ifo Institut: Mehrheit der Unternehmen will Homeoffice dauerhaft ausweiten

Die Deutschen und ihr Büro

Siemens ist mit der Strategie des „New Normal Working Model“ nicht allein. Knapp über die Hälfte (54 Prozent) aller Unternehmen in Deutschland wollen Homeoffice dauerhaft stärker etablieren, zeigt eine Studie des ifo Instituts vom Juni. Die Studie basiert unter anderem auf Auswertungen von aktuellen ifo-Daten und einer Mitgliederbefragung des Netzwerks Linkedin.

  • Prof. Dr. Oliver Falck, ifo Institut

    Prof. Dr. Oliver Falck, Leiter des ifo Zentrums für Industrieökonomik: „Die Coronakrise könnte einen dauerhaften Schub fürs Homeoffice bedeuten!“

Deutschland ist eine Büronation. Bundesweit arbeiten rund 14,8 Mio. Menschen in Büros – und es werden immer mehr. Die Bürohauptstadt ist Frankfurt am Main, hier sitzt fast jeder zweite Beschäftigte regelmäßig klassisch am Schreibtisch. Aber auch Düsseldorf, München, Bonn und Stuttgart haben viele Angestellte, die ihr Arbeitsleben im Büro verbringen. Besonders in Städten mit großer öffentlicher Verwaltung ist die Bürodichte hoch, zeigt eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

Im ländlichen Raum ist der Büro-Anteil deutlich geringer, allerdings wächst er vielerorts: Die bayrischen Landkreise Schwabach, Regen und Bayreuth beispielsweise verzeichnen 2019 fast 80 Prozent mehr Bürobeschäftigung als noch 2012. Vor allem in stadtnahen Kreisen ist diese Entwicklung gut zu beobachten: Weil mit dem steigenden Bedarf auch die Büromieten bis zur Pandemie gestiegen sind, wichen immer mehr Unternehmen in angrenzende Gebiete aus.

Eschborn und Schwalbach bei Frankfurt zählen schon seit Jahren eine steigende Zahl an Büroarbeitern, hier sitzen beispielsweise SAP oder der US-Konsumriese Procter & Gamble. „Besonders verkehrsgünstig gelegene Kreise und Städte, die nah an Metropolen liegen, sind für Unternehmen attraktiv“, sagt Studienautor Michael Voigtländer. „Allerdings hat Corona diese Entwicklung vorerst gestoppt. In den kommenden Monaten dürften Büros nicht mehr so stark nachgefragt werden.“

Die Studie untersucht auch, wie verbreitet Homeoffice bei Bürobeschäftigten ist – schließlich ist Schreibtischarbeit prädestiniert für Homeoffice. Etwa 85 Prozent der Büroarbeiter könnten theoretisch auch zuhause arbeiten, wie nun auch Corona belegte. Tatsächlich arbeitete 2018 nahezu jeder zweite Büroarbeiter zumindest gelegentlich von zuhause aus, 2006 waren es noch etwas mehr als jeder dritte. Jeder zehnte Büroarbeiter lehnt Homeoffice ab, unabhängig davon, ob er die Möglichkeit dazu hätte oder nicht.

Daten zur Bürobeschäftigung in Deutschland sind Mangelware. Frühere Erhebungen wurden mittlerweile eingestellt oder die Methodik wurde nicht mehr angepasst. Auf Basis von Auswertungen der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung wird beim IW ein Ansatz zur Bestimmung der Bürobeschäftigung in Deutschland entwickelt, der eine Vollerhebung ermöglicht. Die Studie basiert auf Befragungen von 20.000 Berufstätigen, durchgeführt vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) sowie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA).

Corona und das Homeoffice

„Die Coronakrise könnte einen dauerhaften Schub fürs Homeoffice bedeuten“, sagt Prof. Dr. Oliver Falck, Leiter des ifo Zentrums für Industrieökonomik und neue Technologien und Koautor der ifo-Studie vom Juni, denn drei Viertel der Unternehmen in Deutschland hätten zur Bewältigung der Krise Teile ihrer Belegschaft ins Homeoffice geschickt. In einer Umfrage unter den Mitgliedern des beruflichen Netzwerks LinkedIn gaben knapp die Hälfte der Mitglieder in Deutschland an, aufgrund der Pandemie ins Homeoffice gewechselt zu sein.

Wie gemeldet will beispielsweise Siemens das mobile Arbeiten in Zeiten der Pandemie und darüber hinaus als Kernelement der neuen Normalität dauerhaft als Standard etablieren. „Für viele Unternehmen ging die Umstellung mit beträchtlichen Investitionen in digitale Infrastruktur und neue Kommunikationstechnologie einher. Diese Neuorganisation der Arbeit wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht vollständig rückgängig gemacht werden“, führt Falck aus. 56 Prozent der Beschäftigten in Deutschland könnten laut der Studie zeitweise von zu Hause arbeiten. Vor der Corona-Pandemie wurde nur etwa die Hälfte dieses Potenzials ausgenutzt.

Zudem zeigt eine Auswertung von Stellenanzeigen und Jobsuchenden auf LinkedIn, dass die Aufrufe von Stellen, die zur Arbeit im Homeoffice ausgeschrieben sind, um mehr als das Doppelte gestiegen sind. „Dass Jobs in Zukunft vollständig ins Homeoffice verlagert werden, dürfte dennoch die Ausnahme bleiben“, erläutert Jean-Victor Alipour, Koautor der Studie und ergänzt: „Zum einen wissen wir, dass der Mangel an sozialen Kontakten im Homeoffice dauerhaft eine Belastung sein kann, zum anderen lässt sich kreativer Austausch und der Transfer von Ideen und Wissen nicht vollständig ins Digitale verlagern. Es ist wahrscheinlicher, dass sich hybride Arbeitsmodelle zwischen Präsenzarbeit und Homeoffice durchsetzen werden. Durch sie lassen sich die Vorzüge von Autonomie und Flexibilität im Homeoffice und die des sozialen Austauschs im Betrieb vereinen.“

Bildquelle: Pixabay, ifo Institut

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