Gründer und Netze in den Mittelpunkt gerückt

Der 7. IT-Gipfel

Der Herstellerverband Bitkom wertet den 7. Nationalen IT-Gipfel als großen Erfolg. Bei dem Treffen von Politikern, Unternehmern und Forschern wurde gestern in Essen u.a. eine Strategie zur Digitalisierung der Infrastrukturen beschlossen. Ihr IT-Gipfel sei der G-8-Gipfel der IT-Branche, so die Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der begleitenden Blogseite.

Wirtschaftsminister Philipp Rösler sieht Nachholbedarf beim IT-Sicherheitsniveau kleiner und mittlerer Unternehmen in Deutschland.

Nicht alle Teilnehmer und Beobachter Opens external link in new windowfanden den IT-Gipfel so produktiv wie die Veranstalter. Die SPD moniert süffisant: Opens external link in new window"Die Bundesregierung versagt beim Netzausbau und gipfelt statt zu handeln!". Das sieht Bitkom-Präsident Dieter Kempf völlig anders. Er rückt neben konkreten Vereinbarungen zu Intelligenten Netzen vor allem die IT-Gründerszene in den Mittelpunkt, die künftig besser unterstützt werden soll. „Die Szene entwickelt sich derzeit in Deutschland sehr stark und verdient höchste Aufmerksamkeit und praktische Unterstützung“, so Kempf. Dazu wurde am Vortag des IT-Gipfels beim Young IT Day eine IT_Lounge als gemeinsame Plattform für junge wie auch für erfahrene Unternehmer ins Leben gerufen.

Zudem hat der Bitkom am IT-Gipfel die erste Studie zur Gründungstätigkeit im IT- und Internet-Sektor vorgestellt. Ein Ergebnis: Bankkredite, Beteiligungskapital und öffentliche Zuschüsse spielen derzeit bei der Finanzierung von Start-ups kaum eine Rolle. Schon im Gründungsjahr muss fast die Hälfte des Finanzbedarfs durch Umsatzerlöse aus der eigenen Geschäftstätigkeit gedeckt werden, ein Drittel kommt direkt von den Gründern selbst.

„Mit dem Sparbuch der Gründer kann man kein Google und kein Facebook auf-bauen“, glaubt Kempf. Es gehe nicht um große staatliche Förderprogramme, aber Investitionen privater Geldgeber in junge IT-Unternehmen dürften nicht unnötig steuerlich belastet werden. „Und wir müssen es schaffen, in Deutschland wieder eine positive Kultur des Gründer- und Unternehmertums zu etablieren. Kultur und Kredite - so kann man die größten Herausforderungen beschreiben“, sagte Kempf.

Aktuell gehen nach dem „Monitoring Report Digitale Wirtschaft“ bereits mehr als 20 Prozent des Produktivitätswachstums in allen Branchen auf IT- und Kommunikationstechnik (ITK) zurück. Der Anteil wird mit der fortschreitenden Digitalisierung der klassischen Industrie weiter steigen. „Für Deutschland mit seinen traditionell starken Fertigungsindustrien und einer innovativen und modernen IT-Branche bedeutet dieser bevorstehende Schritt zur Industrie 4.0 eine große Chance“, so Kempf.

Notwendig für das Gelingen dieser vierten industriellen Revolution ist laut Kempf eine moderne Infrastruktur, in die einmalig rund 130 Mrd. Euro investiert werden müssten. Nach einer Fraunhofer-Studie im Auftrag des Bitkom summieren sich demgegenüber schon während des Auf- und Ausbaus intelligenter Netze in den Bereichen Energie, Verkehr, Gesundheit, Verwaltung und Bildung die gesamtwirtschaftlichen Effekte auf insgesamt 336 Mrd. Euro innerhalb von zehn Jahren.

Dieser Nutzen ergibt sich laut Kempf zum Beispiel aus einer einfacheren Abrechnung und der Vermeidung von Doppeluntersuchungen durch den Aufbau eines Gesundheitsnetzes, die Vermeidung von Staus durch eine bessere Verkehrslenkung, die Verringerung des Stromverbrauchs durch den Einsatz von Smart Grids oder den Bürokratieabbau durch eine effizientere Verwaltung. Später lasse sich ein gesamtwirtschaftlicher Nutzen von jährlich mehr als 55 Mrd. Euro erzielen.

