EZB startet die Vorbereitungsphase

Der digitale Euro

Noch feilt die Europäische Zentralbank (EZB) daran, doch in einigen Jahren soll der digitale Euro kommen. Er soll das reale Bargeld virtuell ergänzen – und spekulativen Schneeballsystemen den Wind aus den Segeln nehmen, die derzeit in Form von Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum für Furore sorgen.

  • Christine Lagarde, Präsidentin der EZB: „Wir müssen unsere Währung auf die Zukunft vorbereiten!“

  • Eric Neumann, Senior Manager bei Cofinpro: „Unternehmen, Privatnutzer und Banken können künftig zwar ein weiteres Zahlungsmittel nutzen. Es spielt gegenüber den bereits etablierten Payment-Optionen aber nur marginale Vorteile aus.“

  • Dr. Ralf Wintergerst, Group CEO von Giesecke+Devrient: „Das digitale Zentralbankgeld stellt eine wichtige Zukunftstechnologie für den europäischen Wirtschaftsraum dar.“

Am 18. Oktober hieß es aus Frankfurt, der EZB-Rat habe nach Abschluss der zweijährigen Untersuchungsphase zu Ausgestaltung und Bereitstellung eines digitalen Euro den Startschuss für die Vorbereitungsphase gegeben. Das lege den Grundstein für einen möglichen digitalen Euro: unter anderem sollen das Regelwerk fertiggestellt und Anbieter für die Entwicklung von Plattform und Infrastruktur ausgewählt werden. Damit werde den Weg für eine mögliche zukünftige Entscheidung über die Ausgabe eines digitalen Euro geebnet.

Die digitale Form von Bargeld

Das Konzept sieht einen digitalen Euro als digitale Form von Bargeld vor, die für sämtliche digitalen Zahlungen im gesamten Euroraum genutzt werden könnte. „Wir müssen unsere Währung auf die Zukunft vorbereiten“, so Christine Lagarde, Präsidentin der EZB. Der digitale Euro wäre allgemein zugänglich und sowohl online als auch offline verfügbar, die grundlegende Nutzung wäre kostenlos. Er würde ein Höchstmaß an Privatsphäre gewährleisten und den Nutzerinnen und Nutzern Echtzeitzahlungen in Zentralbankgeld ermöglichen. Er könnte für Zahlungen zwischen Privatpersonen, an Verkaufsstellen, im Online-Handel und für staatliche Transaktionen benutzt werden.

Nutzerinnen und Nutzer könnten entweder über eine proprietäre App und Online-Schnittstelle ihres Zahlungsdienstleisters oder über eine Digitale-Euro-App des Eurosystems auf Dienstleistungen im Zusammenhang mit dem digitalen Euro zugreifen. Auch Menschen ohne Bankkonto oder digitales Endgerät könnten in digitalen Euro bezahlen, beispielsweise mit einer Karte, die von öffentlichen Stellen wie Postämtern bereitgestellt wird. Nutzerinnen und Nutzer könnten zudem an Geldautomaten digitale Euro in Bargeld umtauschen oder umgekehrt.

Dieser EZB-Entwurf enttäuscht Unternehmen, meint die auf Finanzdienstleister spezialisierte Unternehmensberatung Cofinpro. Im Auffangbecken für ausrangierte und unbedeutende Finanzmarktinnovationen dümpeln bereits zahlreiche, einst groß angekündigte Projekte wie die Geldkarte oder auch Paydirekt.

Wo ist der Mehrwert?

„Damit dem Digitalen Euro ein ähnliches Schicksal erspart bleibt, muss die digitale Zentralbankwährung Unternehmen, Banken und Privatpersonen einen Mehrwert und bisher nicht realisierbare Möglichkeiten bieten“, glaubt Norman Philipp, Manager bei Cofinpro. „Der nun veröffentlichte Grundsatzbeschluss lässt jedoch viele wichtige Weichenstellungen vermissen.“ Bei der Konzeption des Digitalen Euro liege der Fokus scheinbar darauf, bekanntes Terrain nicht zu verlassen und Anwender nicht mit neuen Funktionen zu überfordern.

Die Folge laut Eric Neumann, Senior Manager bei Cofinpro: „Unternehmen, Privatnutzer und Banken können künftig zwar ein weiteres Zahlungsmittel nutzen. Es spielt gegenüber den bereits etablierten Payment-Optionen aber nur marginale Vorteile aus.“ Zukunftsgerichtet wäre es, schon bei der Konzeption Anwendungsfälle in den Vordergrund zu rücken, die in der immer stärker digitalisierten Welt gefragt sind und mit denen Unternehmen sowie Banken vom Digitalen Euro profitieren können. Denn wenn sich Prozessoptimierungen, Effizienzgewinne oder neue Mehrwertdienste realisieren lassen, besteht auch ein erhebliches Interesse daran, den Digitalen Euro beim Endkunden zu fördern oder gar zu fordern.

