Easy Software: 30 Jahre und kein bisschen weise

Easy-CEO krachend gefeuert

Am 6. März 1990 unter dem Namen Elektronische ArchivSYsteme GmbH gegründet, wollte die Easy Software AG in diesen Tagen gepflegt das dreißigjährige Firmenjubiläum feiern. Doch es kommt ganz anders! Und das nicht wegen Covid-19, sondern durch einen bedenklichen Rückfall in alte Zeiten des seit zehn Jahren krisengebeutelten Unternehmens. Die jüngsten Querelen führten seit Jahresbeginn 2020 zu eklatanten Kursverlusten der Aktie. Der Kurs hat sich seit Dezember mehr als halbiert, von gut 7 Euro auf weniger als 3 Euro.

  • Easy-CEO Dieter Weißhaar vor dem Rausschmiß

    Rausschmiß mit Ansage für den 2018 getretenen Easy-CEO Dieter Weißhaar.

  • Der neue Easy-CEO Oliver Krautscheid

    Oliver Krautscheid: In knapp sieben Wochen vom Aufsichtsrats-Chef zum Alleinvorstand der Easy Software AG.

  • Serkan Katilmis, Aufsichtsrat bei Easy Software

    Serkan Katilmis wurde am 20. März 2020 Mitglied des Aufsichtsrates.

  • Stefan ten Doornkaat, Aufsichtsratsvorsitzender bei Easy Software

    Stefan ten Doornkaat gehört dem Aufsichtsrat der Easy Software AG seit Juli 2012 an und ist seit dem 20. März Aufsichtsratsvorsitzender.

  • Armin Steiner, Aufsichtsrat bei Easy Software

    Armin Steiner wurde am 6. August 2019 zum Mitglied des Aufsichtsrats ernannt.

  • Easy Software AG in Mülheim

    Trotz aller Querelen versucht die Easy Software AG ihre Geschäfte weiterzuführen.

Mit dem Absturz auf 2,59 Euro hatte die Easy-Aktie am 19. März ein neues 10-Jahres-Tief erreicht – und damit den Kurs vom 11. Januar 2012 eingestellt. Dabei schien es im letzten Jahr noch so, als sollte dem 2018 getretenen CEO Dieter Weißhaar der Weg aus der Krise gelingen. Am 29. April 2019 musste die Easy Software AG zwar für 2018 ein negatives Konzernergebnis in Höhe von -2,3 Mio. Euro ausweisen – nach einem Gewinn von 1,9 Mio. Euro ein Jahr zuvor. Als ein Grund wurde angeführt: Die Restrukturierung belaste das Ergebnis.

Stolz wurde damals aber auch ein Plus beim Konzernumsatz der Gruppe um 9,1 Prozent auf 46,6 Mio. Euro gemeldet; die Umsätze im Lizenz-Neugeschäft seien sogar überproportional um 16,8 Prozent gewachsen. „Der Vorstandsvorsitzende Dieter Weißhaar hat das Unternehmen seit seinem Antritt im September 2018 auf Wachstum ausgerichtet und setzt damit konsequent die Strategie Easy 21 um“, hieß es in der Pressemitteilung. Die Kollegen von der CRN glaubten im Juli 2019 sogar, Weißhaars „Aufräumarbeit bei Easy Software trägt erste Früchte!

Am 4. August verlängerte der Easy-Aufsichtsrat den Vertrag von Dieter Weißhaar „unter gleichzeitiger Vertragsanpassung“ sogar vorzeitig bis zum 31. Juli 2024.  „Unter der Führung von Dieter Weißhaar hat sich die Easy Software tiefgreifend verändert und ist auf der Erfolgsspur. Mit der vorzeitigen Verlängerung des Mandats unterstreichen wir unser Vertrauen in Dieter Weißhaar und setzen ein Zeichen für Kontinuität“, erklärte Oliver Krautscheid, damals noch Aufsichtsrats-Chef.

