Die Devise: Abwarten und Tee trinken?

Ein Brexit, viele Meinungen

Eine knappe Mehrheit der Briten hat „Nein“ zu Europa gesagt. „Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass die Auswirkungen auf die deutsche und europäische Digitalwirtschaft möglichst gering bleiben“, kommentierte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder den Volksentscheid. Schwer werde es künftig insbesondere für Dienstleister und Start-ups. Vieles wird sich ändern, doch London wird Finanzzentrum und kultureller Hotspot in Europa bleiben.

  • Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder erwartet, dass sich Großbritannien von den Standards des digitalen Binnenmarkts entfernen wird

  • Dr. Oliver Grün, Präsident des europäischen IT-Mittelstandsverbands European Digital SME Alliance sowie Präsident des Bundesverband IT-Mittelstand e.V. (Bitmi), befürchtet den Wegfall der Freizügigkeit, neue Zollbeschränkungen und Handelshemmnisse

  • Laut Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), wird der Brexit für beide Seiten teuer

  • Felix Holzapfel (links), CEO von Zone in Deutschland, mit James Freedman, der die Digital-Agentur Zone im Jahr 2000 gegründet hat. Sie unterstützt heute mit mehr als 200 Mitarbeitern in vielen Ländern Marken wie Coca Cola, Maersk oder Pernod Ricard bei ihrem Auftritt in der digitalen Welt.

Dr. Oliver Grün, Präsident des europäischen IT-Mittelstandsverbands European Digital SME Alliance sowie Präsident des Bundesverband IT-Mittelstand e.V. (Bitmi), bedauert den Brexit und befürchtet den Wegfall der Freizügigkeit, neue Zollbeschränkungen und Handelshemmnisse bis hin zu möglichen abweichenden Zulassungsverfahren für Produkte. Das würde Exporte deutscher bzw. europäischer Produkte und Dienstleistungen hemmen. Dabei ist Großbritannien nach Frankreich der zweitwichtigste Absatzmarkt für deutsche IT-Produkte.

Auch politisch betrachtet ist der Austritt Großbritanniens sicher ein Verlust und ein Schritt weg von einem einheitlichen digitalen Binnenmarkt, zurück zu einem zersplitterten Markt. „Ohne einen einheitlichen Binnenmarkt fehlt uns in Europa die Wettbewerbsfähigkeit“, mahnt Grün. „Politisch kommt hinzu, dass die EU immer mehr von Ländern dominiert wird, welche eine protektionistische Politik anstreben. Die EU braucht aber vielmehr eine Reform, zu der auch und gerade verbleibende Briten gedrängt hätten."

„Entscheidend ist jetzt die Reaktion der verbleibenden Länder auf das Votum, insbesondere die Frankreichs und Deutschlands“, sagt Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Langfristig erwartet er ein weniger wirtschaftsfreundliches Klima im Sinne von mehr Regulierung in der Europäischen Union. Das werde für beide Seiten teuer. Unklar ist zum jetzigen Zeitpunkt, wie die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU künftig gestaltet werden. Vieles wäre möglich (Europäische Freihandelsassoziation – EFTA, bilaterale Abkommen), entschieden werde so schnell nichts.

„Der digitalen Welt ist der Brexit im Prinzip egal“, konstatiert dagegen Felix Holzapfel, CEO von Zone in Deutschland. Er muss sich mit James Freedman, der im Jahr 2000 die Digital-Agentur mit Sitz in Köln und London gegründet hat, auf neue Rahmenbedingungen einstellen. „Wir bedauern das Ergebnis. Die Wut und Enttäuschung der Bürger hat über die Vernunft und wirtschaftliche Interessen gesiegt“, glaubt Freedman – und prognostiziert: „Im internationalen Wettbewerb ist es entscheidend, dass Europa geschlossen und ohne Grenzen auftritt, um sich gegenüber anderen Märkten und Freihandelszonen zu behaupten. Hier wirft uns der Brexit leider stark zurück. Wir hoffen, dass die nun zu erarbeitenden Freihandelsabkommen und Verträge so gestaltet sind, dass UK nicht den Anschluss an den internationalen IT-Markt verliert.“

Entscheidend ist für Holzapfel, dass Strategie, Technologie und Content aus einer Hand gesteuert werden und international skalierbar sind: „Nur so können sich Marken und Unternehmen in Zukunft behaupten. Denn Konsumenten denken nicht in politischen Räumen. Ländergrenzen haben im Netz und bei der digitalen Kommunikation fast keine Bedeutung mehr.“

Bitkom-Manager Rohleder erwartet, dass sich Großbritannien von den Standards des digitalen Binnenmarkts entfernen wird. Für deutsche Unternehmen müssen sich also mit abweichenden Regeln in Großbritannien beschäftigen. IT-Dienstleister, die fast immer in internationalen Teams arbeiten, werden künftig nicht mehr von der Arbeitnehmerfreizügigkeit profitieren können. Der Brexit erschwert es deutlich, einen großen einheitlichen digitalen Binnenmarkt zu schaffen, um den Unternehmen einen Wettbewerb auf Augenhöhe mit Ländern wie den USA oder China zu ermöglichen.

„Zölle, Auflagen, Steuern. Es ist noch vieles im Unklaren. Wir müssen abwarten, welche Veränderungen überhaupt auf uns zu kommen“, betont Freedman. Und sein Kollege Holzapfel mahnt vor Panikmache: „Es ist ja nicht so, dass mit dem Brexit nun alle Telefonleitungen gekappt werden.“

Bildquelle: Thinkstock / iStock

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok