DSAG: Ernüchterung bei der digitalen Transformation

Bestehende Geschäftsmodelle werden wichtiger

„Big Data“, „Internet of Things“ und Künstliche Intelligenz/Machine Learning sind die Top 3 unter den Projekten zur Digitalisierung bei den Mitgliedern der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG). In diesen Bereichen haben SAP-Anwender Projekte geplant oder bereits begonnen. Das hat der DSAG-Investitionsreport 2019 ergeben, für den im Dezember und Januar knapp 250 CIOs aus Anwenderunternehmen befragt wurden.

  • Die Anwender sehen sich heute nicht mehr soweit fortgeschritten bei der digitalen Transformation wie noch vor einem Jahr.

  • Beim Umstieg von ERP 6.0 auf S/4 Hana stockt die Rate derjenigen Unternehmen, die bereits Projekte realisiert haben. Diese bleibt bei 3 Prozent.

  • Marco Lenck, DSAG

    Marco Lenck, Vorstandsvorsitzender der DSAG: „Es gibt zwar erste Erfolge bei der Digitalisierung. Diese Erfolge haben aber durchaus auch viel Schweiß gekostet.“

Unternehmen sind in der Einschätzung des eigenen Fortschritts bei der digitalen Transformation skeptischer geworden. Aktuell bewerten 62 Prozent der DSAG-Anwenderunternehmen den Status bei der digitalen Transformation mit „nicht weit“. Im Vergleich zum Investitionsreport 2018 stellt dies eine Verschlechterung um 10 Prozent dar. Und nur noch zwei statt fünf Prozent sehen ihr Unternehmen sehr weit fortgeschritten bei der Digitalisierung. Eine Erklärung kann sein, dass Unternehmen heute eine realistischere Einschätzung abgeben können, welche Projekte sie in diesem Zusammenhang zu stemmen haben und wie komplex diese sind.

Technische Hürden kosten viel Schweiß

Dass die Digitalisierungsbestrebungen in ihren Unternehmen skeptischer gesehen werden als noch vor einem Jahr, hat Marco Lenck überrascht. Der Vorstandsvorsitzende der DSAG sieht dafür vier mögliche Ursachen: Erstens Defizite in den SAP-Angeboten, zweitens technische und/oder organisatorische Probleme bei den Anwenderunternehmen und drittens auch den vom Bitkom gebetsmühlenartig beklagten Fachkräftemangel. Viertens sei nach einer ersten Euphorie Realismus eingekehrt. „Es gibt zwar erste Erfolge“, so Lenck. „Diese Erfolge haben aber durchaus auch viel Schweiß gekostet.“

„Die Themen lassen sich heute besser greifen und damit auch, welche organisatorischen oder technischen Brocken bei den Digitalisierungsvorhaben noch vor den Unternehmen liegen“, konstatiert Lenck. „Als DSAG wollen wir hier weitreichende Hilfestellungen geben in Form von Wissensvermittlung und Erfahrungsaustausch. Wir wollen aber auch auf SAP Einfluss nehmen, damit geeignete Lösungen geschaffen werden.“ Ein weiteres Hemmnis könne die Unsicherheit bezüglich anfallender Kosten im Rahmen von Digitalisierungsvorhaben sein. „Wir brauchen ein atmendes, in beide Richtungen skalierbares Lizenzmodell, das sich am Business-Nutzen orientiert“, wiederholt Lenck die DSAG-Forderung in Richtung SAP. Die Lizenzpolitik der SAP steht seit Jahren in der Kritik; der Anwenderverein Voice hat erst jüngst sogar das Kartellamt eingeschaltet.

IT-Investitionen weiter auf hohem Niveau

SAP als Marktführer lockt zwar auch sehr viele IT-Experten an, die in diesem Umfeld ihre Karriere planen – und es gibt durchaus zahlreiche kompetente Systemhäuser und Berater, die bei Digitalisierungsprojekten unterstützen können. Nichtsdestotrotz beklagt Lenck auch hier einen Fachkräftemangel, denn viele „Alte Hasen“ hätten nicht das nötige Know-how in den gefragten Disziplinen wie „Big Data“, IoT oder KI. „Wir brauchen Experten, die sich im SAP-System ebenso gut auskennen wie in der neuen Welt“, sagt Lenck. „Diese Experten sind rar – und um diese wenigen Experten kämpfen die Anwender mit den Dienstleistern.“ Und auch die SAP selbst ist auf der Suche nach diesen Spezialisten. Daher sei die Situation für die SAP-Anwender nicht besser als für Kunden mittelständischer Softwarehäuser, für deren Produkte es naturgemäß viel weniger Experten gibt.

DSAG-Mitgliedsunternehmen investieren nach wie vor allgemein in die IT. Bei 40 Prozent der Befragten steigt das Budget um rund 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei rund der Hälfte bleiben die Budgets gleich. Die Investitionen differenzieren sich nicht nach Branchen. Handel, Dienstleistungen und produzierendes Gewerbe verhalten sich ähnlich.

Budgets wandern in die Fachabteilung

SAP-Investitionen steigen in 42 Prozent der Unternehmen 2019 überproportional um 27 Prozent. Die Steigerungsrate fällt jedoch um zehn Prozent geringer aus als 2018 (37 Prozent). Neu abgefragt wurde in diesem Jahr, ob das Budget für Software-gestützte Geschäftsprozesse von der Fachabteilung bereitgestellt und verantwortet wird.

