Christian Dietl: „Eine Anwendung wird erst richtig gut, wenn sie einen gewissen Reifegrad erlangt hat.“
Christian Dietl „Der Fachkräftemangel ist auch für uns ein großes Thema, denn aufgrund unseres Wachstums haben wir einen ziemlich hohen Personalbedarf.“
Christian Dietl „Gerade durch unser individuelles System sind wir in der Lage, auf Kundenwünsche einzugehen und diese durch unsere internen Kapazitäten schnell umzusetzen. Das verschafft uns einen klaren Wettbewerbsvorteil.“
Viele Logistikunternehmen haben eines gemeinsam – Unmengen von Papier, das zur Steuerung und Kontrolle der Prozesse und Abläufe dient. Nicht so die EgeTrans Internationale Spedition GmbH in Marbach am Neckar: Der langjährige IBM-i-Anwender hat in den letzten Jahren durch diverse Digitalisierungsmaßnahmen seinen Papierverbrauch drastisch reduziert und kommt so seinem Ziel vom papierlosen Büro immer näher.
Bei EgeTrans ist ein individuell programmiertes ERP-System im Einsatz. Ergänzend hinzukommen Infors Buchhaltungsklassiker MAS90, die Connectivity-Suite HCL Notes/Domino und das Archivsystem Comarch ECM iS (früher als Infostore bekannt) mit dem LDOX Document Manager von eks. Die heterogene Serverlandschaft – bestehend aus Power-Systemen sowie virtualisierten Intel-Servern – wird mit den Betriebssystemen IBM i, Windows und Linux betrieben. Ein individuell programmierter Mail-Monitor automatisiert den Mail-Versand archivierter Dokumente aus dem ERP-System.
Trotz des internationalen Tätigkeitsfeldes eng mit der Heimatregion verbunden, schlagen zwei Standorte in den USA und Mexiko die Brücke nach Amerika. Aktuell arbeiten rund 200 Mitarbeiter am Marbacher Firmensitz, weitere 30 an den Standorten in Chicago und Santiago de Querétaro. Weil die Belegschaft damit doppelt so groß ist wie noch vor fünf Jahren und man weiter wachsen will, soll neben der Firmenzentrale am Marbacher Tor ein Erweiterungsbau entstehen, der Platz für 120 bis 130 Büroarbeitsplätze bieten wird.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Mit dem „Chief Digital Officer“ Christian Dietl sprachen wir darüber, wie er die Themen Modernisierung und Digitalisierung auf Basis der Plattform IBM i und mit bestens bewährter Individualsoftware handhabt. Dabei zählen bei dem wachstumsstarken Familienunternehmen aktuell das Vorantreiben der Digitalen Transformation sowie die Gestaltung und auch die Erfolgskontrolle der langfristigen Digitalstrategie zu seinen wichtigsten Aufgaben.
Dietl hat durchaus mit dem „angestaubten“ Image der Serverplattform zu kämpfen, deren „innere Werte“ der 29-jährige Manager während seines dualen Studiums kennen und schätzen gelernt hat. Wie so viele IT-Manager ist auch er mit dem Fachkräftemangel und mit den üblichen Vorurteilen gegenüber der Midrange-Welt konfrontiert, begegnet diesen Widernissen aber erfolgreich durch Aus- und Weiterbildung sowie Aufklärung und Teambuilding. Sein Credo: „Eine Anwendung wird erst richtig gut, wenn sie einen gewissen Reifegrad erlangt hat.“
Herr Dietl, Sie passen ganz offensichtlich nicht in das Klischee vom „Silver Ager“, das den Experten für IBM i und für die Midrange-Welt gerne angeheftet wird. Wie sind Sie zu dieser Server-Plattform gekommen – und was halten Sie davon?
Christian Dietl: Ich habe die Plattform erst bei EgeTrans kennengelernt und bin schrittweise an diese herangewachsen. Meine ersten Erfahrungen habe ich während meiner operativen Tätigkeit im Rahmen meines dualen Studiums gesammelt – und war von Anfang an von dem Baukastenprinzip begeistert.
