7 von 10 Händlern fällt es schwer, Mitarbeiter mit digitalen Fachkenntnissen zu finden

Handel langsam zu neuen Services

Ob neue Schuhe für den Herbst, das Lieblingsparfum oder ein Ersatzteil fürs Auto – viele Verbraucher bestellen im Internet oder fahren in große Einkaufszentren außerhalb der Städte. In den Fußgängerzonen klagen Einzelhändler dagegen über sinkende Kundenzahlen, Ladenflächen stehen leer. Eine repräsentative Befragung des Digitalverbands Bitkom von 504 stationär und online tätigen Groß- und Einzelhändlern in Deutschland ergab, dass es bei der laufenden Digitalisierung des Geschäftes viele Probleme gibt.

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Der Handel in Deutschland sieht sich laut Bitkom mit großen Herausforderungen konfrontiert – und die Digitalisierung ist eine der größten. Mehr als 7 von 10 deutschen Handelsunternehmen (73 Prozent) halten sich beim Thema Digitalisierung für Nachzügler und nur 23 Prozent für Vorreiter und Gestalter. 65 Prozent der Unternehmen geben an, die Digitalisierung sei generell eine große Herausforderung für sie – und 71 Prozent haben große Probleme, Mitarbeiter mit digitalen Fachkenntnissen zu finden.

„Die Digitalisierung verändert nicht nur die Handelslandschaft massiv, sie verändert auch die Bedürfnisse der Verbraucher. Jeder kann mit seinem Smartphone einkaufen was er will, wann er will und wo er will – und sich die Waren kostenlos nach Hause liefern lassen. Der Handel muss sich auf diese Bedürfnisse einstellen. Doch das gelingt noch nicht allen“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. „Es geht nicht nur darum, neue Services anzubieten, sondern vor allem darum, dem Kunden den Einkauf auf möglichst vielen Kanälen zu ermöglichen. Die Grenzen zwischen Online und Offline verschwinden im Handel zusehends, E-Commerce, Mobile-Commerce und mittlerweile auch Voice-Commerce erweitern das traditionelle Geschäftsmodell. Das gilt für sämtliche Bereiche von Kleidung über Elektronik bis hin zu Lebensmitteln.“

Jedes vierte Unternehmen handelt ausschließlich offline

66 Prozent der Handelsunternehmen verkaufen ihre Produkte sowohl stationär als auch online. 25 Prozent verkaufen ausschließlich stationär (2017 waren es noch 28 Prozent) und 6 Prozent ausschließlich im Internet. Diejenigen Händler, die auch online verkaufen, erzielen damit erhebliche Umsätze: So geben 4 von 10 Unternehmen (41 Prozent) an, 30 bis 50 Prozent des Gesamtumsatzes stamme aus dem Internetgeschäft, 37 Prozent generieren so 10 bis 30 Prozent ihres Umsatzes und immerhin 8 Prozent der befragten Unternehmen erwirtschaften mehr als die Hälfte ihres Umsatzes online.

Bei den rein stationären Händlern handelt es sich vor allem um Kleinunternehmen und Mittelständler. Die Gründe für das „Nachhinken“ des Mittelstandes – z.B. hohe Kosten und enormer Aufwand für den Betrieb eines Online-Shops – wurden nicht ermittelt. Kosten und Aufwand dürften aber vermutlich die beiden größten Bremsklötze für den Mittelstand auf dem Weg zum Multi-Channel-Geschäft sein.

Fast jedes Handelsunternehmen hat heute eine eigene Website (98 Prozent). Jedes dritte (35 Prozent) macht bei Verkaufsplattformen wie Amazon oder Ebay auf sich aufmerksam, jedes vierte (26 Prozent) hat eine Präsenz in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Twitter – allerdings mit rückläufiger Tendenz.

Um den Kunden online ein möglichst genaues Bild der Produkte zu vermitteln, setzt jeder zehnte Händler (12 Prozent) auf Bilder und Bewertungen anderer Käufer; 7 Prozent tun dies bereits mit Hilfe von Augmented Reality oder Big Data. Jeder fünfte Händler (19 Prozent) gibt an, den Einsatz dieser Technologien in der nächsten Zeit zu planen oder zumindest intern zu diskutieren.

„Etwa im Bereich von Kleidung können ‚Augmented Reality‘ oder ‚Big Data‘ hilfreich sein. Individuelle und vor allem smarte Größenberatung auf Basis Tausender Datensätze ist genauer als nur ein einziges Kleidermaß. Je exakter und realitätsgetreuer ein Kunde online einkaufen kann, desto geringer fällt auch das Risiko einer Rücksendung aus“, betont Bitkom-Präsident Achim Berg.

Der Handel muss sich neu erfinden

Immerhin 62 Prozent aller befragten Händler ains der Meinung, der Handel in den Innenstädten müsse sich neu erfinden. 81 Prozent sind sich sicher, dass On- und Offline-Handel miteinander verschmelzen werden. 86 Prozent befürchten jedoch auch, dass die Digitalisierung insgesamt das Händlersterben beschleunigen wird.

Viele Unternehmen wollen für die Digitalisierung neue Mitarbeiter einstellen. 28 Prozent wollen ihren IT-Bereich in den kommenden fünf Jahren personell aufstocken, 21 Prozent stellen im Verkauf und 10 Prozent im Bereich Logistik neu ein. In der Verwaltung sind am ehesten Einschnitte zu erwarten: 19 Prozent der Unternehmen sagen, hier bis 2024 Mitarbeiter entlassen zu wollen. „Der Handel benötigt dringend qualifizierte Fachkräfte in vielen Bereichen“, Berg. „Dabei ist umso wichtiger, dass in Aus- und Weiterbildung auch Digitalkompetenzen vermittelt werden.“

Der Bedarf ist groß: 71 Prozent der Unternehmen sagen, sie hätten große Probleme, Mitarbeiter mit digitalen Fachkenntnissen zu finden – dieses wird als noch größere Herausforderung wahrgenommen als die Digitalisierung an sich (65 Prozent). Schwierigkeiten bereiten ebenfalls die Suche nach Fachkräften und Mitarbeitern mit nicht-digitalen Kompetenzen (59 Prozent), die steigenden Ausgaben für die Miete (53 Prozent) oder die Konkurrenz durch andere Wettbewerber (29 Prozent). Das niedrige Lohnniveau im Handel dürfte dabei auch eine Rolle spielen.

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