Dringender Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung

Commerzbank will raus aus der digitalen Steinzeit

Im Rahmen des umfangreichen Sparpaketes, mit dem die Commerzbank bis zum Jahr 2023 ihre Kosten um 600 Mio. Euro verringern will, wurden auch Eckdaten des neuen Strategieprogramms „Commerzbank 5.0“ bekannt. Analysten halten die Bank dennoch für eine „unabwendbare Katastrophe“.

Bildquelle: Commerzbank

Ganz so spartanisch wie damals ist die technische Ausstattung der Büros der Commerzbank heute nicht mehr.

Vorgesehen ist demnach insgesamt eine Investition von rund 1,6 Mrd. Euro, davon 750 Mio. Euro für zusätzliche Investitionen in Digitalisierung, IT-Infrastruktur und Wachstum. Mit den Investitionen in die Modernisierung der IT-Infrastruktur will die Bank ihre jährlichen IT-Kosten bis 2023 auf 1 Mrd. Euro reduzieren – das ist dann wieder der Stand von 2018. Offenbar sind in diese Zielkosten auch die beträchtlichen Personalaufwendungen im IT-Bereich eingerechnet, die bisher nicht eigens ausgewiesen werden.

In der Bilanz der Bank für 2018 stehen als IT-Aufwendungen 556 Mio. Euro (+10,3 Prozent) und als Arbeitsplatz- und Informationsaufwendungen 248 Mio. Euro (+5,3 Prozent), die vielleicht teilweise in das IT-Budget hinein spielen. Der Löwenanteil am Budget sind sicherlich die Personalkosten, bei denen sich alle Bank traditionell bedeckt halten. Wie hoch die IT-Kosten insgesamt im Jahr 2018 tatsächlich waren, wollte man DV-Dialog auf Anfrage nicht sagen. „Das weisen wir nicht separat aus!“

Intransparente IT-Kosten

Transparenz sieht anders aus – insbesondere, wenn die Bank selbst mit solchen Zielen an die Öffentlichkeit geht. Das sagte schon 2014 Flavio Curti, Geschäftsführer bei GFT Schweiz und ausgewiesener Experte für Banken-IT, im Interview mit Springer für Professionals: „Bei der Betrachtung der IT-Kosten ist Transparenz das oberste Gebot.“ Für Curti ist insbesondere die Verteilung zwischen den Kosten für „Change-The-Bank“ (CTB) und „Run-The-Bank“ (RTB) entscheidend, denn typischerweise fällt der Großteil der Kosten im RTB an – also beim Erhalt des Status Quo.

„Die CTB-Kosten für Compliance und gesetzliche Anforderungen muss man auch rausrechnen, wenn es um die Zukunftsfähigkeit einer Bank geht“, so Curti weiter. Im Fall der Commerzbank werden also (vermutlich bis 2023) große Teile der 750 Mio. Euro als CTB-Kosten in die IT investiert werden, die laut FAZ von Unternehmensberatern noch im Frühjahr bei einer Präsentation für Abgeordnete des Bundestages „renovierungsbedürftig, stark fragmentiert und kurzfristig nicht harmonisierbar“ genannt wurde.

Wie schlecht die IT der Commerzbank funktioniert, müssen die Kunden immer wieder live erleben: Anfang Juni konnten viele gut acht Stunden lang weder Lastschriften noch Überweisungen oder Daueraufträge tätigen, Ende Juni waren dann die Geldautomaten ausgefallen und keine Kartenzahlungen möglich.

Bisher 556 Mio. Euro für IT-Aufwendungen

Insgesamt stand bei der Commerzbank 2018 ein um 1,5 Prozent auf 3,441 Mrd. Euro verringerter Personalaufwand zu Buche. Das war der Hauptposten der Verwaltungskosten von 6,834 Mrd. Euro; dazu kamen noch Sachaufwendungen in Höhe von 2,776 Mrd. Euro (Vorjahr: 2,713 Mrd. Euro) und Abschreibungen auf Betriebs- und Geschäftsausstattung, Grundstücke, Gebäude und übrige Sachanlagen sowie Immaterielle Vermögenswerte von 663 Mio. Euro.

Die 556 Mio. Euro für IT-Aufwendungen sind zwar ein dicker Posten, machten aber nur 20 Prozent des Sachaufwandes aus. Insgesamt bezifferte die FAZ im April das gesamte IT-Budget der Commerzbank im Jahr 2018 auf weniger als 1 Mrd. Euro. In diesem Jahr musste die Bank ihr Budget für IT-Wartung und IT-Investitionen demnach sogar auf 700 Mio. Euro senken, weil der scheidende Finanzvorstand Stephan Engels auf die Einhaltung des für 2019 ausgegebenen Gesamtkostenziels von 6,8 Mrd. Euro pochte.

Vor diesem Hintergrund wird die neue Strategie in ersten Kommentaren mutlos, ideenlos, unzureichend, verzweifelt oder halbherzig bewertet. Manche Analysten halten die Bank sogar für eine „unabwendbare Katastrophe“. Immerhin ist es der vierte Versuch der Commerzbank innerhalb weniger Jahre, sich neu zu erfinden. „Bislang war jeder Befreiungsschlag eher ein Schlag ins Wasser“, schreibt die Deutsche Welle skeptisch.

Bildquelle: Commerzbank

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok