hat Hana im Frühling 2010 als „High Performance Analytic Appliance“ vorgestellt und ab November 2010 aktiv vermarktet. Seither wurden mehr als 27.000 Hana-Kunden überzeugt, ist dem heute aktualisierten „Corporate Fact Sheet“ zu entnehmen. Wichtiger noch als die Plattform Hana selbst sind für SAP offenbar die darauf aufsetzenden neuen Anwendungen S/4 und C/4, die Klassiker wie die Business Suite oder Hybris ablösen sollen.

Bei dem Anfang Februar 2015 als „Business Suite der nächsten Generation“ angekündigten S/4 Hana ist die Zahl Kunden laut Hersteller im 3. Quartal 2018 gegenüber der Vorjahresperiode um 37 Prozent auf rund 9.500 gestiegen. Vielleicht noch wichtiger: Im dritten Quartal seien etwa 50 Prozent der gewonnenen SAP-S/4 Hana-Kunden Neukunden gewesen. Firmen wie Wipro, Bombardier und McKesson hätten im dritten Quartal in S/4 Hana investiert – und Osram Continental den Produktivbetrieb damit aufgenommen. Firmen wie Delivery Hero oder die Shanghai Fosun Pharmaceutical Group hätten sich für S/4 Hana in der Cloud entschieden; Shell hätte jetzt den Produktivbetrieb damit aufgenommen.

C/4 Hana - der neue Gegenpol zu Salesforce.com

Die erst am Beginn des dritten Quartals vorgestellten CRM-Suite C/4 Hana kann naturgemäß noch keine großen Installationszahlen vorweisen, so dass SAP auf ein im Jahresvergleich „dreistelliges Wachstum bei den New Cloud Bookings und den Erlösen aus Cloud-Subskriptionen“ verweist. Die Erlöse im Segment „Customer Experience“ seien im Vergleich zum Vorjahr währungsbereinigt um 54 Prozent auf 232 Mio. Euro gestiegen. Giorgio Armani, Dubai Expo 2020, Colgate Palmolive, HP und Döhler werden namentlich als Unternehmen genannt, die sich im dritten Quartal für C/4 Hana entschieden haben.

Das heißt: Wir reden bei Hana, S/4 Hana und C/4 Hana von einer vergleichsweise sehr kleinen Kundenzahl, die SAP natürlich möglichst rasch vergrößern will. Wie SAP-Vorstand Michael Kleinemeier jetzt auf dem Jahreskongress des SAP-Anwendervereins DSAG in Leipzig angekündigte, sollen Interessenten daher künftig stärker als bisher bei der Umstellung unterstützt werden, beispielsweise in Form von Schulungen. Bisher nutzen laut Kleinemeier rund 2.100 Unternehmen S/4 Hana bereits wie Osram im Echtbetrieb.

Power-Hardware – nur für besondere Gelegenheiten?

Interessant ist auch ein Blick auf die Hardware, die für den Hana-Einsatz genutzt wird – wenn Hana nicht aus der Cloud kommt. Zertifiziert sind aktuell über 1.300 Appliances, fünf Hypercale-Infrastrukturen, 72 IaaS-Infrastrukturen, 180 Intel-basierte Servermodelle und zehn Power-Systeme der IBM, wobei die brandneuen Enterprise-Modelle E950 und E980 offenbar noch im Zertifizierungsprozess stecken. Power7 und ältere Modelle hat IBM nicht mehr zertifizieren lassen, weil Power8 zum Zeitpunkt der erstmaligen Verfügbarkeit von Hana on Power (HoP) Ende des Jahres 2015 bereits verfügbar war.

Als Betriebssystem ist Linux Pflicht, wobei Hana auch mit der Linux-Distribution Ubuntu läuft, aber nur mit Suse und Red Hat zertifiziert ist. Bei faktisch allen bisherigen Hana-Einsätzen (laut einer SAP-Pressemitteilung waren es Herbst letzten Jahres erst 18.000) kommt dabei Suse Linux als Betriebssystem zum Einsatz.

In den knapp drei Jahren seit der Ankündigung von Hana auf IBM Power Systems haben sich weltweit mehr als 2.000 Kunden, also rund 7,5 Prozent der Hana-Kunden insgesamt, für den Betrieb ihrer Hana-Umgebung auf Power-Systemen entschieden, teilt IBM auf Anfrage von DV-Dialog mit. Mehr als 2/3 dieser Kunden hätten Hana zuvor auf einer x86-Plattform eingesetzt und diese aus verschiedenen Gründen durch Power ersetzt, „wie zum Beispiel die bessere Skalierbarkeit mit Power, schnellere Reaktionszeiten, höhere Stabilität oder flexiblere Virtualisierung mit PowerVM“. Die übrigen haben die Produkte AIX bzw. IBM i als Betriebssystem und die Datenbank db2 abgelöst.

Übrigens gibt es für den Einsatz der SAP Business Suite auf der Plattform IBM i viele gute Gründe, so dass IBM-Manager Kolby Hoelzle noch Anfang Oktober bloggte: „SAP on IBM i: Still Going Strong!“ Allerdings ohne Installationszahlen zu nennen. Einige Details zum Verhältnis Hana und IBM i finden sich hier.

Umstieg auf S/4 Hana bis 2025?

Nur 41 Prozent der SAP-Anwender glaubt heute, den Umstieg auf S/4 Hana bis 2025 abgeschlossen zu haben, ergab jetzt eine aktuelle Umfrage des Anwendervereins DSAG. Das heißt im Umkehrschluss: Weit mehr als die Hälfte der SAP-Kunden kann oder will das aus guten Gründen nicht, weil sie technische und organisatorische Scbwierigkeiten oder funktionale Einbußen bei der Umstellung befürchten, aber auch weil es sich kaufmännisch nicht lohnt. Es fehlen aber auch noch „vertikale Lizenzen“, also eine gerechte Berücksichtigung der bisher an SAP gezahlten Lizenz- und Wartungsgebühren bei der Miete von S/4 bzw. C/4 Hana.

Und es fehlen einheitliche Datenmodelle und vernünftige Integrationsmöglichkeiten – gerade auch bei der unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit in Szenarien wie Industrie 4.0. Hier werden aus der Not heraus komplexe, maßgeschneiderte Regelwerke für den Datenaustausch zwischen den ERP-Systemen der Unternehmen aufgebaut, die dann selbst wiederum zum Bremsklotz für eine Umstellung des zugrundeliegenden ERP-Systems werden können.

„Wer 2025 noch mit der Business Suite arbeitet, sollte sich fragen, ob er mit einem dann 20 Jahre altes Produkt noch wettbewerbsfähig ist“, kommentierte SAP-Vorstand Bernd Leukert auf dem DSAG-Jahreskongress diese Situation. Dabei verwies er stolz darauf, dass SAP der einzige Hersteller mit einem derart langfristigen Commitment ist. Leukert ging dann aber nonchalant über die entscheidende Tatsache hinweg, dass nicht zuletzt er selbst maßgeblich dafür mitverantwortlich ist, ob der Kunde diese Frage dann mit „Ja“ beantworten kann, indem er genügend Gelder aus den Wartungseinnahmen gezielt in die Business Suite investiert.

Außerdem stellt Leukert die entscheidende Frage falsch. Die Frage ist ja: Wer kürzlich die Business Suite eingeführt hat, wie es viele Unternehmen heute noch tun, will zehn, fünfzehn Jahre oder noch länger dieses ERP-System nutzen – also bis 2030 oder noch länger. Aufwand und Risiko einer ERP-Einführung sind einfach viel zu hoch, um im laufenden Betrieb das Arbeitspferd zu wechseln.

Daher hat die SAP noch viel Arbeit vor sich, wenn sie bis 2025 die meisten Kunden vom Umstieg auf S/4 Hana überzeugen will. Nicht nur Überzeugungsarbeit, sondern auch Entwicklungsarbeit – etwa für die funktionale Abrundung, für Migrationstechnologien oder auch für neue Lizenz- und Mietmodelle.

Denn wem der Wechsel von der Business Suite auf S/4 Hana schwer fällt, der wird sich auch die Angebote anderer ERP-Hersteller anschauen. Sei es die Angebote ein internationaler Player wie Microsoft, Oracle, IFS, Infor oder Sage, seien es die europäische Anbieter wie Abas, Comarch, Proalpha oder Psipenta – sie alle werden nicht nein sagen, wenn ein SAP-Kunde bei ihnen anfragt.

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