Ungehörte Wünsche nach mehr Funktionsumfang

Die größte Enttäuschung für Unternehmen sei es wohl, dass es für sie vorerst nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten geben soll, selbst mit der neuen digitalen Währung zu bezahlen, so dass für sie viele mögliche Anwendungsfälle entfallen. So könnte beispielsweise im Zahlungsverkehr mit der öffentlichen Verwaltung eine spezielle Schnittstelle für den Digitalen Euro die Prozesse deutlich vereinfachen, wenn z.B. Daten- und Zahlungsverkehr verknüpft wären. Dadurch könnten Zahlungen leichter zugeordnet und der Verwaltungsaufwand reduziert werden.

Gleiches gilt für Transaktionen zwischen Unternehmen oder von Unternehmen an private Endkunden. Die Wünsche nach einer Erweiterung des Funktionsumfangs werden in der jetzigen Fassung nur unzureichend aufgegriffen, obwohl hier das größte Potenzial zu heben gewesen wäre. Eine Ausweitung hält sich die EZB aber offen.

Außerdem fehlt es dem Digitalen Euro an die Programmierbarkeit, die sich laut der Cofinpro-Umfrage viele Unternehmen wünschen. Diese könnte z.B. genutzt werden, um die Zahlung nur für bestimmte Waren oder auch für vordefinierte Zeiträume zu ermöglichen.

Ein weiteres potenzielles Hindernis im Zahlungsverkehr stellen die Betragsgrenzen der Wallets dar. Die Mehrheit der Unternehmen spricht sich für einen großzügigen Rahmen aus: Bei einem maximalen Volumen von 3.000 Euro ist die Nutzung lediglich für 37 Prozent der Unternehmen wirklich interessant. Steigt der Betrag auf 5.000 Euro, wollen bereits zwei von drei Unternehmen Nutzungsmöglichkeiten anbieten. Bislang hat sich die EZB dazu noch nicht positioniert, aber es wird spannend sein zu sehen, auf welche Betragsgrenzen sie sich schlussendlich festlegen wird.

Potenzieller Kostenvorteil

Bleibt zumindest der potenzielle Kostenvorteil. Allerdings äußert sich die EZB dazu bislang nur nebulös. Um die Akzeptanz des Digitalen Euro bei Händlern und Unternehmen zu erhöhen, sollten Zahlungsentgelte deutlich günstiger sein als bei den US-amerikanischen Kartenanbietern oder alternativen Zahlungsmitteln. Dies würde vor allem im Handel zu einer stärkeren Akzeptanz führen und auf Konsumentenseite die Nutzung fördern.

Ein theoretischer Vorteil für die Verbraucher ist, dass im Gegensatz zu Guthaben bei Geschäftsbanken praktisch kein Ausfallrisiko besteht, da eine Zentralbank immer zahlungsfähig ist. Die Wallet wäre quasi ein „Zentralbankgeld-Konto“ für Bürgerinnen und Bürger, das per Karte oder App genutzt werden kann – allerdings mit wenig Spielraum aufgrund der Betragsobergrenze. Zudem gilt das Sicherheitsargument nur bedingt. Denn das theoretische Ausfallrisiko spielt aufgrund der staatlichen Einlagensicherung von 100.000 Euro im Alltag keine nennenswerte Rolle.

Zukunftsweisend für Europa?

Diese Entscheidung ist nach Ansicht des Münchener Spezialisten für Sicherheitstechnologie Giesecke+Devrient „sehr erfreulich, da das digitale Zentralbankgeld eine wichtige Zukunftstechnologie für den europäischen Wirtschaftsraum darstellt. Es würde dessen digitale Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig stärken sowie die Effizienz im Zahlungsverkehr fördern.“

Dr. Ralf Wintergerst, Group CEO des Anbieters von Sicherheitstechnologien in den Bereichen Bezahlen, Identitäten, Konnektivität und Digitale Infrastrukturen, hält den digitalen Euro „für die richtige Antwort auf die steigende Nachfrage nach sicheren und zuverlässigen digitalen Zahlungsmöglichkeiten“ und „eine für alle verfügbare Alternative zu privaten digitalen Zahlungsangeboten und den hochvolatilen Krypto- und Privatwährungen. Die Bürgerinnen und Bürger hätten somit in Zukunft noch mehr Wahlfreiheit beim Bezahlen.“ Etwaige Bedenken müssten adressiert und intensiv diskutiert werden. Ein Vorhaben von dieser Dimension könne nur auf Basis eines breiten politischen und gesellschaftlichen Konsenses durchgeführt werden.

Die häufig gestellte Frage, welches Problem der digitale Euro löse, ist laut Wintergerst der falsche Ansatz, denn der digitale Euro wäre „ein entscheidender Baustein, um die Wettbewerbsfähigkeit und Prosperität des Euroraums auch in Zukunft zu sichern. Weltweit arbeiten Zentralbanken mit Hochdruck an digitalen Währungen und diesem Wettbewerb müssen wir uns stellen.“ Der digitale Euro böte die Chance, die Grundlage für zahlreiche Innovationen zu schaffen und weltweit eine führende Rolle bei der Entwicklung einer digitalen Zentralbankwährung zu übernehmen.

Bildquelle: EZB, EU, Cofinpro, Giesecke+Devrient

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