Zu Beginn war ich als Business-Analyst als Schnittstelle zwischen operativen Abteilungen und Programmierern tätig und habe Projektmanagement-Aufgaben erledigt. Bereits zu diesem Zeitpunkt war ich jedoch sehr nah an den Entwicklern dran und habe mich für die Programme und den grundsätzlichen Aufbau unseres Systems interessiert.
In den Stellenanzeigen spricht EgeTrans gerne von „Möglichmachern“, die gesucht werden. Was soll speziell die IT für EgeTrans möglich machen? Fungiert die IT-Abteilung auch als „Innovationstreiber“?
Dietl: EgeTrans investiert schon lange in die IT und sieht in ihr einen wesentlichen Erfolgsfaktor. Rund zehn Prozent unserer Belegschaft arbeitet in der IT. Für einen Logistikdienstleister ist das beachtlich.
Vor etwa zwei Jahren haben wir begonnen, unsere gewachsene IT neu zu strukturieren. Dabei entstand auch die „Digital Innovations Unit“, die als eine Art „Startup-Unternehmen“ Prozesse neu denkt und Lösungen ausarbeitet. In meiner neuen Rolle als CDO ist es jedoch mein Ziel, darüber hinaus jede Abteilung zu einem Innovationstreiber zu machen. Die Anwender kennen ihre Probleme und Prozesse am Besten. Dieses Wissen stärker in der Umsetzung von Software-Projekten mit einzubringen wird die digitale Transformation weiter beschleunigen.
EgeTrans gehört zu den Fourth-Party-Logistics-Providern, agiert also ohne eigene Fahrzeuge oder Lagerhallen. Wieso hat die IT allgemein und speziell die Software-Entwicklung – dennoch oder gerade deswegen – im Unternehmen einen so hohen Stellenwert?
Dietl: Die Hochverfügbarkeit unserer Systeme ist für uns elementar. Gerade aus dem Grund, dass wir weder eigene Lager noch einen Fuhrpark haben, sind wir auf technische Ressourcen angewiesen, um mit unseren Dienstleistern vernetzt zu sein. Die Verfügbarkeit unserer IT ist also für uns ein beachtliches unternehmerisches Risiko. Aus diesem Grund haben wir eigene Rechenzentren und verzichten im operativen Betrieb auf Cloud-Lösungen. Sowohl unsere IT-Infrastruktur als auch die mit den Geschäftsprozessen verbundenen Anwendungen geben wir nicht aus der Hand.
Was sind für EgeTrans die größten Herausforderungen und Hürden bei der Digitalen Transformation?
Dietl: Die jüngsten Krisen und die dadurch entstandenen Probleme innerhalb der Lieferketten sorgten dafür, dass sich unsere Projektprioritäten ständig verändert haben. Engpässe bei den Reedereien hatten kurzfristig hohe Umbuchungs- und Stornoquoten zur Folge. Letztlich war das Unternehmenswachstum der letzten Jahre ursächlich dafür, dass wir an vielen Stellen Performance-Einbußen hatten.
Glücklicherweise hatten wir Planungssicherheit durch eigenes IT-Personal. Große Sorgen machen mir die fehlenden Nachrichtenstandards in der internationalen Transportbranche. Es gibt auf dem Markt viele Plattformen, die Schnittstellen anbieten. Aber keine dieser Plattformen bietet das volle Portfolio an Carriern an. Wir als Spediteur brauchen jedoch Schnittstellen zu allen Transportbeteiligten, um unsere Dienstleistungen anbieten zu können. Stellen Sie sich ein Reisebüro vor, das Ihnen nicht alle Flüge nach Chicago anbietet, sondern nur die Flüge ausgewählter Airlines. Wir müssen deshalb mehrere „Mappings“ für denselben Prozess erstellen und pflegen, um die gesamte Bandbreite anbieten zu können.
