Wie der Versicherer Soka-Dach seine Anwendungen in Schuss hält

Garanten der IT-Leistungsfähigkeit

Die Sozialkassen des Dachdeckerhandwerks setzen seit den 1980er Jahren auf eigenentwickelte Geschäftsanwendungen auf der heutigen IBM-i-Plattform. Als der Versicherer aufgrund von Personalverlusten im Bereich Software-Entwicklung an Kapazitätsgrenzen stieß, zog er einen externen Dienstleister hinzu, der dank moderner Tools schnell produktiv mitarbeiten und dem IT-Team helfen konnte, sich auf inhaltliche Themen zu konzentrieren.

Spezifische Arbeitsbedingungen, wie etwa kurze Beschäftigungszeiten und lang andauernde witterungsbedingte Arbeitsausfälle in den Wintermonaten, führten 1960 zur Gründung der Sozialkassen des Dachdeckerhandwerks, kurz Soka-Dach. Dazu gehören die Lohnausgleichskasse für das Dachdeckerhandwerk (LAK), die Zusatzversorgungskasse des Dachdeckerhandwerks (ZVK) und das zentrale Versorgungswerk für das Dachdeckerhandwerk (ZVW). 

Soka-Dach als Dienstleister bundesweit für mehr als 14.500 Betriebe mit rund 63.600 Arbeitnehmern zuständig, bietet sich ein breites Leistungsspektrum an, das auf tarifvertraglichen Regelungen basiert. Dazu gehören Ausfallgeld, der Teil eines 13. Monatseinkommens, die Förderung der Berufsbildung und Leistungen zur Altersversorgung. Des Weiteren ergänzt Soka-Dach die gesetzliche Rente der Arbeitnehmer, da diese wegen witterungsbedingter Arbeitsausfälle im Vergleich zu anderen Branchen niedrige Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung zahlen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5-6/2024. Das kostenfreie E-Paper finden Sie hier.

Im Laufe der Jahrzehnte wurden die Leistungen der Soka-Dach stetig weiterentwickelt und an die Besonderheiten des Gewerbes angepasst, um die Attraktivität des Dachdeckerhandwerks aufrechtzuerhalten und Fachkräfte gewnnen und halten zu können. Grundlage dieser von Anfang an flexibel am Bedarf ausgerichteten Leistungen sind seit den 80er-Jahren eigenentwickelte Geschäftsanwendungen auf der IBM-i-Plattform. 

Diese Anwendungen wurden zunächst ganz klassisch in RPG entwickelt und im Laufe der Zeit sukzessive mit weiteren Technologien, wie z. B. Java, ergänzt. Dabei werden unter der Dachmarke Soka-Dach mit den Ausprägungen LAK und ZVK zwei Unternehmen mit einem kleinen internen Entwicklerteam ergänzt und punktuell von hinzugezogenen Freiberuflern unterstützt. 

Während im Bereich ZVK zukünftig durchaus Kauflösungen zum Einsatz kommen können (siehe eingeklinkten Artikel), ist der Funktionsumfang der LAK sehr speziell und maßgeschneidert auf die Bedürfnisse der Dachdecker-Klientel.

Bereits im Jahr 2016 stieg das Entwicklerteam auf Rational Developer for i, die Eclipse-basierte Entwicklungsumgebung für RPG, um und wurde auf diesem Weg von der Ravensburger PKS Software GmbH begleitet. 

Im Jahr 2021 stand man vor der Herausforderung, das bedingt durch Krankheitsfälle, die Verrentung bisheriger Systemkenner sowie dem gleichzeitigem Abgang von Entwicklern die Personaldecke gefährlich dünn wurde. Es besteht Personalbedarf für die Weiterentwicklung der Software in Bezug auf:

• das Erstellen technischer Konzeptionen 

• die Implementierung neuer Softwaremodule

• die Definition von Schnittstellen zu anderen Systemen

• die Bearbeitung von Ad-hoc-Anfragen aus dem Fachbereich.

In dieser Situation nahm das Management erneut den Kontakt zur PKS auf: Es ging um zwei zentrale Fragen: Wie zeitgemäß ist die LAK-Anwendung wirklich noch? Und kann ein Investment in Personal auf dieser Basis sinnvoll? Ebenso stand die Frage im Raum, ob und wie es überhaupt gelingen kann, junge Talente für die Weiterentwicklung der individuellen Anwendung zu gewinnen.

Einblick

Deshalb führte PKS ein IBM-i-Software-Assessment durch. Dabei wurden die kompletten Sourcen des Systems der LAK mit dem Analyse-Tool eXplain technisch und strukturell untersucht und anhand von Industrie-Metriken vermessen. Es stellte sich rasch heraus, dass aufgrund der ausgereiften Fachlichkeit im System an der Individualsoftware festgehalten werden sollte, jedoch sowohl technisch als auch personell an der Modernisierung sowie der Implementierung standardisierter Prozesse kein Weg vorbeiführen wird. Dabei ist hervorzuheben:

• Ein Cleanup-Faktor von 63 Prozent reduziert potenzielle Aufwände für sämtliche Modernisierungsvorhaben enorm und machte den realen Scope der Aufgabenstellung transparent: Dieser umfasste für LAK am Ende circa 1.300 RPG- Sourcen.

• Die Anwendung bestand bereits zu 99 Prozent aus modernem ILE-RPG-Syntax und sollte somit für neue Entwickler leicht zu erfassen sein.

Hürden aus dem Weg geräumt

Es gab jedoch keinen Tool-unterstützten DevOps-Prozess – und die Organisation der Quellen erlaubte keine Historie. Ebenso wurden die heutigen Möglichkeiten der IBM-i-Plattform im Entwicklungsprozess bei Weitem nicht vollumfänglich und durchgängig ausgeschöpft. Die mangelhafte Wartbarkeit der RPG-Programme und die fehlende I/O-Behandlung drücken das Rating deutlich.

Auf Basis des Software-Assessments konnte PKS die Entscheidungsträger bei Soka-Dach fundiert zum weiteren Vorgehen beraten und auf dem Weg der Modernisierung unterstützen. Dazu wurde eine Entwicklungspartnerschaft vereinbart, zu der PKS ein Entwickler-Duo – ein jungen sowie ein erfahrenen IBM-i-Anwendungsentwickler beisteuerte. Diese Teamzusammenstellung hat sich als voller Erfolg herausgestellt und frischen Wind in das gesamte Projekt gebracht.

Auch das Arbeiten von zu Hause bzw. Remote war Corona-bedingt von Beginn an kein Problem: Durch regelmäßige Meetings konnte die Zusammenarbeit kontinuierlich weiterentwickelt werden, so dass die externen Mitarbeiter – auch dank der Unterstützung durch eXplain für den technischen Durchblick – in nur wenigen Wochen eingearbeitet und handlungsfähig waren.

„Wir konnten direkt bei der Bearbeitung von Entwicklungstickets einsteigen und im Laufe der Zeit zunehmend auch an der Schnittstelle zwischen Fachlichkeit und IT bei unterschiedlichen, anspruchsvollen Analyse- und Entwicklungsaufgaben mitwirken“, sagt Richard Wolke, Trainee Software Developer bei PKS. „Insbesondere das kontinuierlich gesteigerte Prozessverständnis sowie die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem IT-Team von Soka-Dach haben eine effektive Unterstützung bei der Erweiterung und Betreuung der Systeme ermöglicht.“

„Obwohl die Software schon in die Jahre gekommen ist, können wir mit modernen Tools den Überblick über das Projekt behalten“, sagt Carsten Schmidt, Projektleiter bei PKS. Hierbei hilft uns insbesondere Jira, um das Backlog zu beobachten und den Entwicklerinnen und Entwicklern Aufgaben zuzuweisen. eXplain setzen wir zum Analysieren und Verstehen der vorhandenen Prozesse ein, um diese zielgerichtet modernisieren zu können.“

Um das optimale Ergebnis der Modernisierungsarbeiten zu erhalten, ist aktuell auch der Projektverantwortliche der PKS einmal pro Woche vor Ort. Er soll insbesondere den „Draht zur Fachabteilung pflegen“ und dadurch eine effiziente Kommunikation sicherstellen.

Im Laufe der Zusammenarbeit hat sich auch die Zusammenarbeit mit dem Infrastrukturpartner der Soka-Dach intensiviert: Die SVA liefert und konfiguriert seit vielen Jahren die Power-i-Server. Bisher standen hierzu eine Power8 für den Produktivbetrieb sowie eine Power7 für die Entwickler in einem internen Rechenzentrum in Wiesbaden zur Verfügung. 

Aufgrund der steigenden Anforderungen durch die Versicherungsaufsicht durch die BaFin, zum Beispiel in Form der „Versicherungsaufsichtlichen Anforderungen an die IT (VAIT), mussten jedoch auch die Backup- und Ausweich-RZ-Strategien angepasst werden. Daher wurde entschieden, zukünftig neben der Produktions- und Entwicklungsumgebung auch eine Test- und Freigabeumgebung aufzubauen. In diesem Zuge wird auch der Austausch der Power-Hardware erfolgen: Zukünftig steht neben der Power8 auch eine Power9 zur Verfügung. 

