Für Kerstin Corvers, Geschäftsführerin von TFG Transfracht, ist der Erfolg bei IT-Projekten „das Ergebnis kreativer, kompetenter und fleißiger Menschen, die miteinander harmonieren.“
Mit dem flächendeckenden Albatros-Express-Netzwerk verbindet TFG Transfracht die deutschen Seehäfen mit dem Hinterland – in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
TFG Transfracht verbindet die Seehäfen Hamburg, Bremerhaven, Wilhelmshaven und Koper (Slowenien) mit über 15.000 Orten in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Der Wissensaufbau und -austausch sowie seine Dokumentation brauchen langfristige Lösungen – konsequent betrieben eine große Herausforderung in unserer schnelllebigen Zeit. Da stellt sich sofort die Frage: was hilft hier und jetzt? Dieser Frage hat sich Anfang 2018, nach erfolgreichem Turnaround des operativen Geschäftes, auch Kerstin Corvers, Geschäftsführerin von TFG Transfracht, stellen müssen.
Bei der mittelständischen Tochter der DB Cargo AG plante man mit 187 Mitarbeitern und externen Beratern bis Jahresende rund 950.000 TEUs (Twenty-foot Equivalent Units) zwischen den deutschen Seehäfen und dem Hinterland zu bewegen – und das mit Unterstützung einer Windows-Server-2003-basierten Citrix-Infrastruktur, einem völlig veralteten Groupwise-System für E-Mail und Collaboration, einem über die Jahre gewachsenen IBM-i-basierten Auftragsabwicklungssystem und einer FlexES-basierten Abrechnung, die noch mit einem Pentium-Prozessor aus der Ära der Jahrtausendwende arbeitete.
Zu aller Leid gab es noch ein konzernweites IBM-Notes-System, das identische Aufgaben wie Groupwise wahrnahm. Redundanzen, Inkonsistenzen sowie schleppende Systemperformance behinderten immer wieder die Produktivität der Mitarbeiter.
Das war historisch bedingt: Zu der Zeit, als die TFG noch 50-prozentige Tochtergesellschaft der Hamburger Hafen und Logistik AG war, wurde die gesamte E-Mail-Kommunikation sowie die Fileablage über Novells Groupwise abgehandelt. Eine Migration auf den DB-Konzernstandard Notes hatte man zur Hälfte vollzogen, jedoch mangels Akzeptanz bei den wichtigen Gruppenbriefkästen ausgesetzt.
Zwischenzeitlich hatte der DB-Konzern Office 365 dann zum neuen Bürokommunikationsstandard ernannt, sodass die Notes-Migration endgültig auf Eis gelegt wurde und eine Vereinheitlichung der beiden Legacy-Systeme auf diesen Evergreen-Ansatz von Microsoft notwendig wurde.
Die TFG hatte bereits 2013 erste Modernisierungsprojekte gestartet und seit 2016 große Anstrengungen übernommen, um ihre Systeme zu verbessern (siehe DV-Dialog 56/2017, Seite 4/5). So wurde ein digitales Dokumentationssystem eingeführt, eine Online-Buchungsplattformen geschaffen und das Auftragsmanagement um moderne webbasierte Automatisierungen ergänzt. Doch die grundlegende Erneuerung der IT-Landschaft stand noch aus.
Niedergeschlagen hatte sich dieses Erbe der Vergangenheit leider auch sichtbar in den IT-Kosten. Rund 50 Prozent des jährlichen IT-Budgets verschlang bisher allein der „as is“-Betrieb des Backends. Berücksichtigt man noch die Ausgaben für die Client-Infrastruktur, laufende Wartungen sowie essenzielle Dienstleistungen externer Partner, so blieb kaum Geld für Weiterentwicklungen oder neue Services übrig.
Dies vertrug sich nicht mit der Konzernstrategie, die einen konsequenten Weg in die Cloud und die Nutzung von Software-as-a-Service vorgab. Der gordische Knoten musste durchtrennt werden, um finanzielle Mittel für die Zukunft freizusetzen. Die Frage war: Wie, ohne das laufende Geschäft zu behindern und damit den erfolgreichen Turnaround zunichte zu machen?
Nach der Evaluierung der operativen Schmerzpunkte war das Ziel, folgenden Dreiklang zu erzielen:
Als Zeithorizont setzte sich die TFG zusammen mit DB Systel, dem internen IT-Dienstleister der Deutschen Bahn, eine Projektdauer von ca. sieben Monaten, was einem Projektende zum Jahreswechsel 2018/19 entsprach. Die Projektleitung und -steuerung waren in der TFG-IT angesiedelt und jeweils um kompetente Partner ergänzt; DB Systel unterstützte bei der Ausschreibung und Auswahl geeigneter Dienstleister als Partner mit technischem Know-how.
