Gewogen und zu leicht befunden

Die Cebit schrumpft weiter

Die Cebit geht heute in Hannover zu Ende. Von den Machern als weltgrößte Computermesse gefeiert, blieb sie ohne großes Echo außerhalb Deutschlands. Weder bei Wall Street Journal noch Financial Times war sie ein Thema, auch nicht bei der japanischen Zeitung Yomiuri Shimbun, bei El Pais oder Le Monde, bei der New York Times oder beim Economist. Von den Radio- und Fernsehsendern dieser Welt ganz zu schweigen. Die Cebit ist kein Trendsetter mehr, wenn sie es je gewesen ist.

Marketing statt Visionen: „Big Data“ war ein Thema bei Ausstellern wie IBM, SAP, T-Systems oder Software AG (Foto).

Frank Pörschmann, der zuständige Vorstand des Veranstalters Deutschen Messe AG, zog am Vormittag bei einer Pressekonferenz zufrieden Bilanz, obwohl die Zahl der Aussteller in diesem Jahr um mehr als 100 zurückging. Immerhin blieb sie mit fast 4.100 im Vergleich zu den großen Einbrüchen seit dem Jahr 2001 fast stabil. Allerdings waren darunter mehr als 200 Start-ups, von denen manche mit ihrer kleinen Belegschaft vollzählig am Messestand waren. Dazu kamen mehr als 150 Unternehmen aus dem diesjährigen Partnerland Polen.

Mit Blick auf die Besucher sagte Pörschmann: „Wir haben seit einem Jahr intensiv an der Qualität der Cebit gearbeitet. Unser Ziel – mehr Fokus und Profil – haben wir erreicht.“ Man habe im Vorfeld der Veranstaltung die Zahl der verfügbaren Eintrittskarten um 20 Prozent reduziert. „Wir wollen mehr wiegen als zählen“, so Pörschmann weiter. „Wenn wir zählen, haben wir rund 285.000 Besucher erreicht – wenn wir aber wiegen, war die Cebit 2013 eine der stärksten und effektivsten Veranstaltungen der vergangenen Jahre.“ In Hannover sei es in den vergangenen fünf Tagen „um internationale Geschäfte und Vernetzung“ gegangen. Aber das lockt immer weniger Besucher an: Im Vorjahr kamen 312.000 Menschen zur Cebit, 2011 waren es 339.000 Besucher. Zum Vergleich: 2001 waren es noch 810.000 Besucher für mehr als 8.000 Aussteller – und schon zur allerersten Cebit 1986 kamen 334.000 Besucher.

„Das internationale Geschäft stand klar im Vordergrund“, verwies Pörschmann auf eine „starke Beteiligung“ aus mehr als 120 Nationen. So viele IT-Entscheider und Einkaufschefs wie seit langem nicht mehr hätten die Cebit 2013 „zur hochwertigsten Veranstaltung seit Jahren“ gemacht; der Fachbesucheranteil sei auf mehr als 84 Prozent gestiegen. Die Zahl der Geschäftsgespräche während der fünftägigen Veranstaltung sei mit mehr als sieben Millionen auf dem Niveau des Vorjahres geblieben. Der Termin für die nächste Cebit steht auch schon fest: Sie öffnet am 11. und dauert bis zum 15. März 2014.

Zeigt die Cebit noch Visionen? fragt man sich nach dem Besuch. Offenbar geht es heute mehr um Lippenbekenntnisse zu Marketingschlagworten wie Shareconomy. Schlagworte, die die Welt ebenso wenig braucht wie Prototypen, die nie zu Produkten werden. Wie wohl auch der diesmal gezeigte Fernseher, der automatisch auf stumm schaltet, sobald es an der Haustüre klingelt.

Als einen weiteren Trend neben Cloud Computing und „Social Business“ machte Pörschmann „Big Data“ aus. Noch nie habe die Menschheit so viele Daten gesammelt: 2,5 Exabyte an einem einzigen Tag – das ist eine Zahl mit 18 Nullen. Aussteller wie IBM, SAP, T-Systems International oder die Software AG präsentierten in Hannover neueste Lösungen zur intelligenten Analyse unstrukturierter Datenberge, aus denen sich Erkenntnisse für Politik und Wirtschaft gewinnen lassen, aber auch für Mediziner, die nach erfolgversprechenden Therapien suchen.

„Die Cebit 2013 hat deutlich wie nie gezeigt: IT verändert unsere Wirtschaft und auch viele Lebensbereiche“, sagte Bitkom-Präsident Dieter Kempf. In den vergangenen Jahren wuchsen bereits IT und Telekommunikation zusammen; danach verschwanden die Branchengrenzen zur Unterhaltungselektronik; derzeit werden die Inhalte integriert – etwa bei E-Books oder Musik-Streamingdiensten aus der Cloud. „Wir stehen aktuell an der Schwelle zur vierten Konvergenzwelle, zum ,Smart Anything‘. Dazu gehören Konzepte wie die intelligente Verkehrs- und Energienetze oder Industrie 4.0“, so Kempf. Bei dieser Konvergenz zwischen vormals getrennten Technologien habe der Standort Deutschland seine Stärken: etwa im Maschinenbau, der Medizintechnik, dem Automobilbau oder der Logistik.

Smart Anything? Das klingt nicht nur nach Beliebigkeit. Aufgrund des eklatanten Mangels an Visionen beliebte die Kanzlerin bei ihrer Eröffnungsrede gar zu scherzen, wobei den Messemachern das Lächeln gefror. Sie habe den Eindruck, „dass man wieder an die Anfänge der Cebit zurückkehren muss. Sie ist ja der Hannover-Messe entsprungen und hat sich dann selbständig gemacht. Wenn wir jetzt von 'Industrie 4.0' sprechen, dann weiß man nicht, wer zu wem zurückkehrt oder wer zu wem hingeht. Auf jeden Fall hat sich das Internet sozusagen in der realen Produktion, in der realen Industriewelt eingenistet. Ich habe jahrelang versucht zu verstehen, was das Internet der Dinge ist. Ich glaube, ich habe mich dem Thema jetzt relativ gut angenähert. Die Frage ist: Wird es eines Tages wieder einen Merger zwischen Hannover-Messe und Cebit geben oder werden sie beide weiterhin ihre eigene Existenzberechtigung haben?"

Eine berechtigte Frage, deren zweiter Teil wohl klipp und klar mit NEIN zu beantworten ist, wenn sich nicht etwas Gravierendes ändert. Wobei die Industriemesse durchaus Visionen vermittelt...

www.cebit.de

Bildquelle: Deutsche Messe AG

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