Nach der Cebit verschwindet auch die Cemat

Feilen am Konzept der Hannover Messe

Die Hannover Messe hatte in diesem Jahr bei konstantem Ausstellerinteresse einen leichten Besucherrückgang zu verkraften. Folgerichtig feilen die Messemacher weiter am Konzept. Die Folge: Nach der Cebit verschwindet auch die Cemat.

Bildquelle: Deutsche Messe AG

Die Messe­gesellschaft will Hannover zum ersten 5G-Messegelände der Welt ­machen.

Digitalisierung, lernende Maschinen sowie die Zusammenarbeit von Mensch und Roboter: Das waren die Schwerpunkte der Hannover Messe, die vom 1. bis zum 5. April ihre Tore öffnete. Rund 6.500 Aussteller lockten 215.000 Besucher auf die Industrie­schau. Während die Aussteller­zahl also konstant zum direkten Vergleichsjahr 2017 blieb, ist beim Besuch zwar mit 210. 000 Gästen ein leichtes Plus gegenüber 2018 mit 210. 000 Gästen zu konstatieren, aber ein ­Besucherrückgang zu 2017, als die Messegesellschaft noch 225.000 Gäste gemeldet hatte.

„Die Hannover Messe 2019 hat gezeigt, dass sie die international wichtigste Plattform für alle Technologien rund um die industrielle Transformation ist“, sagte Dr. Jochen Köckler, Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Messe AG, sehr gekonnt das populäre Lehnwort ­„Digitalisierung“ vermeidend. „[...] Nur Hannover bietet den umfassenden Blick auf Anwendungsszenarien, Potenziale und das Zusammenspiel von Industrie 4.0, Künstlicher Intelligenz, 5G und Energielösungen.“

Der Grund für Klöcklers Formulierungskünste: Die Industriemesse fand erstmals seit 1986 ohne eine vorgeschaltete  Computermesse statt, nachdem die damals ausgegliederte Cebit im Spätherbst Knall auf Fall abgeschafft wurde.

Digitaler als zuletzt

Folgerichtig wird die Hannover Messe digitaler als zuletzt: Global Player wie Amazon, IBM, Microsoft oder SAP sind vor Ort. Das Motto der Industrieschau lautete „Integrated Industry - Industrial Intelligence“, um den Trend zur „Industrie 4.0“ aufzugreifen. Dabei geht es um das Zusammenspiel von Automatisierungs- und Energietechnik, Intralogistik, IT-Plattformen und die zunehmende Bedeutung des maschinellen Lernens. Der Mensch nutzt künftig künstliche Intelligenz, damit Maschinen und Fabriken sich selber steuern. Dabei geht es nicht nur um Prozessoptimierung oder Energieeffizienz, sondern auch um Schnittstellen, Protokolle und Sicherheit.

Zu sehen waren laut Köckler über 500 Beispiele für den Einsatz von KI in der industriellen Fertigung, 5G-Anwendungen sowie von Lösungen für die Energie- und Mobilitätswende. Auch die Robotik habe im Fokus des Besucherinteresses gestanden. Zur industriellen Transformation gehören aber mehr als nur vernetzte und intelligente Produktionsanlagen und Produkte. Eine ebenso große Rolle spielen aber auch neue Geschäftsmodelle, die vorhandene Marktstrukturen zum Teil radikal verändern.

„Es geht zum einen um die Frage, welche IoT-Lösung Mensch, Maschine und Prozesse am besten vernetzt“, sagte Arno Reich, Geschäftsbereichsleiter der Hannover Messe, „aber zum anderen auch ganz grundlegend darum, wer das ideale Betriebssystem für die Industrie 4.0 bieten kann.“

An solchen „Plattformen“ führt offen­bar kein Weg vorbei. Was im Consumer-Bereich längst etabliert ist, entwickelt sich für die produzierende Industrie mit etwas Verzögerung. Doch es steht außer Frage, dass die Plattformökonomie für den ­Maschinen- und Anlagenbau eine große Rolle spielen – etwa für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und digitaler Services. Wie das funktionieren kann, soll die Messe demonstrieren.

Infrastrukturen für neue Geschäftsmodelle

Wie sehr dabei die Bereiche IT und Auto­mation zusammenwachsen, zeigte sich an den zahlreichen Kooperationen zwischen Automatisierungs- und Softwareexperten, z.B. die Adamos-Allianz oder die vom ZVEI gegründeten Arbeitsgemeinschaft „5G Alliance for Connected Industries and Automation“.
Im Hinblick auf die Digitalisierung sind neue Software- und IT-Entwicklungen für Firmen im verarbeitenden Gewerbe besonders entscheidend. Deshalb waren neben den bereits genannten IT-Firmen mehr als 600 Aussteller vor Ort, darunter Atos, Dassault Systems, Huawei, Konica Minolta, Oracle, Siemens und die Software AG.

Zu den Knallerthemen der Messe zählte der superschnelle neue Mobilfunkstandard 5G. Hier dockte die Messegesellschat an und will Hannover zum ersten 5G-Messegelände der Welt machen. Deshalb war mit Unterstützung der Technikpartner Nokia und Qualcomm bereits ein 5G-Testfeld aufgebaut worden, um die Potenziale des neuen Mobilfunkstandards für die industrielle Nutzung aufzuzeigen.

Weil Digitalisierung Firmen angreifbarer macht, sollte der Sicherheitsaspekt bei Industrie 4.0 von Anfang an berücksichtigt werden: Der überlegte Umgang mit externen Schnittstellen an den Computern und der Einsatz von Verschlüsselung ­ge­hören ebenso dazu wie ein vernünftiges Zugriffsmanagement oder ein Logging und Monitoring der Zugriffe auf besonders sensitive Datenbestände.

Die nächste Hannover Messe wird übrigens vom 20. bis 24. April 2020 ausgerichtet; Partnerland ist Indonesien.

HMI 2020 mit neuer Struktur

Dann wird die Messe neu gliedert – in sieben Ausstellungsbereiche. Dabei ereilt die Intralogistik-Messe Cemat das Cebit-Schicksal - sie verschwindet ganz. In letzten Jahr noch als Sonderschau eingegliedert, werden ihre Themen „unter der Dachmarke integriert, da Produktion und Logistik näher zusammenrücken“.

Einer der sieben Bereiche, die „Digital Ecosystems“, rückt 2020 in das Zentrum des Messegeländes (die Hallen 14 bis 17). Dort drehe sich alles um digitale Vernetzung mit den Themen Anwendungsoftware, MES, Logistik-IT, Plattformen und Cloud, IT-Security, Virtual-Reality, KI sowie 5G, sagte Köckler: „Die digitalen Ökosysteme stehen im Zentrum der industriellen Transformation. Sie strahlen auf alle anderen Bereiche der Messe aus und rücken daher ab 2020 in die Mitte des Messegeländes.“ Auch wenn ihr Name nicht fällt, heißt das: Cebit reloaded! Nur dieses Mal mit dem Fokus auf die Industrie – und in drei Hallen statt wie seinerzeit in der Halle 1...

Bildquelle: Deutsche Messe AG

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