Wichtigste Maßnahme war die Auswahl eines Infrastrukturbetreibers für die Kernsysteme der TFG: Ordermanagement, Abrechnung, Zugverwaltung sowie die Schnittstellen zu Kunden und DB-Systemen (wie z.B. SAP) mussten reibungslos 24x7 funktionieren und bei Bedarf skalierbar sein. Ordermanagement und Abrechnung waren über 30 Jahre gewachsene Eigenentwicklungen in RPG, Javascript sowie Natural/Adabas und liefen unter IBM i sowie Red Hat Enterprise Linux mit db2. Eine 1:1-Migration zu AWS oder Azure mangels entsprechender Services schied nach einer technischen Prüfung vorerst aus.
Als Spezialdienstleister mit einschlägiger Erfahrung im Betrieb kritischer Geschäftsanwendungen unter IBM i, Linux und Windows-Server wurde nach mehrmonatigen Auswahlprozess WS Datenservice aus Deggingen (mit georedundanten Rechenzentren in Karlsruhe, Wien und Zürich) engagiert. WS überzeugte u.a. durch ein auf die komplexe Ausgangssituation der TFG abgestimmtes Migrationsvorgehen, das gleichzeitig eine Optimierung der Systeme beim Cut-Over vorsah – eine Ausnahme unter den wenigen Spezialanbietern, die nur 1:1-Migrationen mit anschließender Optimierung anboten.
So sollte beim Go-Live z.B. das Novell-System gänzlich durch eine Windows-basierte Active-Directory und Fileserver-Topologie ersetzt werden. Außerdem galt es, den Hypervisor sowie das zugrundeliegende Citrix auf den neuesten Stand zu bringen, das IBM-System i von einer fehleranfälligen Softwarespiegelung auf eine performante Hardwarespiegelung umzustellen sowie die einzelnen Kernanwendungen – sofern noch nicht geschehen – auf ein State-of-the-art-Staging in Entwicklung, Qualitätssicherung und Produktion logisch vorzubereiten. Das geschah alles am Migrationswochenende quasi „on the fly“, ohne dass entsprechende Änderungen im Rechenzentrum durchgeführt werden konnten.
WS sollte durch den langjährigen TFG-Partner PKS flankiert werden, der bereits seit mehreren Jahren bei der schrittweisen Erneuerung der Kernanwendungen Ordermanagement sowie Abrechnung mitwirkte und Kompetenzen beim Wechsel in der Softwareentwicklung von Legacy-Systemen zu State-of-the-Art-Technologien mitbrachte.
Außerdem musste die TFG über mehrere geschäftsnotwendige Randsysteme entscheiden. So war der EDI-Konverter Trade Xpress des Herstellers Generix, über den mehr als drei Viertel aller Kundenaufträge und der Rechnungsversand liefen, überholt und musste dringend erneuert werden. Hier entschied sich die TFG mit dem langjährigen Entwicklungspartner Inposia Solutions für eine neue SaaS-Lösung des Anbieters Generix.
Analog ging man bei den HR-Systemen vor. Auch diese wurden in einer separaten Projektgruppe auf eine SaaS-Lösung des Herstellers P&I migriert und gleichzeitig mit einem neuen führenden HR-Stammdatensystems der DB Cargo verbunden.
Beim „Data-Warehouse“ gestaltete sich die Situation diffiziler. Hier bestand der Wunsch des Finanzbereichs, auf eine Web-basierte Clientlösung zu wechseln mit einem hohen Grad an Self-Service, um Analysen noch individueller und effizienter durchführen zu können. Dafür musste jedoch das DWH-Backend erneuert werden.
Man entschied sich, dies nach dem Cut-Over zu WS Datenservice zu machen und wählte dafür eine innovative Lösung des Partners Initions – DWH-as-a-Service. Initions würde das DWH nach Snowflake in Azure migrieren und die Datenmodellierung als Service-Leistung erbringen. Bei WS würde dann nur mehr ein Connector-Dienst verbleiben, welcher die notwendigen Rohdaten aus den Kernsystemen an Snowflake liefern würde. Als Client sollte PowerBI zum Einsatz kommen, welches aus jedem Webbrowser und über Excel-Add-in sehr flexibel genutzt werden könnte.
