Den Wissensschatz im Software-Erbe weiter nutzen

Edrington setzt auf Whisky-Herstellung 4.0

Mehr als 160 Jahre – so weit reicht die Geschichte des in Glasgow beheimateten Spirituosenherstellers Edrington zurück. Die Tradition seit 1861 hat nicht nur weltweit geschätzte Whiskys und Sherrys hervorgebracht, sondern auch einen enormen Schatz von Wissen rund um deren Produktion, Produktionsmittel, Kunden, Lieferanten und Prozesse.

  • Aus dem Sortiment von Edrington

  • Macallan ist eine der bekanntesten Destillerien Schottlands. Dieser Whisky reifte über ein Jahrzehnt in Sherryfässern.

Das geballte Know-how steckte lange in einer über viele Jahre gewachsenen und mit der Zeit veralteten RPG-Software aus AS/400-Zeiten. Das Problem: Für einige Anwendungen gab es mittlerweile keinen Support mehr – und den Quellcode hatte Edrington auch nicht zur Hand. Deshalb wurde dieser Zustand mit der Zeit zu einem veritablen Unternehmensrisiko, denn die Wartung und Unterstützung des Systems wurde immer schwieriger und verzögerte die Umsetzung notwendiger Änderungen.

Es galt also, „das Chaos aufzuräumen“, wie es Euan Fraser, Director of Business Technology bei Edrington, drastisch formuliert. Angesichts dieser Herausforderung betraute er die Experten des Dienstleisters Objectivity, den Wissensschatz aus der „Legacy-Software“ in eine neue und vor allem sichere IT-Umgebung zu überführen. 

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5-6/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Begonnen wurde dieses Projekt beim Küfersystem, also dem System, das den Einsatz der Fässer für den Whisky managt. Es war eines der Systeme, für die weder Support noch Quellcode existierten. „Objectivity hat das alte System auf eine neue Plattform umgezogen, die wir im Vorfeld zusammen definiert haben“, so Fraser. Das Besondere: „Es war das erste Projekt, das wir wirklich agil durchgeführt haben.“ 

Der unmittelbar bevorstehende Ruhestand der Fachexperten, die dieses System über die Jahre gewartet hatten, schwebte als Damokles-Schwert über dem Projekterfolg. Deshalb war Fraser ein weiterer Punkt in der Zusammenarbeit mit dem Dienstleister sehr wichtig: die Fähigkeit der IT-Experten, sich Edringtons Fachwissen anzueignen und weiterzugeben. „Wir haben eine Menge spezifischer Begriffe – von Fässern über Flaschen bis zu Chargen“, sagt Fraser. „Es war großartig zu sehen, wie die Analysten, die Entwickler oder wer auch immer vor Ort war, sich dieses Verständnis nicht nur angeeignet, sondern auch untereinander weitergegeben haben“, so Fraser.

Edringtons System zur Verwaltung von Massengut (Bulk-Stock-Managementsystem) namens Tess verfolgt die Spirituosen vom Produktionsort bis zur Abfüllbereitschaft. Es läuft seit 1986 und bestand ursprünglich aus über einer halben Millionen Zeilen RPGIII-Code. Mit den von diesem Altsystem verarbeiteten Daten wird ein Lagerbestand im Wert von über 400 Mio. britischen Pfund verwaltet. Tess ist aber auch darüber hinaus geschäftskritisch, weil es wichtige Kennzahlen für interne Stakeholder und externe Compliance-Institutionen bereitstellt.

Das Ziel war ein möglichst „nahtloser“ Übergang von der altbewährten Anwendungsumgebung hin zu einem modernen und vor allem sicheren System. Darüber hinaus sollten die Anwender und andere Stakeholder mit einbezogen werden. Besonders die Geschäftsanwender waren begeistert vom Resultat, vor allem, da es nach dem Go-Live sehr wenige Nachjustierungen brauchte. Jetzt heißt es: Ziel erreicht!“

Das bedeutet konkret: Die Anwendung wurde von der Plattform IBM i in Microsofts Cloud Azure verlagert. Die Herausforderung war das „Legacy Re-Engineering“ mit dem Ergebnis einer konsolidierten und modernisierten Anwendung. 

Die Einzigartigkeit des Geschäfts in Verbindung mit über 25 Jahren maßgeschneiderter Anpassung trug dazu bei, dass frühere Modernisierungsversuche gescheitert waren, etwa ein 2016 mit Sopra Steria gestartetes Projekt zur Neuimplementierung mit Java und Open Source. 

Angesichts der Anforderung, dass Tess während der gesamten Modernisierung aktiv bleiben und verwendet werden musste, war die Kombination von manuellen und automatisierten Tests entscheidend, da schrittweise Änderungen mit dem ersten Treffer gelingen mussten. Das Grundprinzip war „alles zu ändern, um nichts zu verändern“. Das heißt: Jede Zeile des Programmcodes sollte modernisiert und jede Datendatei aktualisiert werden. 

Aus Anwendersicht sollte es keine sichtbaren Änderungen an der Benutzeroberfläche geben. Daher war die Erfassung der bisherigen Prozessabläufe und Systeminteraktionen wichtig, die alle mit einem Testautomatisierungs-Tool aufgezeichnet wurden. Nach Änderungen und den folgenden automatisierten Regressionstests konnte sich das Team der Ergebnisse sicher sein. 

Auch wenn das aktuelle Transformationsprojekt erfolgreich abgeschlossen wurde, übernimmt Objectivity weiterhin den Support. „Für uns ist es sehr gut, dass wir diese hilfreichen Hände haben, die die Schlüsselanwendung überwachen“, resümiert Fraser. 

Das Ergebnis des Modernisierungs-Projektes

  • Das Bulk-Stock-Managementsystem Tess und mehrere zugehörige Applikationen basieren jetzt auf unterstütz­baren und wartbaren Technologien.
  • Eine Liste der wichtigsten Funktionen (Test-Spine) und die Skripte bieten eine tragfähige Grundlage für die konti­nuierliche Verbesserung und zukünftige Transformationen
  • Die teamübergreifende Zusammenarbeit war entscheidend für den Projekterfolg.
  • Die beiden wichtigsten Geschäftsrisiken wurden adressier: Die Entlastung von Fachexperten sowie die allgemeine Unterstützbarkeit und Wartbarkeit von Tess.
  • Der erweiterte Wissenstransfer wird über ein neues, gemeinsames Produkt­entwicklungsteam (Edrington und Objectivity) durchgeführt.

Über Edrington

Die Spirituosenfirma mit Sitz in Schottland hat eine lange Geschichte, die bis in das Jahr 1861 zurück reicht. Im Laufe der Jahre wurde ein inter-nationales Geschäft mit Marken wie The Macallan, The Famous Grouse oder Highland Park aufgebaut. Außerdem besitzt das Unternehmen Anteile an Wyoming Whiskey und an No.3 London Dry Gin. Das Unternehmen mit Sitz in Glasgow beschäftigt rund 2.500 Mitarbeiter – auch in Tochterfirmen und Joint-Ventures rund um den Globus.

Objectivity schlüpft bei Accenture unter

Mit dem Erwerb des britischen IT-Dienstleisters Objectivity erweiterte Accenture im Mai seine Plattform-Engineering-Kapazitäten in Europa.1991 in Coventry gegründet, hat Objectivity inzwischen auch Niederlassungen in Deutschland, Polen und Mauritius und beschäftigt 700 Menschen – davon etwa 400 in Großbritannien. Das Unternehmen hat sich insbesondere auf Cloud- und Plattformentwicklungsdienste spezialisiert und unterstützt seine Kunden bei der Beschleunigung ihrer Transformationsprozesse.

Die Erfahrung von Objectivity in den Bereichen Plattform-Engineering, Cloud-Native-Computing und Anwendungsmodernisierung soll die Cloud-First-Fähigkeiten von Accenture stärken und Kunden dabei helfen, offenere und anpassungsfähigere Plattformmodelle und -dienste zu nutzen.

„Die Welt unterliegt massiven Veränderungen, die von Unternehmen verlangen, sich ständig neu zu erfinden […]“, sagte Jean-Marc Ollagnier, CEO von Accenture für Europa. „Die Breite und Tiefe der technischen Ressourcen und Talente von Objectivity wird unsere europäischen Plattform-Engineering-Fähigkeiten stärken und unseren Kunden die Agilität bieten, die sie benötigen, um ihre Geschäfte und Branchen neu zu definieren.“ 

Bildquelle: Edrington

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