In 28 Prozent der Fälle hat die Fachabteilung hier das Sagen. Das zeigt, dass durch die Digitalisierung die Verantwortung und auch das Know-how für die Abbildung von Geschäftsprozessen in die Fachabteilungen wandert und damit auch das Budget. In 41 Prozent der Unternehmen liegen die IT-Budgets weiterhin bei der IT. Sie folgen damit der klassischen Aufgabenteilung.

In fast der Hälfte der Unternehmen stehen Projekte im Bereich Big Data und Internet of Things auf der To-do-Liste bzw. sind bereits angestoßen. Ein Drittel der Befragten kümmert sich um Künstliche Intelligenz/Machine Learning. An vierter Stelle steht „Robotic Process Automation“. Mehrfachnennungen waren hier möglich. Aber nicht alle sind bei den aktuellen Trend-Themen dabei. Fast ein Fünftel der Unternehmen investiert nicht in diese Themen bzw. hat keine Projekte geplant.

Investitionen in SAP-Produkte: ERP und Cloud

Bezüglich der Relevanz von SAP-Produkten lautet ein Ergebnis: Die Business Suite ist in vielen Unternehmen bereits ausgereift. Hauptinvestitionen in die ERP-Lösung nehmen daher das dritte Jahr in Folge und auch deutlich ab (2017: 33 Prozent, 2018: 29 Prozent, 2019: 10 Prozent). Die Investitionen in S/4 Hana steigen aber nicht in gleichem Maße. Sie verharren auf 14 Prozent.

Die Business Suite auf S/4 Hana umzustellen ist für eine Vielzahl der befragten Unternehmen geplant. Nur die Umsetzung verläuft aktuell nicht so schnell wie erwartet und abgeschlossene Projekte sind noch nicht in großer Anzahl verfügbar.

Teilweise wandern die frei gewordenen Budgets in Cloud-Lösungen. 16 Prozent der Unternehmen planen mittlere und hohe Investitionen in Success Factors. Dieser Wert liegt auf Vorjahresniveau. Die geplanten Investitionen in die SAP Analytics Cloud sind mit einem Plus von 6 Prozentpunkten deutlich auf 9 Prozent gewachsen. Die SAP Cloud Platform verdoppelt sich bei den mittleren Investitionen auf 8 Prozent. Das neue Produkt C/4 Hana, worunter sich Lösungen wie Hybris zu verstehen sind, ist 12 Prozent der Unternehmen mittlere und hohe Investitionen wert. Darüber hinaus investieren DSAG-Mitglieder in Projekte zu den genannten Schwerpunkten Big Data, Internet of Things, Künstliche Intelligenz/Machine Learning und Robotic Process Automation.

S/4 Hana: Planung ja, Durchbruch nein

Wie jedes Jahr wurden die Mitglieder zur Umstellung der Business Suite auf S/4 Hana befragt. An den Zahlen lässt sich ablesen, dass die Unternehmen weitreichende Pläne in dieser Hinsicht haben. 5 Prozent wollen in diesem Jahr noch umstellen. 39 Prozent in den kommenden drei Jahren (+6 Prozentpunkte). Weitere 30 Prozent nach diesem Zeitraum (+10 Prozentpunkte).

„Bis auf ein Viertel haben die Firmen eine klare Entscheidung für die Umstellung getroffen“, deutet Marco Lenck die Ergebnisse. „Trotzdem stockt die Rate derer, die Projekte realisiert haben. Diese bleibt bei 3 Prozent“. Das könnte daran liegen, dass Firmen aktuell Projekte initiieren, die länger dauern, oder auf Brownfield-Implementierungen setzen, bei denen der Komplettumzug von einem System ins andere komplex ist. Oft wurde aber auch der Aufwand zunächst falsch eingeschätzt.

In Zusammenhang mit Digitalisierungsinvestitionen differenzieren DSAG-Mitglieder weiterhin zwischen bestehenden und neuen Geschäftsmodellen. Der Fokus auf bestehende Geschäftsprozesse ist dabei erneut gestiegen (+5 Prozentpunkte) und erreicht damit 90 Prozent. „Viele Unternehmen beschäftigen sich mit dem ERP und das bedeutet, sie betrachten bestehende Geschäftsprozesse. Das erklärt die hohe Anzahl an geplanten S/4-Hana-Projekten, wird S/4 Hana doch oftmals mit Digitalisierung gleichgesetzt“, erklärt Marco Lenck. Investitionen in neue Geschäftsmodelle schätzen über zwei Drittel der Befragten als wichtig ein. Damit steigt ihre Relevanz um zwei Prozentpunkte.

Auch wenn die Bedeutung von S/4 Hana weiter zunimmt, hat Business Suite nach wie vor Bestand. „SAP-Kunden, die mit der Umstellungsgeschwindigkeit nicht mithalten können, dürfen nicht abgehängt werden, etwa durch eine deutliche funktionale Ausdünnung der Business Suite“, fordert Marco Lenck. „Es wird noch eine lange Übergangszeit geben, in der beide Lösungen zum Einsatz kommen.“ Lenck sieht einen Bedarf für den Support der Business Suite auch über das Jahr 2025 hinaus,

Bildquelle: DSAG

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