Digitale Transformation

Die Arbeitswelt 4.0 gestalten

Die „digitale Transformation“ – wer macht die Arbeit?

  • Unser Autor Dr. Ralf Gräßler ist Geschäftsführender Gesellschafter der Veda GmbH.

Nur kein Streit – es ist genug Arbeit für alle da! Bei der Frage, wer im Unternehmen die federführende Rolle bei der digitalen Transformation übernehmen sollte, scheiden sich zurzeit die Geister. Die, die gut reden haben, verteilen virtuell die Arbeit zwischen den Fachabteilungen. Einig sind sich Innovatoren, Evangelisten und Blogger an einer Stelle: Indu­strie 4.0 wird alles ändern. Denn was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert werden.

Doch in den Unternehmen passiert aktuell wenig. So unser Eindruck. Die Botschaft ist noch nicht angekommen, vielleicht in der Produktion, aber ganz sicher noch nicht an den zentralen Schaltstellen. Sicherlich würde der Umbau auf die Arbeitswelt 4.0 leichter, wenn jede Fachabteilung ihre Kernkompetenzen in die Waagschale wirft und – ganz im Sinne von New Work – aus der Zusammenarbeit (= „Collaboration“) aller Beteiligten (= „Crowd“) eine wunderbare Prozess- und Arbeitswelt entstünde?

Die Gesamtlösung hat ausgedient

Sozusagen Best-of-Breed 4.0: Die Gesamtlösung im organisatorischen und IT-Sinn hat ausgedient. An jeder Schaltstelle sitzt die beste Lösung, egal ob Mensch oder „Maschine“.  Siehe oben – „was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert“ – Jobs werden wegfallen, deren Prozesse zu Ende beschrieben werden können, weil eine intelligente IT sie besser machen kann. Andere werden geschaffen, weil die digitalisierte Arbeitswelt Aufgaben entstehen lässt, die es bisher nicht gibt.

Aus dieser Beschreibung von Arbeit 4.0 wird meines Erachtens klar, wie eng die Verzahnung aller Player in den Unternehmen künftig sein muss. Es ergeben sich zwei wesentliche Handlungsfelder, die zwar zusammenhängen, deren getrennte Betrachtung aber hilfreich ist. Erstens die Neugestaltung der Zusammenarbeit im Rahmen der digitalen Business Transformation und zweitens die („Um“-) Digitalisierung der Prozesse im Hinblick auf die notwendige Agilität. Letzteres ist der Wertbeitrag von IT, ersteres Kernaufgabe von HR: Als Manager der „Humanressourcen“ steuern Personaler Werte und Leistung als Basis einer agilen Zusammenarbeit.

Agile Prozesse gewährleisten

Agilität ist das Grundprinzip von Arbeit 4.0 – gemeint als Flexibilität + Schnelligkeit + Aufnahmefähigkeit eines Unternehmens, seiner Mitarbeiter und vor allem seiner Prozesse. Die ITler (im Sinne ihrer historischen Funktion als Daten- und Organisa­tionsmanager) sind für diese Agilität der Unternehmensprozesse verantwortlich. Sie bauen die notwendigen Plattformen für Collaboration und Wissenstransfer im Inneren und sind für die Öffnung nach außen (Stichwort „open Innovation“) und Kontrolle derselben verantwortlich.

Daten müssen immer besser überwacht werden, wenn immer mehr Kommunikationskanäle fließen. Laut Bitkom erlauben 43 Prozent der ITK-Unternehmen ihren Mitarbeitern, eigene Geräte mit dem Firmennetz zu verbinden. Hier müssen sinnvolle Schutzkonzepte erarbeitet werden, genauso wie für den Umgang mit So­zialen Medien und der neuen „Unart“ der Generation Y, Arbeit und Freizeit zu verbinden. Wer einfach nur Facebook und Amazon sperrt, hat morgen keine Mitarbeiter mehr. Die lassen sich das nämlich nicht gefallen und gehen zu Unternehmen, die Work-Life-Blending leben.

Generelle Offenheit gefragt

Mit der Öffnung nach außen geht eine generelle Offenheit einher, externe Prozessbeteiligte in interne Prozesse einzubinden. Auch da ist IT gefordert. Wo kann ich zügig und schlank auf die Cloud setzen (auch und gerade um z.B. im Mittelstand professionelle Datenschutzkonzepte zu bewerkstelligen), wo ist es sinnvoll die unternehmenseigene Kern-IT auszubauen?

IT muss sich mit den strategischen Zielen im Haus auseinandersetzen, um zu verstehen und umzusetzen, was sich als „Ballast“ auslagern lässt und was als strategische Kernkompetenz mit eigener IT abgewickelt werden muss. Lösungskompetenz ist gefragt, denn Best-of-Breed bekommt, wie oben beschrieben, durch Agilität neuen Aufwind: ITler müssen künftig in der Lage sein, sehr schnell digitale Prozesslösungen an Land zu ziehen, die eine singuläre Aufgabe bestmöglich lösen. Dazu muss eine Systemwelt geschaffen werden, die diesen alten/neuen Ansatz durch Offenheit, Plattformunabhängigkeit und Integrationsfähigkeit fördert.

So wie HR dafür Sorge tragen muss, dass jeder Mitarbeiter seine Aufgabe bestmöglich und mit Spaß erfüllt, ist IT als Manager einer genau auf die Bedürfnisse angepassten IT-Umgebung dafür zuständig, dass jeder Mitarbeiter für seine Aufgaben genau die passende Systemumgebung vorfindet. Bevor Sie fragen – ja, natürlich – Change-Management ist und bleibt Aufgabe der Geschäftsführung. Und da auch jeder Mitarbeiter gefordert ist, seine Arbeitswelt eigenverantwortlich zu gestalten, lautet die Antwort auf die eingangs gestellte Frage: Wir alle!


Das WAS und WIE der digitalen Transformation
„Was?“: Bevor sich der IT-Chef mit weichen Kultur- und Wertethemen sowie Strukturthemen auseinandersetzt, muss er das Business verstehen. Das war immer schon so und bleibt so – auch und gerade in Zeiten von Industrie 4.0. Daher empfehlen sich Workshops mit Führungskräften zu strategischen Fragen wie:

  • Wie ändert sich das Core-Business des Unternehmens?
  • Welche Wertschöpfungstiefe wird angestrebt?
  • Welche Partnerschaftsmodelle, wie z.B. Coopetition, werden kommen?
  • Welche Prozesse (intern/extern) werden digitalisiert?

„Wie?“: Jetzt sind die ersten Fragen der „Arbeitswelt 4.0“ dran – immer in Bezug auf die Ergebnisse des „Was“.

  • Wie wollen Sie arbeiten (agil wie z.B. anhand der SCRUM-Methode, projektbezogen, in festen Strukturen)?
  • Wie ist das gewünschte (!) Kultur- und Wertebild im Unternehmen?
  • Ist der Fachkräftemangel in ihrer Branche überhaupt relevant?
  • Wie ist der heutige Reifegrad im Unternehmen – bzgl. (Führungs-)Kompetenzen, Werteverständnis und Eigenverantwortung?

Gerade die letzte Frage ist entscheidend, um die richtigen, realistischen und in der Regel kleinen Ziele Schritt für Schritt zu setzen. Es ist ein evolutionärer Prozess. Ein Marathon – kein Sprint.

 

 

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