Stichwort Nachhaltigkeit, die gerade auch in der Logistik eine entscheidende Rolle spielt: Inwieweit kann die Digitale Transformation sowohl EgeTrans selbst als auch den Kunden helfen, nachhaltiger zu agieren? Wo sehen Sie Fallstricke und Stolpersteine?
Dietl: Nachhaltigkeit ist eines der absoluten Trendthemen. Immer mehr Kunden wünschen ein CO2-Reporting über die durch uns organisierten Transporte und Dienstleistungen. Wir haben Möglichkeiten, diese Emissionen zu berechnen und weiterzugeben.
Wir beraten unsere Kunden gerne, inwieweit sie Ihren CO2-Fußabdruck reduzieren können. Durch Schnittstellen zwischen unseren verschiedenen Systemen können wir beispielsweise Fehlmengen innerhalb einer Lieferkette sofort erkennen und den Kunden rechtzeitig informieren, sodass zusätzliche Luftfrachten verhindert werden können. Das reduziert Emissionen und Kosten.
Emissionen haben auch immer etwas mit Bündelung zu tun. Je besser eine Ressource ausgelastet ist, desto niedriger die Emissionen je Tonnenkilometer. Allerdings hat dies meist negative Auswirkungen auf die Transitzeit, die wiederum so niedrig wie möglich gehalten werden soll, um Kapitalbindungskosten zu reduzieren.
Letzten Endes organisieren wir den Transport im Namen des Kunden und agieren auf dessen Weisung. Das letzte Wort hat immer der Kunde und dieser muss auch bereit sein, eventuell entstehende Mehrkosten zu tragen.
Kern der IT-Infrastruktur bei EgeTrans ist das IBM-System Power i, das oft mit der guten alten AS/400 von 1988 gleichgesetzt wird. Wie lassen sich das moderne Image von EgeTrans und das angestaubte Image der Plattform unter einen Hut bringen?
Dietl: Das ist in der Theorie ganz einfach: Indem das Image der Plattform abgestaubt wird! IBM i und die Vorgänger sind zwar schon lange am Markt, aber definitiv weiterhin wettbewerbsfähig. Ich halte sehr viel von diesem System und sehe auch keinen Konflikt mit unserem Image.
Martin Rott, Mitgründer der Blue Consult GmbH, bezeichnete IBM i in einem der letzten iFuture-Kit-Podcasts als „goldene Nische“. Dem kann ich mich nur anschließen. Nur weil ein System weniger bekannt ist oder einen kleineren Nutzerkreis hat, ist es nicht automatisch schlechter. Zudem ist die Power-Plattform auch für Unternehmen wie Google und SAP interessant. Das bestätigt doch, dass die Plattform eine Zukunft hat. Ich bin immer wieder verblüfft, wenn ich höre, welche Unternehmen alle IBM-i-Systeme in ihrer IT-Landschaft haben.
Warum setzt EgeTrans auch zukünftig auf eigenentwickelte RPG-Anwendungen? Was sind die größten Vorteile?
Dietl: Eine Anwendung wird erst richtig gut, wenn sie einen gewissen Reifegrad erlangt hat. Es gibt viele Startup-Unternehmen, die der Meinung sind, gute Software anzubieten. Und immer wieder scheitert es an speziellen Anforderungen, weshalb wir diese Software nicht einsetzen können.
Die Welt ist groß – und kein System der Welt kann alle zollrechtlichen oder transportspezifischen Besonderheiten aller Länder abbilden. Als internationale Spedition ist es jedoch unsere Anforderung, diesen Umfang anbieten zu können. Unser System wächst mit uns mit, deshalb setzen wir auch weiter auf eigene Entwicklung.
Ob und wieviel davon zukünftig noch in RPG realisiert werden wird, steht noch nicht fest. Das ist auch mit davon abhängig, ob die Branche eine Trendwende schafft und ausreichend junge Fachkräfte nachziehen kann. Wir versuchen jedenfalls unseren Teil dazu beizutragen. Alternativ stehen mittlerweile auch viele andere Programmiersprachen neben RPG auf dem Betriebssystem zur Verfügung.