Zusammengefasst reduzierte die TFG den Betriebsaufwand bei WS Datenservice auf die Kernsysteme Ordermanagement, Abrechnung sowie Zuginformationssystem und verlagerte den Betrieb sowie die Wartung der Randsysteme als Software-as-a-Service in die Cloud bzw. zu den Software-Herstellern.
Für die Migration von Notes auf Exchange Online vertraute die TFG auf das Standardprozedere der DB Systel unter Nutzung des Microsoft Fasttrack-Centers. Zur Übertragung der Groupwise-Postfächer kam Quest zum Einsatz – gepaart mit dem Stellar-Converter für die Übernahme der Groupwise-Archive. Die persönlichen Files sowie die Gruppenlaufwerke unter Notes bzw. Groupwise wurden per Drag & Drop nach dem vorherigen Rollout von Office365 nach One Drive bzw. Sharepoint kopiert – aus Datenschutzgründen von jedem Mitarbeiter bzw. dem Gruppenlaufwerksverantwortlichen selbst.
Insgesamt dauerte diese Modernisierung fünf Monate, wenn man die Zeit für die Anbieterauswahl sowie eine anderthalb Monate währende Verzögerung durch einen Krisenfall außerhalb der TFG (Storage-Ausfall) nicht Betracht zieht. Rückblickend haben sich aber einige Aktivitäten als entscheidend und gut investierte Zeit herausgestellt:
Das Migrationswochenende verlief strukturiert, wenn auch arbeitsintensiv. Wie erwartet, jedoch nicht vollends absehbar, mussten kleinere Schwierigkeiten ad-hoc gelöst werden. So wurde das Sicherungsband der IBM i gewaltsam aus dem plötzlich defekten LTO-Wechsler beim Restore gerettet, um nicht auf das Eintreffen der Ersatzsicherung warten zu müssen.
Wäre die Verzögerung durch weitere Probleme vergrößert worden, wäre der Cut-Over am Sonntagmittag gefährdet gewesen. So aber konnte die TFG-Geschäftsführung nach Prüfung und Diskussion aller Ergebnisse planmäßig am Sonntagmittag des 31. März die Entscheidung für den Cut-Over treffen. Nach Umschalten des DNS-Servers liefen die ersten zwischengespeicherten Kundenaufträge ein – und die Abrechnungsjobs konnten wieder loslaufen. Die Migration war vollzogen.
Die erste Aprilwoche nach dem Cut-Over war geprägt von einer kurzen Hypercare-Phase: Benutzeraccounts zurücksetzen, Zugriffe erweitern bzw. anpassen, die Performance aller Systeme im Zusammenspiel überwachen und die zeitliche Abstimmung aufeinander validieren. Vieles lief in der neuen Umgebung deutlich schneller. So wurde die Verarbeitungsdauer der Abrechnung um 60 Prozent reduziert – und Performance-Störungen in der Auftragsverwaltung gibt es gar nicht mehr.
Neben der Modernisierung des Archivsystems, der Einführung einer Web-Application-Firewall sowie der Erneuerung des Entfernungswerkes des Partners Städlter Logistik wurden seither weitere neue Kernprodukte implementiert; ebenso erfolgte die Aufnahme des Containerverkehrs vom slowenischen Hafen Koper aus in das deutschsprachige Hinterland.
Mit der Rundumerneuerung der Infrastruktur gelang der erste entscheidende Schritt Richtung Anwendungsmodernisierung. Ohne flexible Infrastruktur ist es bei über Jahrzehnte gewachsenen Anwendungen nahezu unmöglich, diese schrittweise umzubauen, um nicht durch einen Big-Bang das Kerngeschäft und damit die Kundenzufriedenheit zu gefährden.
Klar ist für TFG-Geschäftsführerin Kerstin Corvers bereits heute, dass die intensive und während der Migration erfolgreich erprobte Zusammenarbeit aus Fachbereichen, IT-Team und Partnerfirmen fortgesetzt und erweitert wird. Letztlich sei der Erfolg bei IT-Projekten „das Ergebnis kreativer, kompetenter und fleißiger Menschen, die miteinander harmonieren.“
Mit ihrem flächendeckenden Netzwerk Albatros Express verbindet die TFG Transfracht im containerisierten Seehafenhinterlandverkehr täglich die Seehäfen Hamburg, Bremerhaven, Wilhelmshaven und Koper (Slowenien) mit über 15.000 Orten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Unternehmen der Deutschen Bahn AG bewegte im Jahr 2018 ein Transportvolumen von rund 950.000 TEUs (Twenty-foot Equivalent Units).
Bildquelle: TFG Transfracht