Fass ohne Boden: Migration der Bundesverwaltung auf S/4 Hana

Drohendes SAP-Fiasko in der Schweiz

Superb ist anders: „Superb23“, ein riesiges Projekt zur Migration aller SAP-Systeme der Schweizer Bundesverwaltung auf S/4 Hana, scheint bereits in der Anfangsphase völlig aus dem Ruder zu laufen.

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Ein riesiges SAP-Projekt droht zum Millionengrab zu werden.

Wurden vor der Verabschiedung „Strategie ERP-IKT 2023“ durch den Bundesrat noch im April 2018 die Gesamtkosten für Superb23 bis 2025 auf rund 665 Mio. Franken (knapp 583 Mio. Euro) taxiert, hat Finanzminister Ueli Maurer laut Schweizer Tagblatt jetzt üble Neuigkeiten zu verdauen: Das Projekt soll nun nämlich 930 Mio. Franken (gut 815 Mio. Euro) verschlingen, also rund 40 Prozent mehr als noch vor neun Monaten veranschlagt. Dementis gibt es nicht, nur Relativierungen – die genannten Kosten seien lediglich „Grobschätzungen“.

Das offizielle Wording der Behörden lautet: „Der Bundesrat hat zu diesem Thema lediglich eine erste Diskussion geführt und keinen Entscheid getroffen.“ Mit dem Schlüsselprojekt „Superb23“ sollen die ERP-Strategie 2023 für die Supportprozesse der gesamten Bundesverwaltung (zivil und militärisch) erstellt, ein Programm zur Strategieumsetzung geplant sowie ein Finanzierungskonzept erarbeitet werden. Im Kern geht es darum, die bisherigen SAP- und Non-SAP-Lösungen für Finanz- und Personalwesen, Beschaffung und Logistik auf S/4 Hana zu migrieren und zu zentralisieren. Die endgültige Botschaft zur Modernisierung der Supportprozesse soll dem Bundesrat im März zur Entscheidung vorgelegt werden.

Dezentrale IT-Lösungen vor dem Aus?

Bisher hatten die Behörden eigene dezentrale IT-Lösungen im Einsatz, von denen sie sich Flexibilität und Eigenständigkeit versprachen. Nach derZentralisierung in das Finanzministerium sieht das anders aus. Allerdings wollen die Schweizer, falls Superb23 irgendeinmal laufen sollte, pro Jahr 150 Mio. Franken Kosten einsparen: Das hieße: Superb23 würde sich innerhalb von gut sechs Jahren amortisieren. Doch auch das dürfte nur eine Grobschätzung sein.

Viele Politiker sehen in Superb23 bereits ein Fass ohne Boden, denn die Projektplaner haben viel Vertrauen verspielt. Außerdem hat die Schweiz schlechte Erfahrungen mit großen IT-Projekten: Insieme der Steuerverwaltung (ESTV) verschlang rund 120 Mio Franken, bis es 2012 gestoppt wurde. Und auch das – mittlerweile erfolgreich abgeschlossene – Nachfolgeprojekt Fiscal-IT kostete statt der geplanten 85 Mio. insgesamt knapp 120 Mio. Franken.

Doch nicht nur Behörden tun sich schwer mit SAP und/oder dem neuen Produkt S/4 Hana. Erst jüngst hatte die Umstellung von SC/400 darauf bei Haribo massive Probleme ausgelöst – und Lidl hatte im ambitionierten Projekt Elwis eine halbe Milliarde Euro versenkt. Der Otto-Konzern kippte im Jahr 2012 eine SAP-Einführung mit dem Namen „Passion for Performance“, drei Jahre später erlebte die Deutsche Bank mit dem SAP-Projekt „Magellan“ ihre „digitale Pleite“. Im gleichen Jahr verfehlte die Deutsche Post wegen einer gescheiterten SAP-Einführung („New Forwarding Environment“) sogar die Gewinnziele. Damals war die Rede vom Computer-Chaos des Post-Chefs Frank Appel.

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