Rückblickend betrachtet: Welchen Einfluss hatte Ihre eigenentwickelte Software in den letzten Jahren auf das Wachstum und die Marktpositionierung des Unternehmens?
Dietl: Gerade durch unser individuelles System sind wir in der Lage, auf Kundenwünsche einzugehen und diese durch unsere internen Kapazitäten schnell umzusetzen. Das verschafft uns einen klaren Wettbewerbsvorteil. Damit halten wir auch das Service-Versprechen, für das die Marke EgeTrans steht.
Was tun Sie, um die Vorteile der Individualentwicklung langfristig zu erhalten und sogar weiter auszubauen und zu stärken? Immerhin stehen Sie ja mit der IT-Abteilung eines Mittelständlers in Konkurrenz zu Global Playern wie SAP oder Microsoft...
Dietl: Das größte Problem sind die Programmierkapazitäten. In Bereichen, in denen es passende Standardsoftware gibt, setzen wir diese deshalb auch ein. So schaffen wir Kapazitäten für die Integration und Anpassung der relevanten Geschäftsprozesse.
Mit welchen Tools und Methoden wollen Sie die Prozesse in den Kernanwendungsbereichen noch effizienter gestalten?
Dietl: Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Das Team testet gerade iEffect der Menten GmbH. Damit setzen wir bei der MappingErstellung zukünftig auf eine Standardsoftware, wo wir bislang individuelle Programme geschrieben haben. Das Thema hat mittlerweile jedoch einen so hohen Stellenwert, dass wir hier das Potenzial sehen, Aufgaben aus dem Entwicklungsteam abzuziehen und umzuverteilen, sodass sich die Entwickler auf die Weiterentwicklung und Modernisierung des ERP-Systems konzentrieren können.
In meiner Wunschvorstellung modularisieren wir die bestehenden Komponenten so weit, dass sie aus modernen Webanwendungen gerufen werden können und so weiter Bestand haben, selbst wenn der Greenscreen irgendwann abgeschafft wird. Um diesen Zustand zu erreichen ist es jedoch zunächst erforderlich, das System genau zu analysieren. Hierfür nutzen wir das Tool eXplain des Herstellers PKS.
Alle reden über den Fachkräftemangel – Sie auch? Oder anders gefragt: Wie sieht die Altersstruktur in der IT-Abteilung aus?
Dietl: Unser Altersdurchschnitt in den IT-Teams beträgt 36 Jahre. Allerdings sind wir auf der Führungsebene mit einem Schnitt von 31 Jahren sehr jung aufgestellt. So bringen wir frischen Wind rein und hinterfragen auch bestehende Prozesse und Strukturen.
Im Umgang mit älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist es deshalb essentiell, sich auf Augenhöhe zu begegnen und sie in die Entscheidungsprozesse aktiv einzubeziehen. Es ist wichtig, ihre Erfahrung und Kompetenz wertzuschätzen, auf ihre Expertise zurückzugreifen und sie dabei zu unterstützen, ihr Wissen an die nächsten Generationen weiterzugeben.
Der Fachkräftemangel ist auch für uns ein großes Thema, denn aufgrund unseres Wachstums haben wir einen ziemlich hohen Personalbedarf. An dieser Stelle spielt der IT-Bereich wieder eine große Rolle. Durch Prozessoptimierung und Digitalisierung möchten wir mehr Aufträge mit gleichem Personaleinsatz abwickeln und den Bedarf an neuen Fachkräften dadurch reduzieren. Dies erfordert jedoch wieder mehr Ressourcen in der IT, weshalb wir auch im IT-Sektor mittlerweile sehr viele Ausbildungsstellen anbieten. Denn wir versuchen unseren Personalbedarf größtenteils durch eigene Auszubildende und Studenten zu decken. Das ist zwar zeitaufwändig, zahlt sich jedoch langfristig aus.
Herr Dietl, vielen Dank für das Interview!
Bildquelle: Nicholas Veerhoff