Ebitda-Prognose nicht eingehalten

Diese Theorie – von der wir jetzt wissen, dass sie falsch ist – bestätigte das börsennotierte Unternehmen am 17. Oktober noch ein letztes Mal in der Meldung zum 3. Quartal unter der Überschrift „wächst weiter planmäßig“. Außerdem wurde damals die Gesamtjahresprognose für 2019 bekräftigt. CEO Weißhaar sprach von einer Umsatzsteigerung um 17 Prozent auf 36,7 Mio. Euro in den ersten drei Quartalen, von einem deutlich wachsenden Cloud- und Consulting-Geschäft und erklärte: „Wir sind zuversichtlich, dass wir unsere hoch gesteckten Ziele für 2019 erreichen können!“

The Times They Are a-Changin’. Seit gestern hat Weißhaar bei Easy nichts mehr zu sagen, denn Easy vermeldete endgültig die Abberufung des Vorstandsvorsitzenden. Möglich wurde das durch die gerichtliche Bestellung von Serkan Katilmis (44) als Ersatzmitglieds für den Aufsichtsrat, der nach dem Wechsel des Aufsichtsratsvorsitzenden Oliver Krautscheid in den Vorstand am 10. Februar notwendig wurde, weil das Gremium seit seinem Ausscheiden beschlussunfähig war.

Weißhaar in Etappen abberufen

Angekündigt, aber noch nicht vollzogen wurde Weißhaars Abberufung bereits zwei Tage zuvor, mit der Begründung, der derzeit nach Krautscheids Ausscheiden nur noch aus zwei Mitgliedern bestehende Aufsichtsrat habe sich für eine Abberufung Weißhaars ausgesprochen – und zwar „mit sofortiger Wirkung aus wichtigem Grund“. Anlass dafür sei „die inzwischen abgeschlossene Analyse der Ergebnisse einer durch den Aufsichtsrat durchgeführten Compliance-Prüfung.“

Im Prinzip war die Entlassung Weißhaars aber schon am 12. März avisiert worden. Da hieß es, dass Großaktionäre, „die zusammen mehr als 60 Prozent der Stimmrechte repräsentieren“, das Vertrauen in Weißhaars „Amtsführung, vor allem wegen wiederholter Prognoseverfehlungen, verloren haben“. Außerdem wurde mitgeteilt, dass es im Zuge einer Compliance-Prüfung von Weißhaars „Geschäftsführungsmaßnahmen“ einen ersten Zwischenbericht gebe, dessen rechtliche Bewertung aber noch nicht abgeschlossen sei. Das ist nunmehr offensichtlich der Fall.

Dieser spektakulären Personalrochade voraus ging am 11. Februar eine unscheinbare Personalmeldung: Der Aufsichtsratsvorsitzende Oliver Krautscheid, der seit 2013 Aufsichtsrat war, übernahm als Finanzvorstand operative Aufgaben und schied aus dem Aufsichtsrat aus. Dadurch machte er aber den Aufsichtsrat zunächst einmal handlungsfähig, so dass zunächst völlig unklar war, wer den Mülheimer DMS-Hersteller führt. Das war umso bedenklicher, als Easy knapp zwei Wochen später die Ebitda-Prognose für das Geschäftsjahr 2019 um bis zu 10 Prozent nach unten korrigieren musste; das war ja vorher absehbar und letztlich wohl der Auslöser für all die hektischen Personalmaßnahmen.

Dabei schien sein Antritt als Finanzvorstand logisch, denn bereits kurz nach Weißhaars Berufung vor zweieinhalb Jahren hatte Krautscheids Vorgänger Thorsten Eska, der dem Vorstand seit Juli 2016 angehört hatte und die Ressorts Finanzen, Controlling, Einkauf, Personal und Legal verantwortete, Easy im Oktober 2018 im Rahmen der Neuausrichtung und eines Umbaus im Management verlassen. Seine Aufgaben wurden kommissarisch von Weißhaar wahrgenommen; somit füllte Krautscheid auf den ersten Blick eine über zwei Jahre währende Lücke, die angesichts der Finanzprobleme durchaus als klaffend bezeichnet werden kann.

Balaton am Zug

Es gibt aber wohl noch einen zweiten Grund für die Personalrochade: Das im vergangenen Frühjahr lancierte Übernahmeangebot der Beteiligungsgesellschaft Deutsche Balaton AG. Im April 2019 noch einmütig von Vorstand und Aufsichtsrat sowie Arbeitnehmervertretern als „finanziell nicht angemessen“ abgeschmettert, scheint Balaton nunmehr dank neuer Allianzen zum Zuge zu kommen, zumal sich seither auch sich offenbar die Machtverhältnisse in der Eigentümerstruktur und wohl auch die Interessen mancher Eigentümer geändert haben. Diese ominösen 60 Prozent der Easy-Anteile waren im Juni 2019 noch im Besitz der beiden Großaktionäre Thorsten Wagner und Balaton, die damals nach Unternehmensdarstellung jeweils rund 30 Prozent der Aktien besaßen.

Auffällig ist, dass der langjährige Großaktionär Thorsten Wagner mit seiner Global Derivative Trading GmbH heute wohl gar nicht mehr beteiligt ist, Balaton mittlerweile aber mehr als 45 Prozent der Anteile besitzt. Aktuell sieht die Aktionärsstruktur der Easy Software AG so aus: Deutsche Balaton AG (45,19 Prozent), Streubesitz (32,17 Prozent), Lupus alpha Investment SA (7,44 Prozent), Stephan Kaleske/Zlex GmbH (5,40 Prozent), Axxion S.A. (3,88 Prozent), Pen GmbH (2,98 Prozent) und die Scherzer & Co. Aktiengesellschaft (2,94 Prozent).

Wagner, gelinde gesagt eine „schillernde Figur“, war auch Großaktionär des Biotech-Unternehmens Mologen, das im Februar insolvent wurde. Laut Handelsblatt hatte der Geschäftsmann 50 Mio. Euro in die Berliner Firma investiert – und war so zu einer zentralen Figur in einem Machtkampf um das Unternehmen entwickelt, der sehr an Easy erinnert. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) erklärte schon lange vor der Insolvenz, im März 2019, Mologen zum schlimmsten Kapitalvernichter der Deutschen Börse. Nebenbei bemerkt wahrte Wagner wie bei Easy auch bei Mologen seine Interessen über den ehemaligen Frankfurter KPMG-Unternehmensberater Oliver Krautscheid; der 52jährige Finanzexperte leitete seit Sommer 2014 den Aufsichtsrat von Mologen.

Bei Easy sieht Krautscheid den Schwerpunkt seiner künftigen Arbeit laut Presseinformation darin, „Wachstum und eine steigende Ertragskraft zu verbinden“. Nicht zuletzt werde es darum gehen, „Kundenfokus und Mitarbeiterzufriedenheit mit einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Unternehmenskultur zu vereinbaren.“

„Die Verantwortung für Easy Software muss auf mehreren Schultern ruhen.“

Stefan ten Doornkaat, stellvertretender Vorsitzender des Easy-Aufsichtsrats, wird so zitiert: „Die Verantwortung für Easy Software muss auf mehreren Schultern ruhen. Stetiges und nicht zuletzt ertragsstarkes Wachstum ist das Ergebnis eines starken Teams. Oliver Krautscheid steht für Finanzexpertise, absolute Integrität und die Fähigkeit, ein solches Team zu formen.“ Allerdings ist diese Aussage weniger Tage nach Krautscheids schon wieder Schnee von gestern, denn nach Weißhaars Rausschmiss ist der Vorstand schon wieder eine One-Man-Show.

Übrigens: Der stellvertretender Vorsitzender des Easy-Aufsichtsrates, der Steuerberater Stefan ten Doornkaat, Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V. (SdK) und ehemaliger Mologen-Aufsichtsrat, gehört dem Gremium seit Juli 2012 an, während das zweite Mitglied des Aufsichtsrates, Armin Steiner, erst am 6. August 2019 ernannt wurde. Am 20. März wurde dann Serkan Katilmis als drittes Aufsichtsratsmitglied ernannt, der das Gremium dann wieder beschlussfähig machte und dessen erste Amtshandlung die Kündigung Weißhaars war. Der Diplom-Kaufmann Steiner, zuvor u.a. Manager bei der KPMG AG, ist seit August 2015 Mitglied im Vorstand der Beta Systems Software AG, ebenfalls ein Unternehmen der Deutsche Balaton AG.

