09.01.2018

HCM Bridge to the Cloud

Von: Berthold Wesseler

Viele Unternehmen stehen vor der Frage, wie sie ihre Prozesse im Personalwesen künftig abbilden sollen – On-Premise, in der Cloud oder als hybride Lösung. Die Aussage von SAP war eindeutig: Die bisherige ERP-Lösung für das Personalwesen („Human Capital Management“, HCM) sollte noch bis 2025 On-Premise verfügbar sein. Und für die Zeit danach war bis jetzt strategisch die Cloud- bzw. Software-as-a-Service-Lösung Success Factors positioniert.

Hermann-Josef Haag, Sprecher des DSAG-Arbeitskreises Personalwesen

Hermann-Josef Haag, Sprecher des DSAG-Arbeitskreises Personalwesen

Das warf bei vielen SAP-Kunden Fragen und Zweifel auf, die das Walldorfer Softwarehaus jetzt mit der dem neuen Programm „HCM Bridge to the Cloud” beantwortet, das Kunden helfen soll, HR-Prozesse in die Cloud zu verlagern. Außerdem soll es eine neue On-Premise-Lösung für das Personalwesen geben, deren Wartung der Softwarehersteller bis 2030 zusichert.

Geplant ist, ab 2023 eine neue On-Premise-Lösung für das Personalmanagement anzubieten, deren Wartung mindestens bis 2030 laufen soll. Diese Lösung basiert auf HCM und bietet einen vergleichbaren Funktionsumfang (mit Ausnahme der Anwendungen E-Recruiting und Learning). Sie soll auf einer separaten Instanz implementiert werden und eng mit S/4Hana integriert sein. Details hat SAP in einem Statement veröffentlicht.

HCM Bridge to the Cloud ist für Kunden gedacht, die ein klassisches SAP HCM im Einsatz haben und den Einstieg in die Cloud wagen möchten. Die Services und Tools für die Digitalisierung der HR-Prozesse sollen „klare Leitlinien“ bieten und die Umstellung auf Success Factors erleichtern. Dies sei das erste einer geplanten Reihe von Angeboten, die 2018 bekannt gegeben werden sollen, heißt es aus Walldorf.

Die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe e.V. (DSAG) begrüßt die Ankündigung der neuen Hana-Lösung, will aber weiter kritisch beobachten, wie die neue Lösung im Sinne der Kundenbedürfnisse ausgestaltet wird.

„Es ist gut, dass SAP jetzt zumindest bis 2030 eine On-Premise-Lösung bietet und vielen unserer Mitgliedsunternehmen damit erst einmal Optionen ermöglicht“, erläutert Jean-Claude Flury, DSAG-Vorstand Business Networks Integration. Er hat die DSAG-Forderung nach einer klaren Aussage von SAP zur Zukunft aller HCM-Module begleitet. Die neue Lösung soll ausschließlich auf der Hana-Datenbank laufen; für die Migration soll es Services und Tools geben. Zudem wird es für die neue Lösung im Personalwesen eine eigene Wartungsstrategie geben, da sie unabhängig neben S/4Hana laufen wird. Bestandskunden sollen eine Lizenzkonvertierung nach den bestehenden S/4Hana-Konvertierungsregeln erhalten.

Auf die Frage, welches Betriebsmodell für SAP-Software im Personalwesen ihr Unternehmen strategisch in den nächsten Jahren voraussichtlich realisiert, gaben 41 Prozent der Befragten in einer DSAG-Umfrage an, dass sie ihr Betriebsmodell ausschließlich oder überwiegend On-Premise sehen. 42 Prozent der Befragten gaben an, eine hybride Lösung bestehend aus On-Premise und privater oder public Cloud zu bevorzugen, während zirka 7 Prozent eine Cloud-Only-Lösung in Erwägung ziehen. Mit der Zwischenlösung kommt SAP somit insbesondere den 41 Prozent der Befragten entgegen, die ihr Betriebsmodell strategisch vor allem On-Premise sehen.

Zurückhaltung bei Cloud-Lösungen

Die zögerliche Haltung der Umfrageteilnehmer gegenüber der von SAP präferierten Cloud-Lösung überrascht den DSAG-Arbeitskreis-Sprecher Personalwesen Hermann-Josef Haag nicht. Als Anwender weiß er selbst um die Herausforderungen und Hindernisse, denen die Umfrageteilnehmer bei der Umsetzung der SAP-Strategie gegenüber stehen. „Wir haben gezielt danach gefragt und mehr als die Hälfte (54 Prozent) hält die funktionalen Anforderungen des Personalwesens in den neuen, Cloud-basierten Lösungen für noch nicht ausreichend erfüllt. Umso begrüßenswerter ist die von SAP jetzt angebotene Zwischenlösung“, so Hermann-Josef Haag.

Etwa 26 Prozent der Befragten begründen ihre Zurückhaltung in Bezug auf die Cloud-Lösungen mit der Befürchtung, die Kontrolle über die Software zu verlieren – insbesondere über die individuellen Teile. Mit knapp 27 Prozent spielt auch die Unsicherheit bei der Einhaltung von Regulatorik, Compliance und Security eine signifikante Rolle. „Wo liegen die Daten? Wo gehen die Daten hin? Wie gehen wir mit Verträgen um? Wer zahlt, wenn das Rechenzentrum von SAP streikt und die Lösung nicht verfügbar ist? Hier gibt es große Fragezeichen, die den Anwendern eine Entscheidung für die neuen, Cloud-basierten Lösungen erschweren. Mit der neuen Lösung bekommen wir hier mehr Zeit zur Klärung“, so der DSAG-Arbeitskreis-Sprecher.

 

Erhöhter Handlungsbedarf beim Lohn

Die DSAG-Umfrage zeigt auch, dass beim Thema Lohn- und Gehaltsabrechnung erhöhter Handlungs- und Informationsbedarf besteht. „SAP arbeitet laut eigenen Aussagen zurzeit an einer komplett neuen Lösung für die Abrechnung, die durch Micro-Services verstärkt automatisiert ablaufen und beispielsweise auch Elemente des maschinellen Lernens enthalten. Hier wird sich noch herauskristallisieren müssen, wie diese Micro-Services konkret zusammenspielen sollen“, hinterfragt Flury die Vorgehensweise. Generell sei es jedoch erfreulich, dass SAP hier an einer langfristigen Lösung für die Anwender arbeite.

„Es wird derzeit zwar gar keine Wartungsverlängerung der bestehenden ERP-HCM-Lösung nach 2025 geben, doch durch die Einführung des neuen On-Premise-Lösung erhalten unsere Mitglieder zumindest für die Zeit nach 2025 und bis 2030 erst einmal eine Alternative zu den reinen Cloud-Lösungen, die die Funktionalitäten des HCM abdecken soll“, glaubt Flury. Prinzipiell begrüßt er das Ergebnis, hält die drei Jahre jedoch für ambitioniert, die SAP ihren Kunden für die Migration gibt. Zudem seien wichtige Detailfragen noch zu klären. So müssten beispielsweise noch konkretere Informationen zum Pricing und eine tragfähige Aussage zu einzelnen Komponenten bzw. Modulen (wie z.B. Reisemanagement) getroffen werden.

Bildquelle: DSAG

©2018 Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH