Eskaliert die schwelende Führungskrise bei SAP?

Doppelspitze adé

Mitten in der Corona-Krise und nach nur einem halben Jahr an der Firmenspitze trennte sich die Walldorfer SAP zum 30. April überraschend von Co-CEO Jennifer Morgan (48). Künftig führt Christian Klein (39) den Softwarekonzern allein. „Mehr denn je verlangt die aktuelle Situation von Unternehmen schnelles, entschlossenes Handeln und eine klare, hierbei unterstützende Führungsstruktur“, hieß es dazu lapidar.

  • Symptom oder Mit-Auslöserin der SAP-Krise? Jennifer Morgan, die im April ausgeschiedene Co-CEO der SAP, hier 2019 in Orlando.

  • Gerät zunehmend in die Kritik: Firmengründer und Aufsichtschef Hasso Plattner, hier 2019 auf der Sapphire in Orlando.

Auf der online durchgeführten Hauptversammlung am Mittwoch wurde bei SAP nachgekartet. Im Nachhinein sprach Aufsichtsrats-Chef Hasso Plattner von zeitraubenden Diskussionen über den künftigen Kurs. Nun ist klar: Zugekaufte US-Töchter wie Success Factors, Ariba oder Qualtrics werden künftig weniger eigenständig agieren – und ihre Produkte besser in das Gesamtangebot integriert.

Morgan war die erste Vorstandschefin eines Dax-Konzerns überhaupt. Sie war im Oktober 2019 zusammen mit Klein an die Spitze des größten Softwareherstellers Europas aufgerückt, weil Vorgänger Bill McDermott zu Service Now wechselte. Morgan, die seit 2004 für SAP tätig war, bekam eine Abfindung von 15 Mio. Euro für ihr vorzeitiges Ausscheiden.

„Wir haben sie nicht wegen ihres Geschlechts in die Rolle befördert", sagte Plattner auf der Hauptversammlung. „Da ihr Geschlecht keine Rolle bei der Auswahl spielte, durfte es auch keine Rolle bei ihrem Austritt spielen.“ Außerdem ließ Plattner durchblicken, dass er sein Mandat im Aufsichtsrat verlängern könnte, um nach den vielen Wechseln im Vorstand gerade in den unruhigen Coronazeiten Kontinuität ins Unternehmen zu bringen. Erst im Frühjahr 2019 hatte sich der 76-Jährige zur Wiederwahl gestellt, allerdings nur für drei statt sonst fünf Jahre.

Das goutiert längst nicht jeder, denn gerade Plattner wird das Tohuwabohu (O-Ton Handelsblatt) auf der Führungsetage der SAP angelastet. In den letzten anderthalb Jahren haben ja nicht nur Morgan und der langjährige Firmenchef Bill McDermott den SAP-Vorstand verlassen, sondern auch Bernd Leukert (Richtung Deutsche Bank) und der seit 1992 für SAP arbeitende Robert Enslin (Richtung Google). Jetzt kommen auch noch SAP-Urgestein Michael Kleinemeier (Ruhestand) und Personalchef Stefan Ries hinzu, der seit 2002 bei SAP war und Ende Mai überraschend ausscheidet. Noch 2018 hatte der Aufsichtsrat das Vorstandsmandat von Stefan Ries vorzeitig um weitere fünf Jahre bis Ende 2024 verlängert.

„Auch ein Riese kann ins Wanken geraten, wenn der Aderlass zu groß ist", warnte Markus Golinski von der Fondsgesellschaft Union Investment – und forderte Klein auf: „Sorgen sie schnell dafür, dass die dadurch verursachte Unsicherheit und Unruhe ein Ende findet.“ Die renommierte FAZ hat ausgerechnet den Firmenmitbegründer Plattner als Problem ausgemacht, dessen „erratisches Hin und Her hat den Konzern in eine gefährliche Zerreißprobe geführt“ habe. Dass der „Alte“ sogar ankündigte, eventuell (noch) länger in Aufsichtsrat bleiben zu wollen, sei deshalb keine gute Nachricht. SAP braucht laut FAZ einen neuen Chefaufseher – „einen mit mehr Ratio und weniger Herzblut.“

Aktuell gehören dem SAP-Vorstand außer CEO Christian Klein (seit Anfang 2018) und dem scheidenden Ries Vertriebsleiterin Adaire Fox-Martin (wie Morgan seit April 2017 im SAP-Vorstand), der zum 1. Juli 2014 bestellte Finanzvorstand Luka Mucic, der seit Anfang 2019 amtierende Technikvorstand Jürgen Müller und der erst im November berufene Thomas Saueressig (Product Engineering) an. Ein neuer Personalvorstand wird noch gesucht.

Bildquelle: SAP

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