Nach dem hoffentlich endgültigen Ende des Hickhacks um die Geschäftsführung legten die Aktien gestern im Tagesverlauf 15 Prozent auf 2,99 Euro zu. Zuvor hatten die Easy-Aktien nach einem wahren Kursdebakel seit Mitte Februar bis zum vergangenen Donnerstag rund 65 Prozent an Wert verloren.

Das Geschäftsjahr 2019 wird die Easy Software AG nach den jüngsten Angaben „voraussichtlich leicht unter dem prognostizierten Umsatz- und Ebitda-Korridor abschließen“. Der Umsatz liegt nach vorläufigen, nicht testierten Daten knapp unter 51 Mio. Euro (Prognose: 51 bis 53 Mio. Euro, 2018: 46,6 Mio. Euro). Noch vor Beginn der Hauptprüfung durch den Wirtschaftsprüfer habe sich gezeigt, dass das Ebitda um bis zu 10 Prozent niedriger liegen könnte als der untere Wert der prognostizierten Bandbreite von 4,7 bis 5,7 Mio. Euro (2018: -0,9 Mio. Euro ohne IFRS 16).

Kunden übten Rücktrittsrecht aus

Für diese Abweichung werden außer Weißhaar vor allem zwei Effekte verantwortlich gemacht: Einerseits eine Nachdotierung von Rückstellungen, andererseits ein von einzelnen Kunden ausgeübtes Rücktrittsrecht, das im Dezember bereits verbuchte Verträge und Umsätze betrifft. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Veräußerungsgewinn aus dem Verkauf der Beteiligung an der Otris Software AG in Höhe von 6,2 Mio. Euro (Kaufpreis: 9,2 Mio. Euro) nicht im Ebitda enthalten ist, sondern das Finanzergebnis 2019 um rund 3 Mio. Euro erhöht.

Genaueres werden wir voraussichtlich Anfang April erfahren, falls die noch nicht testierten Ergebnisse wie geplant veröffentlicht werden. Der testierte Geschäftsberichtes 2019 soll dann am 30. April 2020 veröffentlicht werden. Ob dann irgendwann trotz Corona und Führungskrise noch das Firmenjubiläum gefeiert wird, scheint mehr als fraglich.

Update zur Abberufung von Dieter Weißhaar:
Am 22. März hat die Easy Software AG weitere Details zur Neubesetzung des Aufsichtsrates und zur Abberufung von CEO Weißhaar bekanntgegeben. „Aufgrund der inzwischen abgeschlossenen Analyse der Ergebnisse einer umfassenden Compliance-Prüfung war dieser Schritt ohne Alternative“, betont Stefan ten Doornkaat, den der Aufsichtsrat in seiner Sitzung vom vergangenen Freitag zum Vorsitzenden gewählt hat; er hatte auch im Auftrag des Aufsichtsrats für die Compliance-Untersuchung zu möglichen Pflichtverletzungen von Dieter Weißhaar ein Team externer Spezialisten beauftragt.

Der Aufsichtsrat ist seit 20. März 2020 wieder beschlussfähig, nachdem das Amtsgericht Duisburg Serkan Katilmis in den Aufsichtsrat bestellt hat. Damit ist das Gericht dem Antrag des Unternehmens vom 12. Februar 2020 gefolgt. Der 44jährige Wirtschaftsinformatiker mit einem MBA der Duke University in North Carolina ist ein Unternehmer und hatte zuvor unter anderem für Accenture und Price Waterhouse Coopers gearbeitet; er ist u.a. Geschäftsführer der von ihm gegründeten Kölner Firmen Amplicade, ROC, Cash on Ledger sowie der Hamburger Firma Peerspective.

Bildquelle: Easy Software AG

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