SVA unterstützt des Weiteren beim Aufbau einer Hochverfügbarkeitslösung, d. h. die adäquate Verteilung der Server auf zwei Standorte. Mit dieser Kombination erfahrener IBM-i-Dienstleister von der Hardware über den Systembetrieb bis hin zur Anwendungsentwicklung und -modernisierung stehen der Soka-Dach die relevanten Fachpersonen mit fundamentiertem und aktuellem Wissen.

Ausblick

Nachdem der erste Schritt Richtung eines neues Teams und eines modernisierten Systems Ende 2022 gelungen war, will Soka-Dach mittel- und langfristig wieder eigene Entwickler-Ressourcen aufbauen. Hier unterstützt die PKS aktiv beim Personal-Recruiting sowie in der Ausbildung durch das iCademy-Programm. 

„Es war in kürzester Zeit möglich, auf Ressourcenengpässe zu reagieren“, lautet das Fazit von Thomas Demitz, Abteilungsleiter Informationstechnologie bei Soka-Dach. Auch deshalb stehen weitere Modernisierungs­vorhaben auf der Agenda – sowohl in Bezug auf die Anwendung als auch beim System­betrieb.

Die Vorteile der Individual-Entwicklung

  • Effiziente und schnelle Einarbeitung von PKS-Entwicklern dank bewährter Methodik, Erfahrung sowie Nutzung intelligenter Werkzeuge

  • Absicherung des laufenden Betriebs der Kernsysteme in Zeiten des personellen Umbruchs.

  • Hervorragende Zusammenarbeit von PKS-, SVA- und Soka-Dach-Mitarbeitern auf Basis einer teamorientierten Arbeitsweise.

  • „Ready for Future“ durch den Blick über den Tellerrand der traditionellen IBM-i Technologien, -Konzepte und -Sprachen hinaus

Soka-Bau migriert knapp 2 Mio. Verträge

 Soka-Bau, eine der größten Pensionskassen Deutschlands, geht einen anderen Weg und hat mithilfe des Dortmunder IT-Dienstleisters Adesso Insurance Solutions Anfang Dezember die Migration von insgesamt 1,94 Millionen Lebensversicherungsverträgen abgeschlossen. 

Aktuell läuft ein unternehmensübergreifendes Digitalisierungsprojekt mit dem Fokus auf automatisierte Geschäftsprozesse, um die Grundlage für weitere Digitalisierung zu schaffen. Deshalb hat sich Soka-Bau für das Bestandsverwaltungssystem Insure Pslife von Adesso entschieden, um für das Zusammenspiel von Produkt, Bearbeitungsauftrag und Zeitmodell sowie die integrierte Dunkelverarbeitung der Geschäftsprozesse zu sorgen.

Insbesondere in der Lebensversicherung und der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) sind Migrationsprojekte eine Herausforderung. So findet sich bei dieser Art der Individualversicherung neben langen Laufzeiten der Versicherungsverträge (bis zu 60 Jahre und mehr) auch eine komplexe Versicherungsmathematik. Nun konnte der komplette Bestand aus zwei Verwaltungssystemen, bestehend aus allen Tarifgenerationen und den zugehörigen Vertragsbeständen, in das neue Bestandsverwaltungssystem migriert werden. 

„Vor dem Hintergrund des zusätzlichen Um­­baus unserer gesamten Anwendungslandschaft hat sich das Adesso-Team […] hervorragende Arbeit geleistet, bei der sowohl der Zeitplan als auch das kalkulierte Budget eingehalten wurden“, sagte Gregor Asshoff, Vorstand bei Soka-Bau. Nach Kenntnis von Andreas Nolte, Sprecher der Geschäftsführung bei Adesso Insurance Solutions, handelt es sich „bei diesem Projekt um die größte Einzelmigration eines bAV-Vertragsbestandes in Deutschland.“ Vor knapp 15 Jahren waren die beiden Natural-basierten Kernapplikationen – für den Beitragseinzug für Versicherungsverfahren (Bea) und die Rentenverwaltung (Carl) – bereits einem von BS2000-Mainframe auf Unix-Systeme migriert worden – unter Wahrung von Funktionalität und Benutzeroberfläche. 

Bildquelle: iStock / Getty Images Plus, Soka-Bau

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