Wie Banken ihre Legacy-Systeme modernisieren können

Der Center-out-Ansatz

Bei vielen Banken laufen altbewährte Anwendungsprogramme einfach weiter, weil ihr Austausch extrem aufwändig wäre und den Geschäftsbetrieb gefährden könnte. Damit fallen die klassischen Universalbanken weiter hinter Fintechs und neue Player aus anderen Branchen zurück.

Michael Baldauf, Pegasystems

Unser Autor Michael Baldauf ist Director Solutions Consulting EMEA Central & Nordics sowie Financial Service & Insurance bei Pegasystems.

Zwar treiben Universalbanken ihre Digitalisierung durchaus voran, doch weil sie sich nicht an die Kernsysteme herantrauen, bleibt vieles Stückwerk. Ein neues Portal hier, eine neue Datenauswertung da, dazu eine Reihe von Robotern oder Bots, um einzelne Workflows zu automatisieren. 

Arbeitsintensives Sammelsurium

Es entsteht ein Sammelsurium aus Tools und Plattformen, die selten perfekt zueinander passen und in der IT-Abteilung einen enormen Aufwand verursachen. Und die Daten in neue Silos einsperren und Prozesse nicht Ende zu Ende digitalisieren. Das führt dazu, dass Kunden manche Dokumente nach wie vor nur auf Papier einreichen können und Mitarbeiter weiterhin Daten aus verschiedenen Systemen zusammensuchen oder manuell übertragen müssen. 

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 3-4/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Klar ist: Im Hauruck-Verfahren funktioniert der Austausch der Legacy-Systeme nicht. Sie lassen sich aber schrittweise kapseln und, sobald die Geschäftslogik herausgelöst ist, nur noch als Datenspeicher verwenden. Dann können Banken sie mittelfristig ohne großes Risiko ersetzen. 

Am besten klappt das mit einem Center-out-Ansatz, bei dem die Regeln und Logiken der Legacy-Systeme schrittweise – also Prozess für Prozess und Micro-Journey für Micro-Journey – in einer Middleware abgebildet werden. Dort können bestehende und neue Anwendungen jederzeit problemlos auf sie zugreifen und dort lässt sich die „Intelligenz“ auch an zentraler Stelle verwalten. 

Immerhin arbeiten viele Bots und Tools mit den gleichen oder ähnlichen Regelsätzen, weshalb es wenig sinnvoll ist, diese direkt in die Frontend-Systeme einzubauen und parallel zu pflegen. Eine zentrale Intelligenz ist damit auch die Basis für eine einheitliche „Customer Experience“, da Anwender problemlos den Kommunikationskanal wechseln und ihre Interaktionen fortsetzen können, ohne noch mal ganz von vorn anfangen zu müssen.

Diese Middleware sollte auch ein Case-Management mitbringen, um Daten, Regeln und Dokumente aus den unterschiedlichsten Systemen mit Workflows, Bots und Mitarbeitern zu digitalen Vorgängen zu verbinden und diese auch zu steuern. 

Middleware mit Case-Management gefragt

Sobald die Middleware dann irgendwann alle Prozesse orchestriert, die bislang über die kritischen Kernsysteme liefen, werden deren Logiken und Anwendungsoberflächen nicht mehr gebraucht. Die Systeme dienen nur noch als reine Datenlager, die den juristischen Bestand der Bank verwalten, und können als solche deutlich leichter als bisher ausgetauscht werden.

Bei der Einführung neuer Portale, Tools, Bots und Frontends sind Banken mit einer solchen Middleware äußerst flexibel. Sie können sich im Rahmen einer Best-of-Breed-Strategie die zu ihren individuellen Anforderungen passenden Einzellösungen herauspicken, die dank der Zwischenschicht trotzdem zusammenarbeiten können. Oder sie entwickeln einzelne oder sogar alle Lösungen selbst.

Zugleich hilft die Middleware, redundante Systeme auszumustern und IT-Infrastrukturen zu konsolidieren. Oft haben Banken etwa mehrere CRM-Systeme im Haus, weil Privat- und Geschäftskundenbereich in der Vergangenheit eigene Lösungen angeschafft haben. In solchen Fällen führen sie die Daten in der Middleware zusammen und stellen sie den Mitarbeitern über ein einheitliches Frontend bereit – individuell aufbereitet für den jeweiligen Anwendungsfall und mit hilfreichen Handlungsanweisungen versehen. Im Hintergrund erfolgt die Migration der Daten aus dem abzulösenden in das fortbestehende System, ohne dass die Anwender davon etwas mitbekommen. 

In der Praxis hat sich der Center-out-Ansatz für die Modernisierung bereits bei Unternehmen verschiedenster Branchen und Größen bewährt. Er erleichtert neben der Einführung neuer Anwendungen auch Migrationen, Konsolidierungen und die Vereinheitlichung von Anwendungslandschaften nach Fusionen oder Übernahmen. Für Banken gibt es daher wenig Gründe, die so dringend notwendige Modernisierung ihrer kritischen Kernsysteme noch weiter aufzuschieben.

Bildquelle: Pegasystems

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