„Wir sollten uns zum Ziel setzen, innerhalb der kommenden fünf bis zehn Jahre die modernste Infrastruktur weltweit aufzubauen“, forderte Kempf. Diese Mammutaufgabe könnten Staat und Wirtschaft nur gemeinsam bewältigen. Notwendig dafür sei eine konzertierte Aktion der relevanten Vertreter aus Politik und Wirtschaft. Auf dem Gipfel wurde dazu eine gemeinsame Strategie mit konkreten Schritten zum Aufbau intelligenter Netze erarbeitet. Darin wird z.B. gezeigt, wie heute getrennte Netze besser zusammengeführt werden können. Unter Einbeziehung der beteiligten Branchen werden nun konkrete Meilensteine für die Umsetzung erarbeitet.

Auf dem Gipfel startete zudem eine „Mobile Government“-Plattform für öffentliche Apps (GovApps), die den Zugang zu mobilen Verwaltungsdienstleistungen vereinfachen und mehr Datenschutz und Sicherheit im mobilen Sektor bieten soll.

Deutsche Unternehmen wollen im kommenden Jahr rund 10.000 Computerspezialisten zusätzlich einstellen, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Martin Wansleben. Dieser Trend setze sich trotz der insgesamt nachlassenden Dynamik am Arbeitsmarkt fort.

Am Vorabend des 7. IT-Gipfels der Bundeskanzlerin, der unter dem Motto „digitalisieren, vernetzen, gründen“ stand, wurde ein Vorhaben des IT-Gipfels in die praktische Umsetzung überführt: Im Essener Rathaus gründen Oberbürgermeister, Landräte und Verwaltungsvertreter im Beisein von Cornelia Rogall-Grothe, Staatssekretärin im Bundesministerium des Innern und Beauftragte der Bundesregierung für IT, den „Erprobungsraum Rheinland für innovative und vernetzte Verwaltung“. Die Erprobungsregion Rheinland setzt dabei auf drei Kooperationsfelder: Aufbau einer offenen Bildungsinfrastruktur, Mobile und vernetzte Verwaltungsdienste in der Region und offene Verwaltungsdaten.

Eine Studie zum IT-Sicherheitsniveau kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) in Deutschland führte Wirtschaftsminister Philipp Rösler zu der Erkenntnis, dass hier noch Nachholbedarf besteht. Sie habe zudem gezeigt, „dass staatliche Unterstützung in diesem Bereich nötig und sinnvoll ist. Angesichts der Schnelllebigkeit der technischen Entwicklungen im IKT-Sektor und der zunehmenden Professionalisierung von Hackerangriffen ist IT-Sicherheit dabei eine Daueraufgabe, die einen permanenten Dialog mit den maßgeblichen Akteuren erfordert.“ Man werde die Ergebnisse der Studie eingehend analysieren und in die Aktivitäten der Task Force „IT-Sicherheit in der Wirtschaft“ einfließen lassen, damit die mittelständische Wirtschaft in Deutschland im Cyberraum sicherer agieren kann.

Die Studie, für die die Unternehmensberatung WIK-Consult im Auftrag des Wirtschaftsministeriums etwa 1.000 repräsentativ ausgewählte Unternehmen befragte, hat folgende Ergebnisse gebracht: 99,7 Prozent aller KMU in Deutschland nutzen für ihre Geschäftsprozesse IT-Systeme, 88 Prozent arbeiten bereits mit mobilen Endgeräten. 93 Prozent der Befragten gaben an, Erfahrungen mit IT-Sicherheitsproblemen gesammelt zu haben; Ausfall der Technik, Malware, Spam und Datenverlust bilden dabei die größten Probleme.

Dennoch messen nur 69 Prozent dem Thema IT-Sicherheit eine hohe bzw. sehr hohe Bedeutung zu. Gängige technische Lösungen, wie Virenscanner (99 Prozent) und Firewalls (98 Prozent) sind zwar nahezu flächendeckend im Einsatz. Bei der Verschlüsselung von Daten oder beim Management mobiler Endgeräte hingegen besteht noch Nachholbedarf. Sie werden von nur etwa 40 Prozent der Unternehmen genutzt. Mehr als die Hälfte aller Unternehmen haben beispielsweise keine Notfallpläne für Sicherheitsvorfälle. Etwa 30 Prozent der Unternehmen bieten ihren Beschäftigten IT-Sicherheitsschulungen an.

www.it-gipfel.de

www.dihk.de

www.bitkom.org

www.bmi.bund.de

www.bmwi.bund.de

Bildquelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie

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